AWI-Leiterin Antje Boetius im Interview

„Die Natur verschafft sich Gehör“

Wie wahrt man die Zuversicht, wenn man als Forscherin warnt und nichts passiert? AWI-Leiterin Antje Boetius spricht im Interview über träge Klimapolitik, persönlichen Verzicht und Strategien gegen Pessimismus.
12.09.2019, 06:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
„Die Natur verschafft sich Gehör“
Von Nico Schnurr
„Die Natur verschafft sich Gehör“

„Ich will mich nicht von Angst leiten lassen“, sagt Antje Boetius. „Ich gehe lieber raus und mache, was in meiner Kraft liegt.“ Seit 2017 leitet die Forscherin das AWI.

Rolfes/AWI

Frau Boetius, bald startet die bisher größte Arktisexpedition, und Sie sind nicht dabei. Ärgert Sie das?

Antje Boetius: Und wie! Als ich vor drei Jahren in der Arktis war, habe ich noch gedacht, ich könnte bei der Mosaic-Expedition dabei sein. Dann kam der Job als Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts dazwischen, und plötzlich kann ich nicht mehr einfach für einige Monate im Eis verschwinden. Die Arktis ist zu weit weg und der Internetempfang zu begrenzt, um dort Alltagsaufgaben zu erledigen. Ich kann jetzt nur helfen, die Expedition auf den Weg zu bringen.

Warum wollen Sie ausgerechnet an einem der kältesten Orte der Erde versuchen, den Klima­wandel besser zu verstehen?

Die Arktis funktioniert wie ein Frühwarnsystem. Sie erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Während wir immer noch darüber diskutieren, ob wir es schaffen, die globale Erwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters zu begrenzen, taut die Arktis immer schneller.

Lesen Sie auch

Was bedeutet das für uns?

Das wollen wir herausfinden. Da sind viele Fragen offen. Raubt unser Lebensstil dem Eisbären und dem Walross ihren Lebensraum? Schaden wir uns selbst, weil der Rückgang des Eises auf Wetter, Winde und Meeresströmungen wirkt?

Die Forscher können die zentrale Arktis nur mit einer Drift erreichen. Ganz planbar ist das nicht. Beunruhigt Sie das?

Es ist aufregend, denn es ist tatsächlich unsicher, wie das laufen wird. Dort, wo die Forscher das Schiff einfrieren lassen wollen, schmilzt das Eis gerade zu einem neuen Minimum. Wir suchen noch nach Schollen, die groß und dick genug sind. Die letzte Hitzewelle im August erschwert die Planung.

In diesem Sommer sind auch bei uns die Flüsse und Böden ausgetrocknet. Ist das erst der Anfang?

Die Erderwärmung schreitet deutlich schneller voran, als wir erwartet haben. Wir sehen die Waldbrände in den Nachrichten, die vertrockneten Felder und die schmelzenden Gletscher. Und dennoch verhalten wir uns so, als würde der Klimawandel in der fernen Zukunft passieren. Diese Haltung schadet kommenden Generationen. Die Zeit, teure Schäden zu vermeiden, läuft ab. Der Klimawandel ist längst da. Und doch muss man sagen: Es kann noch vieles erreicht werden. Wir müssen nur anfangen.

Wundern Sie sich, dass die allgemeine Aufregung nicht noch größer ist?

Ich wundere mich über die vielen Regierungen, die meinen, wir hätten noch Zeit. Die Wissenschaft hat vor über zehn Jahren aufgezeigt, dass der Klimawandel zu einem volkswirtschaftlichen Problem wird, wenn wir nicht sofort handeln. Passiert ist wenig. Die Kosten, die uns das beschert, werden immer größer. Und sie treffen den Steuerzahler. Doch dem wird vorgerechnet, Klimaschutz sei teuer.

Lesen Sie auch

Das regt Sie auf?

Ich habe das Gefühl, dass mit dem Bürger nicht ehrlich umgegangen wird. Bei all den Gutachten kann ich mir kaum vorstellen, dass die Politik den Ernst der Lage noch immer nicht verstanden hat. Auf mich wirkt es, als ginge es oft nur darum, die Verantwortung abzuwälzen, auf andere Nationen oder die nächsten Generationen. Das ist ungerecht und unanständig.

Wie schaffen Sie es, zuversichtlich zu bleiben?

Ganz ehrlich, es gibt immer öfter Momente, in denen ich meinen Optimismus verliere.

Was sind das für Momente?

Als der Bericht des Weltklimarats zur Erwärmung an Land gezeigt hat, dass wir das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr erreichen können, war ich schockiert. Weil ich als Polarforscherin weiß, was das für bedrohliche Konsequenzen nach sich zieht.

Trotzdem wirken Sie nicht wie jemand, der aufgegeben hat.

Das habe ich auch nicht. Ich verbiete mir Pessimismus. Manchmal höre ich, wie Leute sagen: Der Mensch ist nur eine Eintagsfliege in der Erdgeschichte, alles halb so wild. Das finde ich zynisch. Selbst wenn man sich nicht für die Chancen unserer Kinder interessiert. Es geht auch um das Verschwinden von Landschaften, um das Aussterben von Arten.

Wie schützen Sie sich davor, dem Pessimismus zu verfallen?

Es hilft mir, aktiv zu sein. Ich bekomme unglaublich viele Einladungen, spreche mit vielen Menschen. Und dann frage ich mich seit einer Weile auch: Wie kann ich durch neue Netzwerke, etwa in Kunst und Kultur, lernen und Kraft schöpfen? Ich suche auch in der Geschichte nach Antworten, nach großen Problemen, bei denen wir Menschen doch noch das Richtige in letzter Sekunde gemacht haben.

Das hilft Ihnen?

Ja, vielleicht auch, weil ich von Natur aus ein fröhlicher, positiv denkender Mensch bin. Ich will mich nicht von Angst leiten lassen. Ich gehe lieber raus und mache, was in meiner Kraft liegt. Um den Kopf in den Sand zu stecken, ist es gerade die falsche Zeit. Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt politische, soziale und technische Lösungen. Was fehlt, ist der Mut, die Logik, die Experimentierfreudigkeit.

Wann haben Sie entschieden, nicht mehr bloß die Forscherin zu sein, die von der Tiefsee schwärmt?

Das ist ein längerer Prozess gewesen. Im Winter 2015 war ich noch erleichtert. Das Pariser Klimaabkommen markierte einen wichtigen Schritt. Damals habe ich aufgeatmet und gedacht: Jetzt kommt die Welt endlich zur Vernunft. Doch dann passierte wieder nichts. Gerade Deutschland ist nach dem Abkommen in Trägheit versunken.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Da habe ich gemerkt: Es reicht nicht, als Forscherin nur Daten zu liefern. Ich muss die Risiken ansprechen, aber auch die Chancen. Ich erzähle noch immer gerne von der Tiefsee und allem, was dort zu entdecken ist, aber ich sage jetzt auch, wie gefährdet diese Schönheit ist. Und wie sehr wir uns anstrengen müssen, um sie zu bewahren.

Die aktuelle Diskussion kreist viel um Verzicht.

Mich stört das. Ich halte das für eine Nebelkerze, die den Blick auf die Dinge verzerrt.

Warum?

Weil in dieser Verzichtsdebatte einiges durcheinandergerät. Es ist absurd, wenn Schüler oder Wissenschaftler Klimaschutz einfordern und dann abgebügelt werden mit dem Hinweis, dass sie aufhören sollten zu reisen, aufzutreten, sich zu vernetzen. Wir haben schon Briefe bekommen, dass wir nicht mehr forschen sollten, um CO₂ einzusparen.

Lesen Sie auch

Sind persönliche Einschränkungen sinnvoll?

Natürlich ist es wichtig, dass sich jeder überlegt, was er beitragen könnte. Es wird ja so getan, als könnte man den Menschen keine Änderung in ihrem Lebensstil zumuten. Als würde ein Leben ohne Billigflüge und Billigkleidung nicht funktionieren. Dabei werden die Einschränkungen durch den Klimawandel doch viel größer sein. Schon jetzt verlieren Menschen ihre Heimat. Ist es wirklich Verzicht, weniger Fleisch zu essen? Oder ist es Verzicht, zum Ende des Jahrhunderts weltweit absterbende Korallenriffe zu haben? Wir sollten uns aber nichts vormachen: Persönliche Einschränkungen können keine politischen Lösungen ersetzen.

Das heißt, CO₂-Emissionen müssen teurer werden?

Ich denke schon. Die Preisgestaltung ist ein schneller, direkter Weg. Das kann man aus der CO₂-Kurve der letzten Dekade ablesen: Wenn Öl teuer war, war der Verbrauch kleiner. Wer die Atmosphäre als CO₂-Deponie benutzen will, muss dafür zahlen.

Braucht es jetzt einen starken Staat?

Der Klimawandel ist eine fundamentale Herausforderung, und ich frage mich auch, ob es wirklich noch Sinn macht, krampfhaft an dieser Politik der schwarzen Null festzuhalten. Gerade jetzt, wo die Wirtschaft schwächelt und es Antworten in der Klimakrise braucht, meine ich, dass in erheblichem Maße in die Infrastruktur investiert werden müsste. Etwa in den Ausbau des energiearmen Wohnens und der öffentlichen Verkehrsmittel. Wir können nicht das Tanken teurer machen und die Menschen alleine lassen mit der Frage, wie sie auf anderem Weg zur Arbeit oder in den Urlaub kommen.

Sie sind bei einer Demonstration von Fridays for Future als Rednerin aufgetreten. Was hat die Bewegung bisher erreicht?

Wir haben unsere Jugend lange unterschätzt. Wir haben sie für ignorant gehalten, was die Zukunft der Erde angeht. Dabei haben sie in der Schule so gut aufgepasst, dass sie nicht nur ihre Meinung äußern können, sondern auch noch recht haben. Und sie stellen die richtige Frage: Wie kann es sein, dass eine Generation der anderen den Lebensraum zerstört?

Sie haben diese Frage schon vor Jahren gestellt...

Uns Wissenschaftler stimmt diese Bewegung manchmal auch etwas nachdenklich.

Lesen Sie auch

Sind Sie neidisch?

Nein, der Protest der Jugendlichen ist wichtig. Die Schüler gewinnen eine breite Öffentlichkeit für das Thema. Sie schaffen etwas, das der Wissenschaft lange nicht gelungen ist, trotz der vielen Vermittlungsversuche. So großartig der Protest der Schüler ist, gibt er uns Wissenschaftlern auch zu denken. Man fragt sich schon: Warum ist uns das nicht gelungen, die Menschen so mit unseren Botschaften zu erreichen?

Haben Sie Sorge, dass das Thema wieder von der Bildfläche verschwindet?

Nein, dafür ist es zu groß und wichtig. Es kann immer sein, dass eine andere Katastrophe passiert und der Klimawandel in den Hintergrund rückt. Aber das Thema wird bleiben, weil es zunehmend spürbar ist. Im vergangenen Jahr haben die Bauern Hilfen wegen des Ernteausfalls gefordert und gesagt: Noch so einen Sommer schaffen wir nicht. Jetzt ist dieser Sommer da gewesen, noch mehr Bauern haben gekämpft, die Wälder haben in einem nie dagewesenen Maße gebrannt – und wieder haben wir mehr über den Klimawandel diskutiert. Die Natur verschafft sich Gehör.

Sie haben mal gesagt: „Ich habe das Gefühl, dass ich momentan alles geben muss.“ Wann schalten Sie runter?

Ich warte gespannt auf den 20. September. Dann beginnt die Mosaic-Expedition, es gibt einen internationalen Klimastreik, der Sonderbericht zu Ozeanen wird vorgestellt, die Klimawoche der Vereinten Nationen beginnt. Und das Klimakabinett stellt vor, wie Deutschland die Klimaziele erreichen will. Wenn es die Koalition nicht schafft, sich auf einen großen Impuls zu einigen und es beim Stillstand bleibt, werde ich sicher nicht runterschalten. Dann muss ich einen sechsten Gang erfinden.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Lesen Sie auch

Info

Zur Person

Antje Boetius (52) ist Meeresforscherin und Professorin an der Universität Bremen. Sie leitet das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Boetius engagiert sich bei Scientists for Future.

Info

Zur Sache

Die Mosaic-Expedition

Der WESER-KURIER wird dabei sein, wenn das Forschungsschiff „Polarstern“ am 20. September im norwegischen Tromsø ablegt und 100 Wissenschaftler und Seeleute zur größten Arktis­expedition aller Zeiten aufbrechen. Die Mosaic-Expedition wird vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut geleitet. Die Wissenschaftler aus 17 Nationen wollen den arktischen Winter erkunden. Dafür lassen sie die „Polarstern“ auf einer Eisscholle einfrieren.

Das Schiff soll sich mit der natürlichen Drift fortbewegen, tiefer ins Eis hinein, Richtung Spitzbergen. Ein Jahr soll die Expedition dauern. Die Wissenschaftler werden unter Extrembedingungen forschen. Während der Polarnacht werden sie 150 Tage im Dunkeln arbeiten, bei Temperaturen von minus 40 Grad. Die Expedition kostet ungefähr 120 Millionen Euro.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+