Ungewöhnliche Trauerformen "Die Regeln existieren nur in den Köpfen"

Bremen. Die Bestatter Cordula Caspary und Heiner Schomburg haben sich mit ihren etwas anderen Trauerfeiern in Bremen einen Namen gemacht. Mal wird getanzt, mal der Sarg bemalt, mal steigen Raketen in den Himmel - und das nie ohne Grund.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Ulrike Bendrat

Bremen. Die Bestatter Cordula Caspary und Heiner Schomburg haben sich mit ihren etwas anderen Trauerfeiern in Bremen einen Namen gemacht. Mal wird getanzt, mal der Sarg bemalt, mal steigen Raketen in den Himmel - und das nie ohne Grund.

Ein Sarg steht in einer Kapelle auf einem blauen Tuch. Es sieht aus, als würde er auf dem Wasser schwimmen. Davor steht das Akkordeon des Toten. Der Blumenschmuck ist um ein Tau gewunden. Es handelt sich um die Trauerfeier für einen verstorbenen Kapitän. Um die Trauerfeier hat sich Cordula Caspary gekümmert. Seit mittlerweile elf Jahren arbeitet sie als selbstständige Bestatterin in Bremen. Und sie hat sich mit ihren etwas anderen Trauerfeiern einen Namen gemacht.

'Sie hat in Bremen etwas in Bewegung gebracht', sagt ihr Kollege Heiner Schomburg. Auch Schomburg ist Bestatter. Er hat in diesem Jahr im Steintorviertel den 'trauerraum' eröffnet. Die Arbeit der beiden wird häufig als 'alternativ' etikettiert. Aber diese Bezeichnung treffe es nicht, sagt Caspary. ',Individuell? passt besser. Mir geht es darum, für jeden Menschen die Form des Abschieds zu finden, die ihm angemessen ist. Denn jeder Mensch ist ja anders.' Sie wolle aus der Bestattung kein Event machen. Vielmehr seien es oft die kleinen Gesten, die den Abschied persönlich machen. Die drei Feuerwerksraketen für einen 13-jährigen Jungen zum Beispiel oder ein farbiger Sarg. 'Die meisten Grenzen und Regeln existieren nur in den Köpfen der Menschen', sagt Caspary.

"Das fördert die Trauerarbeit"

Eine Form des persönlichen Abschieds könnte zum Beispiel sein, den verstorbenen Vater oder die tote Mutter noch einmal für 36 Stunden nach Hause zu holen und dort aufzubahren, auch wenn sie im Krankenhaus oder im Pflegeheim gestorben sind. Das sei heutzutage bei 80 bis 90 Prozent der Verstorbenen der Fall, sagt Heiner Schomburg. Er freut sich immer, wenn Angehörige eine Überführung nach Hause wünschen. 'Das fördert die Trauerarbeit.'

Angehörige haben auch die Möglichkeit, bei der Einäscherung des toten Menschen dabei zu sein. 'Und sie können selbst den Termin dafür festlegen', sagt Cordula Caspary. Eine Urne für die Einäscherung müsse man im Übrigen nicht kaufen. Die Asche werde immer in einer Aschenkapsel bewahrt, die für die Beisetzung genau so geeignet sei und die die Angehörigen selbst mit Blumen oder Bildern schmücken können, wenn sie das denn möchten.

Eine Frage des Konzepts

Heiner Schomburg sieht den Hauptunterschied zwischen sich und den klassischen Instituten im Konzept: 'Ich gehe davon aus, dass die Menschen wissen, was sie brauchen, sich aber nicht trauen, das umzusetzen.' Wenn ein Tischler für seine verstorbene Frau den Sarg selbst bauen möchte, dann könne er das natürlich tun. Es gebe dabei nur wenig zu beachten. Die passende Form des Abschieds könne auch sein, dass Kinder den Sarg ihrer Mutter bemalen oder dass bei der Beerdigung eines leidenschaftlichen Tangotänzers noch einmal getanzt wird.

Im Gegensatz zu Caspary bietet Schomburg Räume, in denen Aufbahrungen und kleine Abschiedsfeiern für bis zu 30 Personen stattfinden können. 'Kürzlich kamen zwei Frauen zu mir, die den offenen, hellen Raum mit den großen Fenstern besonders einladend fanden', sagt er.

Cordula Caspary und Heiner Schomburg haben jeweils einen oder zwei Särge und auch einige Urnen zur Ansicht da. Wer eine größere Auswahl wünscht, kann sich die Modelle in einem Katalog ansehen. 'Wir können den gewünschten Sarg innerhalb kürzester Zeit besorgen', sagen die beiden. Sie stimmen jedoch darin überein, dass der Sarg für die meisten Menschen, die zu ihnen kämen, gar keine große Rolle spiele. 'Da interessiert es eher noch, wie der Verstorbene darin liegt: Hat er es weich, wie ist er zugedeckt und welche Kleidung trägt er?', erklärt Caspary.

Ohne schwarzen Anzug

Heiner Schomburg verzichtet bei der Arbeit auf einen schwarzen Anzug und bevorzugt Alltagskleidung. Und er verbindet mit seiner Tätigkeit auch eine gesellschaftliche Verantwortung: So stammt das geltende Einäscherungsgesetz aus dem Jahr 1934. Es sieht vor, wie mit der Asche umzugehen ist und verbietet beispielsweise eine Aufbewahrung der Urne in der Wohnung der Hinterbliebenen. Schomburg hält es für veraltet und will darüber eine Debatte anstoßen.

Zu Schomburg und Caspary kommen sehr verschiedene Menschen, berichten sie: vom Hartz-IV-Empfänger bis zur Oberneuländer Familie, Alte, Junge, Gesunde und Kranke, gläubige Katholiken, Feministinnen und Alt-68er. Beide arbeiten unter anderem mit der Trauerrednerin Michaela Höck zusammen. Sie war zu DDR-Zeiten Pastorin, ist mittlerweile aus der Kirche ausgetreten und seit 16 Jahren voller Engagement Trauerrednerin. 'Das Schöne an dem Beruf ist, dass man immer wieder auf gelebte Leben sieht, die längst nicht immer nur traurig waren', sagt sie. Im Gegensatz zu einem Pastor, der den christlichen Blick auf ein Leben nach dem Tod richtet, tröstet Höck mit ihrem Blick auf das Leben, das war, so ihre Erklärung.

Individuellere Abschieds- und Trauerfeiern entwickelten sich mit der massenhaften Verbreitung von HIV und AIDS in den Achtzigerjahren. Damals starben viele auch junge homosexuelle Männer. Ihre Freunde suchten nach individuellen Trauerformen. Für die studierte Kulturwissenschaftlerin Caspary spielt es eine Rolle, dass viele Vertreter der neuen sozialen Bewegungen, Feministinnen und Alt-68er mittlerweile so alt geworden sind, dass sie ihre Eltern beerdigen müssen oder aber gleich selbst sterben. 'Diese Menschen sind es gewohnt, Dinge infrage zu stellen', sagt Caspary. Das trifft auch auf althergebrachte Beerdigungstraditionen zu.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+