Wahrzeichen wird abgewrackt

Abschied von der „Seute Deern“ in Bremerhaven

Die „Seute Deern“ war 55 Jahre lang ein Wahrzeichen von Bremerhaven. Nun ist der ehemalige Dreimaster von Schadstoffen befreit und kann abgewrackt werden. Ein letzter Besuch.
29.03.2021, 18:00
Lesedauer: 3 Min
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Abschied von der „Seute Deern“ in Bremerhaven
Von Jürgen Hinrichs
Abschied von der „Seute Deern“ in Bremerhaven

Nach der Asbestsanierung steht das Abwracken an - und dann ist die "Seute Deern" in Bremerhaven Geschichte.

Sina Schuldt / dpa

Bremerhaven. Der Putz ist runter, die Farbe. Stattdessen nur noch rohe Planken, hellbraunes Nadelholz, durchbrochen von einigen dunklen Eichenstücken. Die „Seute Deern“ hat zwar ihre Form bewahrt, den Rumpf und alles, abgesehen von den Masten, die schon länger nicht mehr da sind – sonst ist sie aber nicht mehr wiederzuerkennen. Das Ergebnis von sechs Wochen Schadstoffsanierung. In der Farbe war Asbest, woanders Teer, das für die Fugen verwendet wurde. Alles weg und entsorgt, sodass jetzt mit dem eigentlichen Abwracken begonnen werden kann. Spätestens im August ist in Bremerhaven von dem ehemaligen Wahrzeichen der Seestadt nichts mehr zu sehen. Am Montag war Gelegenheit zu einem letzten Besuch: Tschüss mien Deern!

Dass es um den früheren Dreimaster vor seinem endgültigen Ende nicht zum Besten bestellt war, eher im Gegenteil, erkennt der Laie auf den ersten Blick. Es gibt am Rumpf Stellen, die keine Planken mehr haben, wie aufgeplatzte Haut. Die Spanten dahinter, das Gerüst der Bark, sind derart porös und von Pilz zerfressen, dass man den Finger hineinstecken und weiches Holz herausprökeln kann. Ein Totalschaden, vollkommen illusorisch, ihn wiedergutzumachen. Die „Seute Deern“ hat ihre Zeit gehabt, viel mehr davon, als ein Holzschiff sonst bekommt. Nun dankt sie ab.

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"Zuerst kommt alles weg, was rausguckt, danach geht's ans Unterschiff", sagt Michael Staar von Bremenports. Die Hafenbetriebsgesellschaft hat den Auftrag bekommen, die "Seute Deern" verschwinden zu lassen. Kosten: fünf Millionen Euro – der eine Teil für die Bergung, der andere fürs Abwracken. "Das meiste wird von einem Bagger erledigt, der mit einer Hydraulikschere arbeitet", erklärt Staar. Knabbern, sagt er, "das Schiff wird kleingeknabbert". Nicht einfach so, wie man es auch mit einem Haus oder einer Fabrikhalle machen könnte, sondern unter der Vorgabe, alles, was irgendwie noch Aussagekraft hat und Erinnerungswert, vom Zerstörungswerk auszunehmen. "Die "Seute Deern" ist ein Denkmal, sie steht unter Schutz und soll zumindest in Spuren erhalten bleiben.

Da sind zum Beispiel die Bullaugen, die Schotten und Beschläge. Da sind die Ruderanlage, der Anker und die Ankerwinde. Da ist natürlich das Steuerrad, bereits abmontiert. Und da ist noch einmal wichtiger die Galionsfigur, als Original und Kopie. Beide Figuren bleiben wie das meiste andere vom Großgerät im Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM). Anderes kommt unters Volk, als Andenken und um die Gefühle zu bedienen.

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„Es gibt massiv Anfragen deswegen“, berichtet Lars Kröger, der beim DSM für die „Seute Deern“ und den Museumshafen zuständig ist. Das Interesse reiche von Steuerrad und Galionsfigur, bis hin zu Schrauben, Bolzen und anderen Kleinteilen. „So viele Paare, die auf dem Schiff geheiratet haben oder an schöne Abende im Restaurant zurückdenken“, sagt Kröger. In 55 Jahren, so lange liegt die Bark nun schon im Alten Hafen von Bremerhaven, ist bei den Menschen offenbar eine emotionale Bindung entstanden, jedenfalls bei einigen von ihnen. Sie hätten gerne ein Stück vom Schiff in der Hand. „Deshalb wollen wir etwas machen, wissen aber noch nicht, was“, sagt der Museumsmann. Vorstellen kann er sich den Verkauf von Schlüsselanhängern.

Dem DSM ist vorgeworfen worden, sich nicht genug um die Seute Deern" gekümmert zu haben. Es gab sogar staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, nachdem eine Rechtsanwältin das Museum angezeigt hatte. Kröger weist solche Vorwürfe zurück: "Der Punkt, das Schiff zu retten, ist bereits vor sehr langer Zeit überschritten worden." Schon die letzte Sanierung vor 20 Jahren sei ein riesiger finanzieller Kraftakt gewesen und habe sich trotzdem auf den Kiel beschränken müssen. Die Kosten für den Unterhalt habe das DSM auf Dauer nicht tragen können, "das gibt unser Haushalt einfach nicht her". Auch dürfe nicht vergessen werden, dass ein Holzschiff dieser Art normalerweise eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren habe.

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Die „Seute Deern“ ist tot, übrig bleibt ein Kadaver. Ein paar Erinnerungsstücke noch, tausend Schlüsselanhänger, und fertig. Doch das sollte aus Sicht des Museums nicht alles sein. Das Schiff bleibt am Leben, nur eben auf andere Art, zeitgemäß. Es ist komplett gescannt worden, vier Milliarden Messpunkte aus 200 Positionen. Die präzise Erfassung dessen, was die Bark zuletzt war. Ein 360-Grad-Modell, das Museumsbesuchern eines Tages erlauben soll, einen virtuellen Rundgang zu unternehmen. Das 267.000 Euro teure Digitalisierungsprojekt hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien bezahlt.

Noch gibt es aber die Möglichkeit, real an Bord zu gehen. Diese eine Mal, danach nicht mehr. Das Schiff liegt am Baltimore-Pier am südlichen Ende des Alten Hafens, fest in ein Sandbett gedrückt. Es wird ausgeweidet. An Deck stehen zwei abgewetzte Kühlschränke, Sekt fürs Brautpaar. Die Polstermöbel auf dem Haufen daneben zeugen von altem Schick, sie sind mit rotem Stoff bezogen und glänzen in der Sonne. Wer darauf wohl alles gesessen und gefeiert hat? Lange her, nimmer mehr.

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