Alicja Slufik und ihre Kolleginnen von Frauen in Arbeit und Wirtschaft geben beruflichen Rat Die Mutmacherinnen

Die berufliche Anerkennung für Einwanderinnen und Einwanderer ist nicht bundeseinheitlich geregelt. Hinter jedem Einzelfall der üblichen Aberkennung für den hiesigen Arbeitsmarkt steht das Schicksal einer Person, einer Familie. Einen steinigen Weg durch Instanzen und neue Qualifizierung hat Alicja Slufik selbst hinter sich. Seit vielen Jahren stellt sie sich Einwanderinnen und Migrantinnen an die Seite, lebt die Enttäuschungen mit und stärkt Frauen für den eigenen Weg zu Anerkennung und zu neuer Qualifizierung.
08.03.2012, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Edwin Platt UnD SaBINE GRULKE

Die berufliche Anerkennung für Einwanderinnen und Einwanderer ist nicht bundeseinheitlich geregelt. Hinter jedem Einzelfall der üblichen Aberkennung für den hiesigen Arbeitsmarkt steht das Schicksal einer Person, einer Familie. Einen steinigen Weg durch Instanzen und neue Qualifizierung hat Alicja Slufik selbst hinter sich. Seit vielen Jahren stellt sie sich Einwanderinnen und Migrantinnen an die Seite, lebt die Enttäuschungen mit und stärkt Frauen für den eigenen Weg zu Anerkennung und zu neuer Qualifizierung.

Altstadt. Im Büro von "Frauen in Arbeit und Wirtschaft" in der Knochenhauer Straße führt Alicja Slufik ein Gespräch. Am Telefon geht es bloß um einen Termin, wie es scheint. Die studierte Russin am anderen Leitungsende möchte wissen, wie sie in Bremen Arbeit findet. Alicja Slufik bietet auf Russisch einen Termin an. Es klingelt wieder. Auf Polnisch gibt Alicja Slufik Auskünfte zu Deutschkursen.

Bei "Frauen in Arbeit und Wirtschaft" hat Alicja Slufik vor 15 Jahren angefangen. Heute berät sie Migrantinnen zu beruflichen und integrativen Möglichkeiten in Bremen. Alicja Slufik ist Fachfrau durch eigene Erfahrung auf diesem Gebiet. 1958 ist Alicja Slufik in Polen, 120 Kilometer von Berlin entfernt, zur Welt gekommen, als eines von fünf Geschwistern. Im früheren Stettin, das heute Szczecin heißt. Die Hafenstadt war im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert worden. In einigen Wohngebieten stand nur noch die Hälfte der Häuser. Als Alicja Slufik ein Kind war, lief der Wiederaufbau noch. In Szczecin schloss sie die Schule mit dem Abitur ab, begann im Büro einer Baufirma mit 2000 Mitarbeitern zu arbeiten und studierte nebenbei unter anderem Verwaltungsrecht.

Ein Studium neben der Arbeit am Abend und an allen Wochenenden, über fünf Jahre, ist in Polen üblich. Mit einem "Sehr gut" hat Alicja Slufik ihren Abschluss gemacht und danach die Position "Innere Kontrolle" in ihrer Firma übernommen. 1984 heiratet sie. Vier Jahre später bringt sie eine Tochter zur Welt. Sie und ihr Mann haben Arbeit und eine sichere Zukunft, als der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuz sich bei ihnen meldet und ihnen mitteilt, dass sie Verwandte in Dresden haben.

Damit hat Alicja Slufik das Anrecht auf deutsche Papiere und auf die Einreise nach Deutschland. Der sehr gute Studienabschluss lässt sie auf eine gut dotierte Anstellung in Deutschland hoffen, auf eine freie Zukunft im Westen.

"Ich kann nicht glauben, dass wir das alles geschafft haben", sagt Alicja Slufik heute. Im Übergangslager Friedland entschied sich innerhalb eines Monats, dass Bremen die Slufiks aufnehmen muss. Als Aussiedler haben sie die Wahl, ins Lager Lesum zu ziehen oder anderswo privat unterzukommen. Einen Monat lang wohnen die Eltern mit ihrer Tochter bei zwei weitläufig Bekannten in drei kleinen Zimmern. Schnell schaffen sie es mit sehr geringen Deutschkenntnissen, den Antrag auf eine Wohnung zu verstehen und ihn auszufüllen. Ungeahnte Berge von Formalitäten sind zu erledigen.

Nach sechs Monaten in Bremen beginnt ihr Mann, ein Servicetechniker, bei Schmidt und Koch. Ein Platz im Kindergarten ist gefunden, und Alicja Slufik kämpft um die berufliche Anerkennung. Deutsch lernt sie in einer Kirche mit anderen Aussiedlern, darunter einigen, die in ihrer Heimat Analphabeten waren. Das reicht ihr nicht. Es sei damals schwer gewesen, neu in der Stadt mit eingeschränkten Sprachkenntnissen Informationen zu Bildung und Anerkennung zu erhalten, sagt sie.

Der endgültige Bescheid zu ihrem Studium wirkt wie ein Schlag: "Kann nicht anerkannt werden." Das neue Heimatland sperrt sich. Ist der Neubeginn, sind fünf Jahre berufsbegleitendes Studium, ist das Abitur und der Magister der Verwaltung in Bremen nichts wert? Alicja Slufik beendet vorerst für sich die Auseinandersetzung mit der Bildungsbehörde und nimmt eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in der Evangelischen Familien-Akademie auf.

"Den ersten Tag vergesse ich nie", sagt Alicja Slufik über den Moment, als sie sich in einer Unterrichtsstunde in Betriebswirtschaftslehre vorstellen sollte: "Sie haben den Magister in Verwaltung? Dann müssen wir tauschen", sagte ihr Lehrer respektvoll. 1993 schloss Alicja Slufik die kaufmännische Ausbildung vor der Bremer Handelskammer mit guten Noten und guten Deutschkenntnissen ab.

Während ihrer Ausbildungszeit hat sie die bremische Anerkennung ihres Magisters der Verwaltung erhalten. Eine Weiterbildung im Marketing folgte, als sie 1995 bis 1997 beim Vulkan arbeitete, bis zur Abwicklung der Insolvenz. Von 1997 an ist Alicja Slufik bei Frauen in Arbeit und Wirtschaft beschäftigt. Berufliche Orientierung und Planung im Rahmen der Maßnahme EQUAL für Bremen und Bremerhaven war ihr erstes großes Projekt und ist ihr ein inneres Anliegen. Die Aktivierung von Migrantinnen zur beruflichen Qualifizierung ist Inhalt ihres zweiten Projekts. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Berufs- und Bildungsberatung ist ihr heutiger Status bei Frauen in Arbeit und Wirtschaft. Ihre Arbeitszeit ist von 40 auf 30 Stunden reduziert. Frauen in Arbeit und Wirtschaft muss, wie andere Beratungsstellen auch, mit weniger Fördergeld zurechtkommen.

Von Erfahrungen, die sie bei dem Versuch gemacht hat, beruflich wieder Fuß zu fassen, kann sie profitieren. Es hat sich wenig geändert. "Der Großteil der Antragstellerinnen geht davon aus, dass sie im erlernten Beruf in Deutschland arbeiten können. Dass in vielen Berufen eine Anerkennung benötigt wird, ist bekannt. Dass diese Anerkennungen nicht zu bekommen sind, ist ein Schock für die Antragstellerinnen", sagt Alicja Slufik. Anfangs, solange sie noch mit der Landessprache Probleme haben, erfahren Migrantinnen ihrer Erfahrung nach nicht genügend über das deutsche Bildungssystem oder darüber, wo sie Hilfen zur beruflichen Anerkennung bekommen.

Als Betroffene und Fachfrau arbeitet Alicja Slufik unter hoher Anspannung und sucht individuelle Wege für jeden Einzelfall. Häufig erlebt sie auch Enttäuschungen mit, durch Aberkennung oder Ablehnung. "Motivationsarbeit ist eine schwere harte Arbeit. Man kommt schnell an seine Grenzen", sagt Alicja Slufik. "Wir fangen klein an mit dem Eingangstest für das Sprachniveau, Empfehlungen zur Sprachschulung und erst dann zur fachlichen Qualifikation. Bis zum Beruf der Berufung ist es ein steiniger Weg." Alicja Slufik hat ihren Weg gemacht. "Ich habe meine Heimat gefunden", sagt die Wahlbremerin, die in Blumenthal wohnt. "Mein Mann ist eine große Hilfe. Er unterstützt mich in allem, was ich anfange." Und sie setzt sich auch als Referentin für andere Migrantinnen ein.

"Wir wollen Frauen motivieren, es zu wagen", sagt ihre Kollegin Berrin Yaman, die zweite Fachfrau in der Beruflichen Orientierungs- und Weiterbildungsberatung des Vereins FAW, die sich insbesondere um Migrantinnen kümmert, die eine Arbeit suchen. Besonders froh ist Berrin Yaman über eine Erfolgsgeschichte, an der sie als Orientierungsberaterin erheblichen Anteil gehabt habe: Es ging um eine Frau Anfang 40, die seit fünf Jahren in Deutschland lebt. Zwar hatte sie in Ankara Politikwissenschaft studiert, das Studium jedoch abgebrochen. Als Bezieherin von Arbeitslosengeld II hatte sie auch einen berufsbezogenen Deutschkursus absolviert, sei aber zu FAW gekommen, "um zu gucken, wo ihre Kompetenzen liegen".

Insbesondere die MINT-Berufe, also die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) hätten die Ratsuchende interessiert. "Digitale Medien - das konnte sie sich gut vorstellen", erzählt die Beraterin. Voraussetzung dafür war jedoch ein Bildungsgutschein für eine zwölfmonatige Maßnahme inklusive eines dreimonatigen Praktikums.

Einen notwendigen psychologischen Eignungstest bestand die Frau zunächst nicht, "doch wir haben nicht nachgelassen und nicht aufgegeben", berichtet Berrin Yaman. Sie habe sich bei der Fallmanagerin der Arbeitsagentur dafür eingesetzt, dass die Frau "eine faire Chance bekam" und ihr schließlich doch ein Bildungsgutschein für die Weiterbildungsmaßnahme "Digitale Medien" gewährt worden sei.

Frauen in Arbeit und Wirtschaft (FAW) unterstützt jedoch nicht nur Migrantinnen, die bei Bedarf sogar in den Sprachen Russisch, Polnisch, Türkisch, Englisch, Französisch und Ungarisch beraten werden können. Jede Frau, die Unterstützung bei der Entwicklung neuer beruflicher Perspektiven braucht, ist willkommen. "Die Beratung ist kostenlos für die Frauen", betont Andrea Klinz. "Die Frauen bekommen so viele Beratungen, wie sie brauchen."

Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet in der Beratungsstelle "nach dem systemisch-lösungsorientierten Ansatz". Was darunter zu verstehen ist, erläutert sie so: "Ich gucke: Welche Ressourcen bringen die Frauen mit?" Die Stärken und Fähigkeiten der Gesprächspartnerinnen zu erkennen, dafür hat sie eine Zusatzausbildung absolviert. Insgesamt sind bei FAW elf Mitarbeiterinnen beschäftigt, alle in Teilzeit. Sie helfen Rat suchenden Frauen ganz konkret dabei, beispielsweise Bewerbungsmappen zu optimieren oder bei deren Karriereplanung.

Das Angebot von FAW richtet sich an erwerbslose und erwerbstätige Frauen aller Berufe - unabhängig von Schul-, Berufs- oder Studienabschluss. Informiert wird über Möglichkeiten des beruflichen Einstiegs oder Wiedereinstiegs und einer Umorientierung. Über Berufe in Zukunftsbranchen wird ebenso gesprochen wie über Existenzgründungen, Aufstiegsqualifizierung und Weiterbildung. Kompetent, unabhängig und kostenfrei zu sein, damit wirbt FAW. "Wir haben alle eine hohe Beratungskompetenz", versichert Andrea Klinz.

Frauen in Arbeit und Wirtschaft, Knochenhauerstraße 20-25, gefördert durch die Europäische Union, das Jobcenter der Stadt Bremen und B.E.G.I.N. ( Initiative des Senators für Wirtschaft und Häfen). Telefon 169370, Mail kontakt@faw-bremen.de, Internet www.faw-bremen.de.

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