Interview mit Professor Jens Beckmann

„Die Selbstausbeutung an den Unis muss aufhören“

An deutschen Hochschulen hangeln sich viele Wissenschaftler von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Zur Situation in Bremen äußert sich Professor Jens Beckmann vom Deutschen Hochschulverband im Interview.
30.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die Selbstausbeutung an den Unis muss aufhören“
Von Sara Sundermann

An deutschen Hochschulen hangeln sich viele Wissenschaftler von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Zur Situation in Bremen äußert sich Professor Jens Beckmann vom Deutschen Hochschulverband im Interview.

An deutschen Hochschulen hangeln sich viele Wissenschaftler von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, oft bis sie weit über 30 Jahre alt sind. Das neue Gesetz der Bundesregierung wollte dem Einhalt gebieten. Wie nehmen Sie die Situation an der Bremer Uni wahr?

Jens Beckmann: Im Grunde haben die Hochschulen das alte Wissenschaftszeitvertragsgesetz missbraucht, um Daueraufgaben durch immer neue befristet eingestellte Nachwuchs-Kräfte erledigen zu lassen. Früher gab es mehr fest angestellte wissenschaftliche Mitarbeiter (Wimis) an den Unis, die neben der Lehre und Forschung organisatorische Aufgaben im Studiengang übernommen haben. Es braucht auch Leute, die zum Beispiel Praktika oder Exkursionen organisieren. Solche fest angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter gibt es heute kaum noch, in den vergangenen 20 Jahren sind viele in Pension gegangen. Ihre Aufgaben werden heute meistens von befristet beschäftigten Wimis übernommen, die sich aber auf diesen Stellen auch weiter qualifizieren sollen.

Welche Folgen hat das?

Für die befristet beschäftigten Mitarbeiter ist es eine sehr hohe Belastung, denn niemand kann in diesem Zustand gut eine Familie gründen. Und die meisten Nachwuchs-Wissenschaftler mit den vielen Kettenverträgen sind ja genau in dem Alter Ende zwanzig oder Anfang dreißig, wo das vielleicht ansteht. Sie stehen durch die befristeten Verträge auch stärker unter Druck, denn die Hochschulen setzen darauf, möglichst viel Leistung aus den immer neuen Kräften herauszuholen. Im Grunde beutet sich das System selbst aus. So zu verfahren ist aber letztlich auch für die Hochschulen schlecht: Durch die hohe Fluktuation geht gerade in der Lehre viel Wissen verloren, weil immer wieder gute Leute gehen und neue Leute eingearbeitet werden müssen.

Bringt denn das neue Gesetz in der Praxis in Bremen eine Verbesserung der Lage?

Das neue Gesetz soll dafür sorgen, dass wissenschaftliche Mitarbeiter entweder dauerhaft fest eingestellt werden, oder dass ihre befristeten Stellen so gestaltet sind, dass sie wirklich der Weiterqualifikation dienen. Für Master-Absolventen, die im Anschluss promovieren, bringt das Gesetz in der Praxis schon eine Verbesserung.

Inwiefern?

Zuvor wurden ihnen nach dem Master-Abschluss teilweise Ein-Jahres-Verträge angeboten. Aber das ist viel zu kurz für eine Weiterqualifikation, denn eine Promotion in der Chemie dauert erfahrungsgemäß drei bis vier Jahre. Jetzt können Doktoranden nur noch Drei-Jahres-Verträge bekommen. Das sind dann immerhin Verträge für eine Zeit, innerhalb der eine Promotion auch realistisch machbar ist. Das ist gut. Für andere Wissenschaftler ist die Situation aber auch mit dem neuen Gesetz sehr schwierig.

Für wen ist die Lage schwierig?

Hart wird es, wenn man seine Promotion abgeschlossen hat. Die meisten hangelten sich bisher als Post-Docs von einem Ein-Jahres-Vertrag zum nächsten. Doch Ein- oder Zwei-Jahresverträge für Post-Docs sind mit dem neuen Gesetz nun für die Hochschulen nicht mehr möglich. Ich kann also niemanden in meinem Studiengang erst einmal für zwei Jahre für ein bestimmtes befristetes Forschungsprojekt einstellen. Durch das neue Gesetz werden an den Unis aber nicht zunehmend Post-Docs fest angestellt, so wie es nötig wäre.

Warum nicht?

Befristete Verträge für Post-Docs sind nun oft nicht mehr zulässig. Und sobald bei einem Mitarbeiter die Befürchtung besteht, dass er sich auf eine feste Stelle einklagen könnte, ist man von Seiten der Hochschule ­extrem zurückhaltend mit einem neuen Arbeitsvertrag. Oft sind die Post-Docs aber die Leute mit den neuen innovativen Ideen, die darüber hinaus häufig bereits über viel Erfahrung in Forschung und Lehre verfügen.

Wann können sich Mitarbeiter an Unis einklagen?

Einklagen können sich Hochschulbeschäftigte, wenn sie nachweisen können, dass sie in mehr als der Hälfte ihrer Arbeitszeit Daueraufgaben übernehmen. Ein Beispiel für eine Daueraufgabe ist, wenn ein wissenschaftlicher Mitarbeiter jedes Semester eine bestimmte Pflichtvorlesung übernimmt.

Kritisieren Sie die Hochschul-Leitungen, oder muss der Gesetzgeber nachbessern?

Es ist nicht so leicht, hier mit dem Finger auf einen Schuldigen zu zeigen. Die Gemengelage ist komplex. Das eigentliche Problem ist ja: Niemand an den Hochschulen ist mehr bereit, längerfristig zu planen und Nachwuchskräfte im Mittelbau fest einzustellen. Bei der heutigen Arbeitsverdichtung sollten aber jedem Hochschullehrer zwei, drei fest angestellte Wimis zur Seite gestellt werden, um die vielfältigen Aufgaben in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung zu bewältigen. Doch der Mittelbau ist im Grunde ausgeblutet, obwohl die Zahl der Studierenden in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist. Das machen Uni-Leitungen nicht aus böser Absicht, sicher würde man gerne mehr gute Leute fest beschäftigen. Doch die Bremer Uni ist unterfinanziert, es ist einfach zu wenig Geld im System. Darunter leidet letztlich auch die Qualität in Forschung und Lehre.

Was müsste man denn tun?

Richtig wäre es, mit Augenmaß zum Beispiel alle zwei Jahre einen wissenschaftlichen Mitarbeiter nach der Promotion fest anzustellen. Dann könnte man einem kleinen Teil dieser Mitarbeiter eine Professur in Aussicht stellen, für diejenigen, die das wollen und die Kompetenz dazu haben. Klar ist aber: Um das umzusetzen, braucht es mehr Geld für Bildung. Dazu muss der Bund stärker für die Hochschulfinanzierung in die Pflicht genommen werden. Die Selbstausbeutung an den Universitäten muss aufhören.

Die Fragen stellte Sara Sundermann.

Zur Person

Jens Beckmann ist Chemie-Professor an der Uni Bremen und im Vorstand des Deutschen Hochschulverbands Bremen. Der 45-Jährige spricht über die Folgen des neuen Wissenschaftszeitvertragsgesetzes an der Bremer Uni.
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