Polizei registriert mehrere Vorfälle Die neuen Tricks der Taschendiebe

Bremen. Normalerweise lässt man Unbekannte nicht nah an sich heran – jedenfalls nicht so nah, dass sie einem in die Hosentaschen greifen könnten. Doch was geschieht, wenn man von einem lächelnden Fremden angetanzt wird?
21.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die neuen Tricks der Taschendiebe
Von Sara Sundermann

Bremen. Normalerweise lässt man Unbekannte nicht nah an sich heran – jedenfalls nicht so nah, dass sie einem in die Hosentaschen greifen könnten. Doch was geschieht, wenn man von einem lächelnden Fremden angetanzt wird? Das ist so überraschend, das wirkt so wenig gefährlich, dass die wenigsten sich attackiert fühlen. Bremer Trickdiebe setzen verstärkt auf diesen Effekt, um Handys und Brieftaschen zu erbeuten. Die Polizei berichtet von mehreren Fällen und warnt bereits vor der Antanz-Masche. Über einen Raub mit Tanztrick in Walle berichteten wir am Mittwoch, zwei weitere Fälle sind der Redaktion bekannt.

"Ich habe nicht gedacht, dass der Mann mich angehen will, ich war einfach abgelenkt und ein bisschen perplex", erzählt Marvin Wennhold. Er und ein Freund von ihm wurden durch Täter bestohlen, die auf freundliche Kontaktanbahnung und überraschendes Antanzen setzten, um in die Nähe der Wertgegenstände zu gelangen.

Der 20-Jährige war am Wochenende abends mit einem Freund in der Innenstadt unterwegs, gut zwei Wochen ist das jetzt her. "Wir wollten uns mit Freunden in der Nähe des Hauptbahnhofs treffen und dann feiern gehen", sagt Marvin. Zwei junge Männer sprachen sie in der Bahnhofsstraße an, fragten nach dem Ausgang des Fußballspiels des FC Bayern gegen Borussia Dortmund, und wollten wissen, ob sie Bayern oder Dortmund-Fans seien.

Angriff zu zweit

"Eigentlich hat nur der eine geredet, der andere hat nur geschwiegen und gegrinst", sagt Marvin. Der Schweigende näherte sich ihm während des Gesprächs lächelnd und stellte dann ein Bein zwischen seine Beine. Dabei machte er einige Tanzbewegungen und ließ die Hüfte kreisen. Er habe kurz gedacht, dass er ihm vielleicht eine coole Körperbewegung zeigen will, sagt Marvin. Schließlich sei ihm die Nähe aber zuviel geworden, und er habe den Fremden weggeschubst. Die beiden Unbekannten verschwanden, doch Marvins Freund stellte fest: Sein Handy war verschwunden. Bei ihm hatte die Taktik der Diebe offenbar funktioniert.

Der Antanz-Trick wird derzeit öfter angewandt: "Wir hatten hier zuletzt zwei bis drei solcher Diebstähle", sagt Daniela Schwender aus der Pressestelle der Bremer Polizei. "Die Diebe begrüßen ihre Opfer zum Teil auch per Handschlag, sie halten die Hand fest oder umarmen die Person, so dass die Arme an den Körper gedrückt werden." Häufig greife dann eine zweite Person zu. Zum Teil spielten sich diese Diebstähle in der Nähe des Bahnhofs ab und oft am Wochenende, wenn auf den Straßen der Stadt die Party ausklingt.

Altbekannte Strategie

Marvin Wennhold und sein bestohlener Freund alarmierten sofort die Polizei, im Streifenwagen fuhren sie gemeinsam mit den Beamten die Straßen ab. "Den einen der beiden haben wir tatsächlich noch gefunden, aber er hatte das Handy schon nicht mehr bei sich", sagt Marvin. Ohne das Raubgut als Beweisstück habe die Polizei den Mann laufen lassen müssen.

"Angetanzt zu werden, kann etwas Schönes sein, vor allem dann, wenn der Tänzer vielleicht auch noch attraktiv ist", sagt Rechtspsychologe Dietmar Heubrock von der Uni Bremen. "Vor allem aber ist in dem Moment schlicht die Aufmerksamkeit abgelenkt." Die Tanztaktik mag neu sein, doch die Strategie, die dahintersteht, sei bekannt, sagt der Wissenschaftler. Oft gehen Diebe von etwas Angenehmem aus, um Kontakt herzustellen.

Auf diesem Prinzip basiere auch der Geschenke-Trick: Ein Auto hält, jemand kurbelt das Fenster herunter und fragt nach dem Weg. "Man gibt Auskunft, dann springt die Beifahrerin aus dem Auto und bedankt sich überschwänglich, sagt Heubrock. Zum Dank legt die unbekannte Beifahrerin der Auskunftgeberin eine kleine Kette um. "Dann wird schön gewunken, und erst wenn das Auto weg ist, stellt die Frau fest: Die eigene Halskette, die wertvoll war, ist jetzt verschwunden." Ein Geschenk lehnt man nicht ab – diese Konvention machen sich die Trickdiebe hier zunutze. "Betrüger setzen oft auf die sozialen Reflexe ihrer Opfer", sagt Heubrock.

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