„Schulschiff Deutschland“

Tauziehen um Großsegler

Noch liegt die „Schulschiff Deutschland“ in Vegesack. Weil der Eigentümer mit dem Standort unzufrieden ist und Bremerhaven ein Angebot gemacht hat, könnte der denkmalgeschützte Dreimaster bald umziehen.
18.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Tauziehen um Großsegler
Von Jürgen Hinrichs
Tauziehen um Großsegler

Um den künftigten Standort des Großseglers gibt es ein Tauziehen.

Christian Kosak

Es ist ein Tauziehen – an dem einen Ende die Stadt Bremen, an dem anderen Bremerhaven. Der Preis für den Gewinner des Wettstreits: Die „Schulschiff Deutschland“, ein stolzer Dreimaster, denkmalgeschützt und prächtig in Form. Bremerhaven will den Großsegler zu sich in den Neuen Hafen lotsen und hat ein konkretes Angebot gemacht. An diesem Mittwoch soll über die Finanzierung entschieden werden. Die Stadt Bremen ist strikt gegen den Umzug und hält am Standort Vegesack fest.

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) hatte früh Position bezogen und vor der Verlegung gewarnt. Damit wären „erhebliche Probleme“ verbunden, es drohe ein Streit zwischen Bremerhaven und Bremen-Nord. Großen Eindruck hinterließ er damit aber offenbar nicht. Melf Grantz (SPD), Oberbürgermeister der Seestadt, hatte nach der Äußerung von Bovenschulte nicht nur mehrfach sein Interesse an der „Schulschiff Deutschland“ bekundet, sondern zuletzt auch präzise Vorstellungen für den neuen Liegeplatz entwickelt. Dazu gehören die Finanzierung, die Infrastruktur und die touristische Nutzung des Schiffes. Entscheiden müssen darüber die Mitglieder des Deutschen Schulschiff-Vereins, dem der Dreimaster gehört.

Die Standort-Diskussion flammte auf, nachdem Pläne bekannt wurden, auf dem Gelände vor dem Liegeplatz in Vegesack ein Hochhaus zu bauen. Für den Schulschiff-Verein war das ein Affront und Beweis dafür, dass Vegesack aus seiner maritimen Tradition nicht wirklich etwas machen will. „Das ist die radikale Abkehr vom ursprünglichen Konzept für das Gebiet“, beklagt Claus Jäger. Der ehemalige Wirtschaftssenator ist seit 24 Jahren Vorsitzender des Schulschiff-Vereins. Neuer Fixpunkt werde das Hochhaus sein und nicht länger die „Schulschiff Deutschland“, die auch heute schon nicht optimal zur Geltung komme, sagt Jäger. In Bremerhaven seien die Bedingungen dagegen hervorragend – „die rollen uns den roten Teppich aus“. So leid es ihm um den Standort in Vegesack tue: „Bremen insgesamt muss ein Interesse daran haben, dass sein Landesdenkmal einen besseren Platz bekommt.“

Die „Schulschiff Deutschland“ ist das letzte verbliebene Vollschiff in Deutschland. Erbaut wurde es in Geestemünde, das heute zu Bremerhaven gehört. Der Segler käme quasi zurück nach Hause. Aus Sicht der Seestädter ist der Weg dafür frei. Grantz weiß seine Koalitionspartner im Magistrat hinter sich. CDU und FDP hatten von sich aus die Initiative ergriffen und Kontakt zum Schulschiff-Verein gesucht. Einen Liegeplatz gibt es auch schon: auf der östlichen Seite des Neuen Hafens, dort, wo die Lloydstraße auf den Hafen stößt.

Dass es wegen dieses Plans Auseinandersetzungen mit der Stadt Bremen und Bürgermeister Bovenschulte geben könnte, hält Bremerhaven nicht für zwingend. „Gesprächspartner ist für uns der Verein. Wenn er kommen will und das Schiff mitbringt, freuen wir uns“, sagt Magistratssprecher Volker Heigenmooser. Im Neuen Hafen gebe es für die „Schulschiff Deutschland“ deutlich mehr Chancen, Besucher an Bord zu holen, um damit die Finanzierung und den Erhalt des Denkmals zu sichern. Die Vermarktung könne die Erlebnis Bremerhaven GmbH übernehmen. Als guten Zeitpunkt für die Überführung sieht Heigenmooser die „Lütte Sail“ im August kommenden Jahres.

Vegesack und die gesamte Stadt Bremen wollen sich in dem Tauziehen allerdings nicht kampflos ergeben. Der Beirat im Stadtteil hat sich klar dafür ausgesprochen, die „Schulschiff Deutschland“ am alten Standort zu belassen. Die gleiche Aussage trifft eine Stellungnahme von neun Nordbremer Bürgerschaftsabgeordneten. Besonderes Gewicht hat das Thema auch für den Senat. Das Rathaus und die Wirtschaftssenatorin haben eine Arbeitsgruppe initiiert, die darüber beraten soll, wie es in Vegesack mit Schiff und Verein weitergehen könnte. Beteiligt sind die Ressorts Wirtschaft, Arbeit, Bildung, Kultur und Bau, außerdem eine Abordnung aus Vegesack. Das Ergebnis soll demnächst von Behördenspitzen erörtert werden.

Der Verein will zeitnah seine Mitglieder informieren. Es wird in der Post nach Aussage von Claus Jäger neben den Unterlagen aus Bremerhaven und den Einschätzungen des Senats auch eine Empfehlung des Vorstands geben. „Ich möchte den Konsens für eine vernünftige Entscheidung“, sagt der Ex-Senator. Welche das aus seiner Sicht sein sollte, verhehlt er nicht: „Der Neue Hafen ist ein Schmuckstück. Wäre es damals schon so gewesen, wären wir von Bremen, wo das Schiff früher lag, nach Bremerhaven gegangen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+