Fördermittel im Bremer Westen zu knapp

Die Rechenspiele dauern

Am Dienstag muss der Controllingausschuss Gröpelingen über die Vergabe der Jugendfördermittel entscheiden. In Walle sind die Mittel schon vergeben worden. in beiden Stadtteilen reicht das Geld nicht für alle.
03.02.2019, 09:07
Lesedauer: 5 Min
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Die Rechenspiele dauern
Von Anne Gerling
Die Rechenspiele dauern

Mera Wunderlich (v. links) und Laila Seidel vom Kinderatelier, Andrea Sanneh vom Spielhaus Wohlers Eichen, Florian Graf vom Spielhaus Bexhöveder Straße und Claudia Tönsing vom Spielhaus Wilder Westen sind seit Jahren Ansprechpartner für viele Gröpelinger Kinder.

Roland Scheitz

Je zwei Vertreter der Freien Träger, des zuständigen Sozialzentrums und des Beirats gehören den sogenannten Controllingausschüssen (CA) an, die alljährlich über die Vergabe der Mittel für die offene Jugendarbeit (OJA) an Einrichtungen und Projekte in ihren Stadtteilen entscheiden.

In Gröpelingen steht dieses Gremium nun vor einer ausgesprochen schwierigen Aufgabe: Am Dienstag, 5. Februar, muss der dortige CA nach zwei Anläufen verbindlich über die Vergabe der Jugendmittel entscheiden, denn die Träger im Stadtteil warten händeringend auf die Bescheide. „Die Freizis arbeiten seit dem 1. Januar. Unser Träger hat uns auch schon Gehälter gezahlt – sagt aber, wir müssen zumachen, wenn die Gelder nicht fließen“, erklärt dazu Sabine Toben-Bergmann vom Freizi Oslebshausen.

Budget reicht erstmals nicht aus

Trotz einer einprozentigen Erhöhung des Jahresbudgets 2019 gegenüber dem Vorjahr auf insgesamt 1 109 757 Euro reichen wie berichtet in Gröpelingen erstmals die Gelder nicht mehr für die Finanzierung aller Angebote aus. Zähneknirschend hatte deshalb der CA zunächst entschieden, sich auf die Förderung von Angeboten für Jugendliche als die im OJA-Rahmenkonzept benannte Hauptzielgruppe zu konzentrieren. Das würde bedeuten, dass verschiedene wichtige Angebote für Kinder unter zwölf Jahren keine Mittel erhalten. Mehrere Träger dieser Angebote hatten daraufhin Alarm geschlagen und die Rücknahme der Entscheidung gefordert (wir berichteten).

Entsetzt hatte auch das Kollegium der Grundschule am Halmerweg auf die Entscheidung des CA reagiert, Angebote für Kinder nicht zu finanzieren. „Vor nicht allzu langer Zeit fiel der Streichelzoo und nun stehen das Spielhaus, die Suppenküche, das Mobile Atelier und das Kinderatelierhaus Roter Hahn vor dem Aus. Die Orte, die von unseren Kindern am Nachmittag besucht und gebraucht werden.“, heißt es in einer Stellungnahme der Schule. Und weiter: „Es kann nicht sein, dass die Schulen im Bremer Westen vom Bildungsressort gestärkt werden sollen und gleichzeitig die Mittel für den außerschulischen Bereich vom Sozialressort nicht bewilligt werden. Dies verringert die Bildungschancen unserer Gröpelinger Schülerinnen und Schüler auf nachhaltige Weise.“

Verwirrung um Fehlbetrag

Gemeinsam nach einer konstruktiven Lösung suchen wollten am Mittwoch in einer gemeinsamen Sitzung die Fachausschüsse „Kinder, Jugend, Bildung und Sport“ und „Inneres, Soziales, Gesundheit und Senioren“ des Gröpelinger Beirats. Ein Grundproblem, das dabei deutlich wurde: Nachdem das Jahresbudget zwischenzeitlich durch eine Ausgleichszahlung um 50 000 Euro angestiegen war, gibt es noch immer Verwirrung um die genaue Summe. So geht Beiratssprecherin Barbara Wulff (SPD), die mit Norbert Holzapfel (CDU) den Beirat im CA vertritt, von einer Überzeichnung des Budgets um 23 370 Euro aus und sagt: „Wir hatten im Vorfeld versucht, das Budget offen legen zu lassen und haben die Mittel auf einer falschen Grundlage verteilt. Ich bin der Meinung, dass wir alles noch einmal überprüfen müssen.“ Ralf Jonas, Geschäftsführer des Nachbarschaftshauses Oslebshausen, der seit 13 Jahren alljährlich um die Mittel für Florian Grafs 25-Wochenstunden-Stelle im Spielhaus Bexhöveder Straße bangen muss, kommt auf einen Fehlbetrag von 67 325,83 Euro. Erwin Böhm wiederum, Leiter des Sozialzentrums West, geht von einer Überzeichnung von etwa 60 000 Euro aus.

Es gibt also noch Klärungsbedarf. Darüber hinaus muss ein Verteilungsmodus gefunden werden, mit dem alle Beteiligten leben können. Bei allen Einrichtungen ein bisschen zu kürzen, das lehnen mehrere Beteiligte ab. Einen anderen Vorschlag hat nun Christiane Gartner, Geschäftsführerin des Vereins Kultur vor Ort, gemacht, dessen Kinder- und Jugendatelier Roter Hahn ebenso wie dem Mobilen Atelier die Mittel gestrichen worden waren. „Natürlich kann man jetzt nicht einzelne Einrichtungen abwickeln“, sagt sie, „sondern es sollte erst einmal die institutionelle Förderung vergeben werden und anschließend die restlichen Mittel für Projekte auf die Träger verteilt werden.“

Angebote werden dringend gebraucht

Geklärt werden muss nach Ansicht mancher Beteiligter außerdem, welches Ressort eigentlich für die Finanzierung offener Angebote für Kinder verantwortlich ist – Soziales oder Kinder und Bildung? Die offenen Angebote entlang einer Alterslinie zu trennen, halte er für unsinnig, gibt dazu Lutz Liffers vom Kultur-vor-Ort-Vorstand zu bedenken. Was die Debatte definitiv zeigt: dass offenbar ein zusätzliches Programm zur Förderung von Angeboten für Kinder benötigt wird. Geklärt werden sollte außerdem, wie die Träger in Zukunft deutlich frühzeitiger als bisher Planungssicherheit bekommen könnten.

Worin sich alle Beteiligten – inklusive aller CA-Mitglieder – einig sind: Angebote für Kinder werden im Stadtteil dringend gebraucht und dort wird auch hervorragende Arbeit geleistet. Geschlossen sprachen sich dementsprechend die Ortspolitiker für einen Antrag der Linksfraktion aus, in dem vom Sozialressort gefordert wird, die benötigten Restmittel auszugleichen. Mehrheitlich beschlossen wurde auch ein Antrag der Grünen, die an den CA appellieren, die bedrohten Angebote zu erhalten.

Finanzierungslücke beim Skatepark Überseestadt

Deutlich geräuschloser ist indes die Mittelvergabe in Walle vonstatten gegangen. Laut Anja Blumenberg, Referatsleitung Junge Menschen im Sozialzentrum West, steht dort für das Jahr 2019 etwas weniger als eine halbe Million Euro zur Verfügung. Davon gehen fast 470 000 Euro an die drei großen Einrichtungen Jugendfreizeitheim Walle, Freizi Haferkamp und das Kinder- und Jugendhaus Ratzeburger Straße. Die Ratze betreut auch den stark frequentierten Container mit Spielgeräten auf dem Quartiersplatz bei der Schule am Pulverberg, dessen Förderung nun Blumenberg zufolge von 12 000 auf 25 000 Euro verdoppelt worden ist: „Alles andere ist Projektförderung, die von Jahr zu Jahr bewilligt wird.“ Um rund 85 000 Euro sei dabei das Waller Budget in diesem Jahr überzeichnet worden.

Wieder trifft es dabei nun insbesondere den Skatepark in der Überseestadt, der 60 000 Euro benötigt, um auf der beliebten Anlage einen Pädagogen als festen Ansprechpartner zu haben. Bewilligt worden sind dem Sportgarten als Trägerverein 20 000 Euro. „Der Mehrbedarf wird anerkannt, das muss aber aus anderen Töpfen kommen“, so Blumenberg. „Es ist niederschmetternd, dass nach fünf Jahren die Mittel nicht aufgestockt werden“, kommentiert dies Ulli Barde vom Sportgarten.

Der Waller Beirat steht dabei hinter ihm. Unverständlich ist etwa für Franz Roskosch (CDU), der auch dem CA angehört, „dass ein so großer schöner Park geplant und gebaut wird, aber nicht über das Geld für die Betreuung nachgedacht wird.“ Walle könne die stadtweit beliebte Einrichtung nicht über das OJA-Budget finanzieren – hier müsse die Stadt nun endlich Mittel aus dem Topf für zentrale Projekte bewilligen, unterstreicht Roskosch. Auch Brigitte Grziwa-Pohlmann (SPD) kämpft seit Langem für diese Lösung. „Wir haben das alles schon damals mit dem zuständigen Referatsleiter besprochen und auch darauf hingewiesen, dass perspektivisch Mittel für die Betreuung der Anlage benötigt werden“, sagt sie, „aber die haben uns nun einfach darauf sitzen gelassen.“

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