Halbjahreszeugnisse in Bremen

Die Not mit den Noten

An diesem Freitag gibt es Halbjahreszeugnisse in Bremen. Wer bei den Noten in Not gerät, findet Hilfe und Unterstützung bei der Hotline vom Kinderschutzbund.
27.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Not mit den Noten
Von Nico Schnurr
Die Not mit den Noten

Die Schule ist für Kinder fast bundesweit der meistgenannte Stressfaktor – noch vor „Ärger und Streit“ in der Familie.

Nailia Schwarz

An diesem Freitag gibt es Halbjahreszeugnisse in Bremen. Wer bei den Noten in Not gerät, findet Hilfe und Unterstützung bei der Hotline vom Kinderschutzbund.

Die Welt wird nicht untergehen. Nicht heute, nicht morgen. Wenn es etwas gibt, das Jantje Asmus ihren Anrufern an diesem Freitag ins Gedächtnis rufen möchte, dann wohl das. Vor Asmus liegt ein besonderer Arbeitstag, ein besonders anspruchsvoller. Wenn ihr Telefon an diesem Freitag klingelt, dann wird es um Sorgen und Ängste gehen. So ist das meistens, wenn sie den Hörer abnimmt. Diesmal aber werden sich die Nöte ihrer Anrufer vor allem um Noten drehen.

Asmus arbeitet für den Kinderschutzbund, sie ist ehrenamtliche Telefonberaterin. Wenn an Bremens Schulen an diesem Freitag Halbjahreszeugnisse ausgeteilt werden, dann ist sie besonders gefragt. Als Vertrauensperson und Ratgeberin. Als Vermittlerin und Schlichterin.

„Alles wird gut“

Asmus wird zur Zeugnisvergabe zwischen den Rollen wandeln. Sie will ernstnehmen, was die Kinder und Jugendlichen ihr erzählen, auf ihre Ängste eingehen. Sie will aber auch beruhigen, aufbauen und den Anrufern sagen: „Alles wird gut.“

Asmus sieht ihre Aufgabe darin, „die Schärfe rauszunehmen“, die Bedeutung von Zeugnissen etwas gerade zu rücken, sie zu relativieren. Sie glaubt, dass das notwendig ist, weil Zeugnisse überhöht würden. „Kinder leiden immer häufiger unter Leistungsdruck“, sagt Kathrin Moorsdorf. Die Geschäftsführerin des Bremer Landesverbandes des Kinderschutzbundes glaubt, dass immer früher Druck auf den Kindern laste. Schon bei Grundschülern sei das zu spüren.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Kinderschutzbundes aus dem Jahr 2012 fühle sich bereits ein Viertel der Zweit- und Drittklässler oft oder sogar sehr oft gestresst. Bemerkenswert sei dabei vor allem, dass Kinder in der dritten Klasse doppelt so häufig den Erfolgsdruck als Stress empfänden wie noch die Zweitklässler. Moorsdorf sieht darin „die Vorwehen der bevorstehenden Wahl der weiterführenden Schule“.

Schule als Stressfaktor

Aus der Umfrage des Kindesschutzes gehe auch hervor, dass die Schule für Kinder „fast bundesweit der meistgenannte Stressfaktor“ sei – noch vor „Ärger und Streit“ und Auslösern in der Familie, betont Moorsdorf. Dabei ginge der Leistungsdruck „häufig gar nicht von den Lehrern aus, sondern auch von den Eltern und der Klassengemeinschaft“, sagt die Geschäftsführerin. Für sie und ihre Mitarbeiter besteht darin die größte Aufgabe an diesem Freitag.

Wenn in Bremen Zeugnisse ausgeteilt werden, dann wollen sie den Kindern und Jugendlichen dabei helfen, mit ihren Eltern über ihre Zeugnisse zu sprechen. „Viele Jugendliche plagt die Sorge, wie sie den Eltern gegenübertreten“, sagt Moorsdorf. Eltern und Kinder müssten viel mehr miteinander sprechen. Schließlich sorgten schlechte Zeugnisse auf beiden Seiten gleichermaßen für Angst.

Deswegen hat der Kinderschutzbund neben der Hotline für Kinder und Jugendliche auch ein Elterntelefon eingerichtet. „Wir wollen Eltern helfen, die eigene Enttäuschung über das Zeugnis zurückzustellen und ihren Kindern Trost und Verständnis zu spenden“, sagt Moorsdorf. „Vorwürfe und Unverständnis helfen schließlich keinem.“

Zeugnistelefon der ReBUZ

Das weiß auch Ulf Holsten vom regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrum (ReBUZ) Bremen. Einige Jahre klingelte das Telefon auch bei ihm an den Tagen, an denen in Bremen Halbjahreszeugnisse verteilt werden. Inzwischen bleibt das Zeugnistelefon bei der ReBUZ West im Winter stumm. Es wurde abgestellt, die Nachfrage war zu gering. Holsten wertet das als Erfolg.

Seine Aufgabe ist es, vorzusorgen. An Holsten wenden sich besorgte Eltern während des gesamten Schuljahres. Sie rufen an, weil sie feststellen, dass ihre Kinder nicht mehr mitkommen in der Schule, „plötzlich abrutschen“, wie Holsten sagt. Dann versucht der Psychologe, „genau hinzuschauen“. Er sucht dann nach Ursachen in der Schule, dem Klima in der Klasse, der Beziehung zu Lehrern. Er prüft aber auch das Leben außerhalb der Schule, forscht nach, ob das Kind trauert.

Auch Holsten glaubt, dass der Leistungsdruck an Bremer Schulen zugenommen hat. Vor allem in den Oberstufen-Klassen der Gymnasien sei das zu spüren. Er weiß, dass die Ängste und Sorgen von Bremer Schülern seit Einführung des Turbo-Abiturs nicht unbedingt kleiner geworden sind. Inzwischen aber würden viele Nöte schon vor der Zeugnisausgabe in den Schulen aufgefangen – zum Beispiel durch Schulpädagogen und Sozialarbeiter.

Lernentwicklungsberichte anstelle von Noten

„Die Eltern und Schüler wissen heute im Vorfeld besser, was für ein Zeugnis sie erwartet“, sagt Holsten. „Der Schock ist inzwischen oft nicht mehr so groß.“ Dass das so ist, liegt für ihn auch an den Lernentwicklungsberichten, die in Bremen anstelle von Noten in der Grundschule und zum Teil bis zur achten Klasse vergeben werden.

Falls der Schock beim Blick aufs Zeugnis doch groß sein sollte an diesem Freitag, bleibt immer noch ein Anruf bei Jantje Asmus. „Das Leben geht weiter“, wird sie dann sagen – „und zwar ganz sicher auch nach einem schlechten Halbjahreszeugnis“.

Wo bei Zeugnissorgen geholfen wird
Schüler erhalten unter der kostenfreien Nummer 116 111 von Montag bis Sonnabend zwischen 14 bis 20 Uhr anonyme Hilfe. Das Elterntelefon bietet unter der Nummer 08 00/111 05 50 Beratung.
Eltern können mit dem zuständigen ReBUZ in Kontakt treten. Nähere Informationen gibt es online unter www.rebuz.bremen.de
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+