Edelmetalle erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit als Geldanlage, Rohstoff und Statussymbol Die Rückkehr von Gold und Silber

Bremen. Gold und Silber sind gefragt wie selten zuvor. Lange galten die Edelmetalle als Ladenhüter unter den Geldanlagen. Doch dieser Trend hat sich im vergangenen Jahrzehnt - besonders aber im abgelaufenen Jahr - ins Gegenteil verkehrt. Bremer Firmen, die Edelmetalle verarbeiten, ächzen unter den rasant steigenden Rohstoffkosten. Verbraucher und Anleger scheinen sich allerdings nicht von den höheren Preisen abschrecken zu lassen. Ein Ende des Silber- und Goldrauschs ist nicht abzusehen.
06.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sebastian Manz

Bremen. Gold und Silber sind gefragt wie selten zuvor. Lange galten die Edelmetalle als Ladenhüter unter den Geldanlagen. Doch dieser Trend hat sich im vergangenen Jahrzehnt - besonders aber im abgelaufenen Jahr - ins Gegenteil verkehrt. Bremer Firmen, die Edelmetalle verarbeiten, ächzen unter den rasant steigenden Rohstoffkosten. Verbraucher und Anleger scheinen sich allerdings nicht von den höheren Preisen abschrecken zu lassen. Ein Ende des Silber- und Goldrauschs ist nicht abzusehen.

Klaus Neubauers Existenz ist eng verknüpft mit einem Edelmetall. Der 54-Jährige leitet die Geschäfte der Firma Koch & Bergfeld in der Bremer Neustadt. Rund 1500 Kilo Silber verarbeitet der Betrieb Jahr für Jahr. Die Manufaktur ist spezialisiert auf die Herstellung edler Bestecke und Accessoires. Auf der Internetseite der Firma konnten sich die Kunden bisher über Angebot und Preise der Produkte informieren. Die Preisliste ist allerdings seit einiger Zeit verschwunden. An ihrer Stelle steht nun ein Schreiben Neubauers an seine Klientel. "Aufgrund der absurden Entwicklungen und Sprünge des Silberpreises sahen wir uns gezwungen, die bisherige Preisliste außer Kraft zu setzen. Wir müssen Sie derzeit leider bitten, sich ein tagesaktuelles Angebot von uns machen zu lassen", ist darin zu lesen. Leicht fallen Neubauer solche Schritte nicht, trotzdem sah er aufgrund der jüngsten Entwicklungen des Silberpreises keine andere Möglichkeit. "Für uns ist es sehr schwierig geworden

zu kalkulieren - der Silberpreis hat sich allein in den letzten drei Monaten fast verdoppelt", sagt er. Um noch wirtschaftlich arbeiten zu können, müssten die Preise entsprechend häufig angepasst werden. Die Kunden seien über solche Entwicklungen natürlich nicht besonders erfreut.

Altgoldhandel steigt sprunghaft

Noch deutlichere Worte findet Frank Kinze, Geschäftsführer von Bremens zweiter großen Silbermanufaktur Wilkens und Söhne. "Die Preisentwicklung im vergangen Jahr war dramatisch und stellt für uns eine riesige Herausforderung dar", sagt er. Kinze befürchtet, dass Silberbesteck für viele Menschen unerschwinglich werden könnte. So habe sich etwa der Preis für ein Sechs-Personen-Set innerhalb von drei Jahren auf über 5000 Euro verdoppelt. "Man überlegt es sich schon zweimal, ob man sich Besteck im Wert eines halben Kleinwagens auf den Tisch legt", sagt Kinze.

Erstaunlicherweise litt der Absatz beider Manufakturen bisher nicht. Im Gegenteil: 2010 stiegen die Verkaufszahlen sogar. "Viele Menschen sehen in Silberbesteck durchaus auch eine Wertanlage", hat Frank Kinze beobachtet. Oft werde der Kauf als langfristige Investition verstanden. "Der physisch greifbare Wert von Silber wirkt auf viele Menschen beruhigend - gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten", sagt Klaus Neubauer.

Auch das goldverarbeitende Gewerbe in Bremen hat die rasant steigenden Rohstoffpreise bisher gut verkraftet. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Die Bego Bremer Goldschlägerei ist unter anderem auf goldene Zahnersatzprodukte spezialisiert. "Der steigende Goldpreis hat für die Kunden Keramikprodukte interessanter gemacht - die stellen wir glücklicherweise auch her", sagt Geschäftsführer Christoph Weiss. Auch Bremens Juweliere leiden kaum unter der Entwicklung des Goldpreises. "Goldschmuck ist nach wie vor begehrt", sagt Axel Thierfelder, Inhaber von "Juwelier Ehlers" und öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schmuck. Die steigenden Preise hätten eher die Folge, dass Gold als Statussymbol wieder höher im Kurs stehe. Bemerkbar gemacht habe sich der höhere Goldkurs vor allem beim Handel mit Altgold. In diesem Bereich habe es in den vergangenen Jahren einen enormen Zuwachs gegeben. Immer mehr Menschen machten alten Schmuck zu Geld.

Wie lange der Edelmetallboom noch weitergeht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Erst gestern weckte der stärkste Preisrutsch seit Monaten vereinzelte Zweifel an der Beständigkeit der Gold- und Silber-Rally. Die meisten Marktbeobachter glauben jedoch weiterhin an ein hohes Preisniveau der Edelmetalle. Diese Einschätzung teilt auch Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. "Jede Anlageform an den Finanzmärkten bewegt sich in Zyklen - das gilt auch für Gold und Silber", sagt er. Die Frage sei nur, wann die Hausse bei Edelmetallen zu Ende sei. Seit mittlerweile über zehn Jahren steigt Gold in seinem Wert. Im Jahr 2000 kostete die Feinunze Gold (etwa 31 Gramm) 250 US-Dollar, derzeit werden rund 1400 Dollar erlöst.

Hohe Nachfrage in Schwellenländen

Die Gründe für die aktuelle Entwicklung sieht Hellmeyer in mehreren Bereichen. Zum einen hätten viele Anleger das Vertrauen in das Finanzsystem verloren. Auf der Suche nach Alternativen gerieten Rohstoffe, insbesondere Edelmetalle, in den Fokus. Zudem herrsche derzeit eine schlechte Angebotssituation im Bereich der Edelmetalle. Ende des 20. Jahrhunderts hätten sich Anleger hauptsächlich auf Aktien und Anleihen fokussiert. Dadurch sei die Erschließung neuer Edelmetallminen schlicht vernachlässigt worden. Die heute existierenden Abbaustätten könnten die steigende Nachfrage kaum sättigen. Gesteigerte Lust auf Gold haben in jüngster Zeit die Zentralbanken zahlreicher Schwellenländer entwickelt, die sich von der Abhängigkeit des US-Dollars lösen wollen. "Smarte Zentralbanken, wie die von China, Russland, Indien oder Brasilien, diversifizieren ihre Währungsreserven und kaufen im großen Stil Edelmetalle", sagt Hellmeyer. Außerdem wachse der Wohlstand der Bevölkerung in vielen

Schwellenländern und damit auch die Nachfrage an Edelmetallen. Der Analyst geht davon aus, dass diese Entwicklung noch länger Bestand haben wird. Es dauere Jahre, neue Minen zu erschließen und außer China habe kaum ein Land auf die Entwicklung des Edelmetallbedarfs reagiert. "Ausgehend von der jetzigen Situation kann man sagen, dass die Angebotsseite nicht nachhaltig beflügelt wird", sagt Hellmeyer.

Glaubt man Juwelier Axel Thierfelder sind es nicht nur ökonomische Entwicklungen, die Gold und Silber so begehrenswert machen. Gold sei ein Werkstoff, der sich unwahrscheinlich vielfältig bearbeiten lasse. Silber reflektiere Licht viel intensiver als etwa Stahl oder Kupfer. Es gebe schlicht keine anderen Metalle, um die sich mehr Legenden rankten. Thierfelder ist sich sicher: "Es ist diese Mystik von Gold und Silber, die uns so fasziniert."

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