Hilde-Adolf-Preis Die Probleme angepackt

Die Auszeichnung der Bürgerstiftung geht in diesem Jahr an Schüler des Gymnasiums Links Der Weser. Sie gründeten eine Stadtteil-Zeitung zu den Themen Flucht und Migration.
15.09.2017, 21:43
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Die Probleme angepackt
Von Katharina Frohne

Fluchtschicksale, Rechtspopulismus, Asylpolitik. Zuerst waren das für die Schüler des Gymnasiums Links der Weser nur Unterrichtsthemen. Die sogenannte Flüchtlingskrise war 2015 allgegenwärtig. In der Schule, in den Medien. Und plötzlich kam sie auch in Obervieland an, wenige Meter von der Schule entfernt. 120 Geflüchtete bezogen im Winter die Turnhalle des Gymnasiums. Auf engem Raum lebten sie für ein halbes Jahr zusammen, getrennt nur durch Sichtschutzwände aus Vorhängen und Holzplatten.

Schon im Jahr zuvor war beschlossen worden, dass die Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge gegenüber der Schule errichtet wird – sehr zum Unmut mancher Anwohner. „Das hat damals für eine aufgeregte Diskussion gesorgt“, sagt Jens Winter, der Politik und Soziologie am Gymnasium unterrichtet. Seine Kollegen und er wollten helfen, vermitteln zwischen Schülern, den Stadtteilbewohnern und den gemeinsamen neuen Nachbarn.

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Zusammen mit den Schülern überlegten sie, wie sie die Geflüchteten unterstützen könnten, organisierten einen Sprachtreff und ein Mentoring-Programm, gaben Kindern und Jugendlichen Fußballtraining und luden sie zum Weihnachtsfest der Schule ein. Für die Schüler habe sich so ein neuer, ein sehr persönlicher Zugang zu den Themen Flucht und Migration ergeben, sagt Winter.

Was sie vorher nur aus den Nachrichten kannten, war jetzt Teil ihres Schulalltags. Um ihre Erfahrungen festzuhalten und mit anderen zu teilen, gründeten Winter und die Schüler die Zeitung „Heimatlos“. Für die zweite Ausgabe, die im Herbst vergangenen Jahres erschien, wurde das Redaktionsteam am Freitagabend mit dem Hilde-Adolf-Preis geehrt.

Zeitung richtet sich an Menschen aus dem ganzen Stadtteil

Seit 2005 zeichnet die Bürgerstiftung Projekte, Einrichtungen und Initiativen aus, die sich auf besondere Weise für die Gesellschaft engagieren. „Demokratie. Einfach selber machen.“ lautete das Motto in diesem Jahr. Und genau das hätten die Schüler des Gymnasiums Links der Weser getan, sagte Sabina Schoefer, Vorsitzende der Bürgerstiftung, bei der Preisverleihung im Festsaal der Bürgerschaft.

„Die Schülerinnen und Schüler haben nicht nur zugeschaut und darüber diskutiert, was vor der Schultür passiert. Vielmehr haben sie das Problem angepackt, die Situation der Flüchtlinge verbessert und mit ‚Heimatlos‘ mehr Verständnis für sie erreicht. Das hat Vorbildcharakter“, sagte Schoefer.

Anders als andere Schülerzeitungen richtet sich „Heimatlos“ nicht in erster Linie an Schüler, sondern an Menschen aus dem ganzen Stadtteil. Entsprechend hoch ist die Auflage: 10.000 Exemplare werden gedruckt, drei Viertel davon seien bereits vergriffen, sagt Winter.

DIe Hoffnungen Geflüchteter

Das professionelle Layout spendierte die Bremer Werbeagentur Team Nawrot, zu weiteren Unterstützern des Projektes gehören die Bremer Lese-Lust und die ÖVB. Die Themen erarbeiten die Schüler mit Unterstützung von Winter, die Artikel recherchieren und schreiben sie selbst. 20 Schüler gehörten zur Redaktion der zweiten Ausgabe, 16 stammen aus dem Abiturjahrgang, vier aus der Sekundarstufe eins.

In ihren Texten erzählen die Nachwuchsjournalisten von den Hoffnungen Geflüchteter, erklären das Türkei-Abkommen, beleuchten die desaströsen Zustände in überfüllten Aufnahmelagern oder setzen sich kritisch mit der Flüchtlingspolitik der AfD auseinander. Harte Themen, die sich die Schüler selbst erarbeiten. „Die Zeitung ist ihr Werk, ich gebe nur Impulse und stehe ihnen bei der Umsetzung zur Seite“, sagt Winter. Sind die Schreiber fertig, übernimmt er mit anderen Lehrern die Schlusskorrektur.

„Wie in einer richtigen Redaktion eben.“ Für ihre besondere Schülerzeitung haben Winter und sein Team bereits viel Anerkennung bekommen. Zweimal schon zählten sie zu den Preisträgern des Bundeswettbewerbs „Demokratisches Handeln“, wurden beim Schülerzeitungswettbewerb des Landes Bremen und beim Schülerzeitungswettbewerb der Länder ausgezeichnet. Bald könnte eine weitere Ehrung anstehen: Das Projekt ist für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Neues Redaktionsteam

„Es ist schön, zu sehen, dass die Zeitung nicht nur im Stadtteil ankommt, sondern auch darüber hinaus so positiv wahrgenommen wird“, sagt Winter bei der Preisverleihung. Der Hilde-Adolf-Preis sei nun das „Sahnehäubchen“ – „und eine hohe Anerkennung unserer Arbeit“. Das finden auch Samira El Hattab und Lisa Wochnik. Beide gehörten zum Redaktionsteam der zweiten Ausgabe. „Wir fühlen uns alle geehrt“, sagt Samira El Hattab.

Mit der Zeitung hätten sie und ihre Redaktionskollegen den Geflüchteten eine Stimme geben wollen. „Dass wir damit so viel Beachtung bekommen und so viele Menschen erreichen, das ist das Schönste für uns.“ Es sei eine tolle Erfahrung, zu sehen, was man erreichen könne, findet auch Lisa Wochnik. Derzeit ist Winter damit beschäftigt, ein neues Redaktionsteam zusammenzustellen.

Viele Schreiber der letzten Ausgabe haben inzwischen Abitur gemacht. Es sei keine leichte Aufgabe, sagt Winter, denn die Redaktionsarbeit laufe außerhalb des Unterrichts. „Die Schüler haben sowieso viel zu tun, sie haben Respekt vor der Mehrarbeit.“ Trotzdem sei das Interesse groß. Winter ist zuversichtlich, dass es weitergehen wird mit „Heimatlos“. Noch in diesem Schuljahr sollen die ersten Artikel für die dritte Ausgabe entstehen.

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