Erinnerungen an ein aufsehenerregendes Bauprojekt Die "Neue Vahr" wird fünfzig

Bremen. Die Baustelle damals war eine Attraktion: Mehr als 10.000 Wohnungen auf einen Schlag, wo gab es das schon, nirgends, außer in Bremen. Vier Jahre lang wuchs im Osten der Stadt ein neues Quartier heran, bis im August 1961 alles fertig war.
07.08.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Die Baustelle damals war eine Attraktion: Mehr als 10.000 Wohnungen auf einen Schlag, wo gab es das schon, nirgends, außer in Bremen. Vier Jahre lang wuchs auf dem Acker im Osten der Stadt ein neues Quartier heran, bis im August 1961 alles fertig war. Hunderttausende von Menschen haben seither in der Neuen Vahr eine Heimat gefunden. Sie kamen und gingen, ganz normal, ein paar Hundert aber sind auf ewig geblieben: Ein Besuch bei den "Vahraonen".

Die Dettmers sind 1959 in die Neue Vahr gezogen. Irma und Egon, ein frisch vermähltes Ehepaar. "Am Tag vor dem Einzug haben wir noch schnell geheiratet", erzählt Egon Dettmer. Ohne Trauschein wär's nicht gegangen, so war das damals, "ich musste das Stammbuch vorlegen, sonst hätten wir den Wohnungsschlüssel nicht bekommen".

Der 78-Jährige war früher bei Nordmende in Hemelingen beschäftigt, und er war in der Gewerkschaft aktiv, bei der IG Metall. Verheiratet, ein wackerer Arbeiter und in der Gewerkschaft - das half sehr, um an eine der begehrten Wohnungen zu kommen.

Die Neue Vahr war ein Projekt der Sozialdemokraten, sozialer Wohnungsbau im großen Stil, damit die Not ein Ende hat. Wilhelm Kaisen, der erste frei gewählte Bürgermeister nach dem Krieg, hatte die Parole ausgegeben, zunächst den zerstörten Hafen wieder aufzubauen, was auch gelang und wirtschaftlichen Erfolg brachte. Lange vernachlässigt wurde dafür aber der Wohnungsbau. Und als er Mitte der 50er-Jahre endlich angepackt wurde, waren es zuallererst SPD-Mitglieder und Gewerkschafter, die davon profitierten.

"Wir wurden beneidet"

Egon Dettmer, der mit seiner Frau ins Wohnzimmer eingeladen hat, kennt einen Mann von früher, der die Neue Vahr erfunden und politisch befördert hat: Richard Boljahn, SPD-Fraktionschef, Gewerkschaftsboss und Aufsichtsratsvorsitzender der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Gewoba, die bei dem Megaprojekt Regie führte und in der Vahr bis heute rund 8000 Wohnungen bewirtschaftet. "Boljahn, ja!" - Dettmer strahlt bei dem Namen, "das war einer, der ging drauf los." Ein Typ, meint er, wie Herbert Wehner. "Der sagte noch, was er meinte, nicht so wie heute."

Es gibt in der Vahr die Richard-Boljahn-Allee, es gibt die Kurt-Schumacher-Allee, und es gibt Straßen, die sind zum Beispiel nach Ferdinand Lassalle benannt, nach August Bebel, Franz Mehring, Eduard Bernstein, Otto Braun oder Karl Kautsky - lauter Vordenker der Sozialdemokratie aus der Zeit ihrer Anfänge. Auch Wilhelm Liebknecht, noch einer aus dieser Garde, hat in der Neuen Vahr eine Straße bekommen. In der Liebknecht wohnen die Dettmers, so lange schon wie sie in der Neuen Vahr sind, seit 52 Jahren.

"Wir wurden beneidet", sagt Egon Dettmer. Eine Heizung in der Wohnung, sogar ein Bad, das kannten viele damals nicht. Immer noch gab es Notunterkünfte, und mindestens war es bedrückend eng zu Hause, weil Flüchtlinge und Verwandte aufgenommen werden mussten. Die Dettmers hatten plötzlich Platz, 60 Quadratmeter, ein Luxus, so empfanden sie das. Der Balkon ist so groß, dass man zu zweit oder dritt bequem drauf sitzen kann. Der Blick zunächst auf die Baustelle und später mehr und mehr ins Grün hinein, denn das gehörte zum Konzept dazu: viel unbebaute Fläche drumherum, viel Platz auch zum Spielen für die Kinder.

Dettmers haben keine Kinder, wohl aber die Nachbarin und Freundin, sie sitzt mit dabei, als im Wohnzimmer Bilder aus der Anfangszeit der Neuen Vahr gezeigt werden. Meta Naumann, 79 Jahre alt und ebenfalls eine "Vahraonin" der ersten Stunde. "Durch den Matsch mussten wir, und mit dem Kinderwagen über Balken, damit wir's bis zum Haus schafften", erzählt sie. Ihre Wohnung: Drei-Zimmer-Küche-Bad, der Standard und ausreichend für Mann, Frau und zwei Kinder.

"Wir waren mal eine Einheit"

Von der Küche aus, die überall in der Neuen Vahr als sogenannte Frankfurter Küche eingerichtet ist, dem Urtyp der Einbauküche, konnte Meta Naumann ihre Kinder auf dem Spielplatz beobachten. Kein Zufall, sondern das Kalkül der Planer: Sie folgten beim Bau der Häuser, Wohnungen und Außenanlagen dem Bild einer Familie, die im Schnitt 2,4 Kinder hat, einen Mann, der arbeitet und das Geld nach Hause bringt und eine Frau, die am Herd steht und auf die Kinder aufpasst. Ein Bild von gestern, weswegen die allermeisten Wohnungen in der Neuen Vahr nicht mehr zeitgemäß geschnitten sind: zu viele und zu kleine Räume.

Meta Naumann hat einmal aufhorchen lassen in der Nachbarschaft. Die zieht um, hieß es, unvorstellbar. Beruhigung erst, als klar war, wohin: Von oben nach unten, in eine kleinere Wohnung, weil der Mann gestorben war und sie Geld sparen musste. "Ich habe aber immer noch denselben Eingang", betont die Rentnerin, ganz so, als wollte sie sich für den Umzug entschuldigen.

Die Dettmers hatten während der 52 Jahre zwei reizvolle Offerten, woanders hinzuziehen, so richtig locken konnte sie das aber nicht. "Wir haben hier alles in direkter Nähe: Busse, Bahnen, diverse Einkaufsmöglichkeiten und eine ganze Straße voller Ärzte, das ist doch gut, warum hätten wir weggehen sollen?", sagt Egon Dettmer. Mit seinem Vermieter, der Gewoba, ist er zufrieden, "die kommen sofort, wenn was ist". Und die Miete - bezahlbar, knapp acht Euro für den Quadratmeter.

Einzig der Zusammenhalt im Haus, so wie er früher war, das fehlt ihm und seiner Frau genauso. "Es gibt Leute, die grüßen kaum noch", sagt sie. Kein Interesse an der Gemeinschaft, ein anderes Leben, eine andere Herkunft, und viel jünger sind die neuen Nachbarn sowieso.

"Wir waren mal eine Einheit", sagt Egon Dettmer. Es gab Kohlfahrten und Grillfeste, erzählt er, man traf sich, gerne auch mal im Café Heinemann, wo am Wochenende zum Tanz aufgespielt wurde. Dettmer kann sich auch noch gut an das große Volksfest zur Einweihung der Neuen Vahr erinnern, im August vor 50 Jahren, "da sind wir mit dem ganzen Haus hingegangen". Überhaupt keine Frage, dass jemand nicht mitkam. Sie alle waren "Vahraonen", wie sie sich selbst nannten, eine einzige große Familie, doch das ist schon lange vorbei.

Die Dettmers und Meta Naumann - drei, die in der Neuen Vahr von Anfang an dabei waren. Die Zahl der Erstmieter, die immer noch im Stadtteil wohnen, wird auf knapp 700 geschätzt. Erstaunlich viele, wenn man bedenkt, dass nach dem Bau der ersten Häuser mehr als 50 Jahre vergangen sind. Erstaunlich auch, dass es in der Neuen Vahr bei einem derart großen Wohnungsbestand so gut wie keine Leerstände gibt. Das viele Grün, die Infrastruktur und vergleichsweise moderate Mietpreise sorgen offenbar für gleichbleibend hohe Nachfrage.

Funktional und schlicht

Die Architektur in dem Stadtteil ist sehr schmucklos gehalten, funktional und schlicht. Mit einer Ausnahme: dem Aalto-Hochhaus. Erbaut wurde es von Alvar Aalto, einem Finnen, der bei seinen Plänen zuerst den Menschen gesehen hat und seine Bedürfnisse. Das 65 Meter hohe Haus mit seinen 22 Etagen und 189 Ein- oder Zweizimmer-Appartements, die wie Tortenstücke angeordnet sind und alle einen individuellen Grundriss haben, ist mit seinen Balkonen nach Westen ausgerichtet, zur Feierabendsonne. Das Erdgeschoss gestaltete der Architekt so groß und einladend wie die Eingangshalle eines Hotels. Und es gab Räume für die Hausgemeinschaft, zum Feiern, Spielen oder für Vorträge.

Der Bau ist ein Meisterwerk, da war sich die Fachwelt schnell einig. Das Aalto-Hochhaus, entworfen von einem Mann, der als Hochhaus-Skeptiker galt, war eine Zeitlang das größte Wohnhochhaus in Deutschland, in Bremen gehört es zu den wichtigsten Bauten der Nachkriegszeit, und längst steht es natürlich unter Denkmalschutz.

Vor dem Hochhaus ein Treffen mit einer weiteren "Vahraonin", sie hatte sich das so ausgesucht, lenkt den Weg dann aber schnell doch noch zu ihrer Wohnung: Annegret Awuma, 81 Jahre alt und seit 1963 ununterbrochen in der Neuen Vahr zu Hause.

"Was Besseres konnte mir gar nicht passieren", sagt sie. Fünf Kinder großgezogen in einer Gegend, die schon vom Anspruch her kinderfreundlich war: "Ich konnte sie draußen einfach laufen lassen." Spielplätze überall und die vielen Kinder, eins passt auf das andere auf. Dazu die gute Nachbarschaft, ideal.

Annegret Awuma hatte Kinder, das dritte war gerade unterwegs, und sie war Betriebsrätin, bei Brinkmann in Woltmershausen. Gute Voraussetzungen, um in der Neuen Vahr eine Wohnung zugeteilt zu bekommen und ihren Eltern in Habenhausen nicht länger zur Last fallen zu müssen. "Ich habe die Gewerkschaft eingeschaltet, und daraufhin kam jemand von der Gewoba vorbei. Er hat gesehen, wie beengt wir leben, und versprach mir eine Wohnung."

Jetzt hatte sie mit ihren Kindern endlich genügend Platz und dazu auch noch ein Badezimmer, ein Bad!, "da sind wir auf einmal vornehm geworden". Heute ist genau dieses Bad ein Ärgernis für die Rentnerin: "Es ist erneuert worden, aber schauen Sie, wie, alles so billig." Prompt ging die Miete hoch, "von 460 auf 510 Euro, das ist bei meiner kleinen Rente eigentlich zu teuer". Wegziehen wird sie trotzdem nicht, nach fast 50 Jahren Wohnung und Gegend zu wechseln, kommt für Annegret Awuma nicht infrage. Sie ist eine "Vahraonin", eine der letzten, und das will sie bleiben.

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