Interview mit dem Betriebsratschef des Klinikums Bremen-Mitte "Die Solidarität mit Huppertz ist groß"

Bremen. Nach Bekanntwerden des Klinik-Skandals und der fristlosen Entlassung von Chefarzt Hans-Iko Huppetz ist die Situiation im Klinikum Mitte angespannt. Im Interview spricht Betriebsratschef Thomas Hollnagel über die Stimmung unter den Mitarbeiter
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Von Matthias Lüdecke

Bremen. Seit April sind 25 Säuglinge auf der Frühgeborenen-Intensivstation des Klinikums Bremen-Mitte mit einem Keim in Kontakt gekommen. Drei von ihnen starben. Der ehemalige Chef der Station und der Professor-Hess-Kinderklinik, Hans-Iko Huppertz, wurde in der Folge fristlos entlassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Matthias Lüdecke sprach mit dem Betriebsratsvorsitzenden des Klinikums Mitte, Thomas Hollnagel, über die Stimmung in der Belegschaft.

Herr Hollnagel, seit einem Monat ist der Keimausbruch auf der Frühgeborenen-Intensivstation bekannt. Wie gehen die Mitarbeiter mit der Situation um?

Thomas Hollnagel: Sie sind sehr betroffen. Die Kollegen fühlen sich verantwortlich. Es ist etwas passiert, das nicht vorauszusehen war, und bei dem jeder sich fragt: ,Trage ich persönlich Mitschuld daran?' Die Verunsicherung ist sogar noch gestiegen, nachdem die Staatsanwaltschaft sich eingeschaltet hat und wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Inwiefern?

Wenn so etwas Tragisches passiert und ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, sind viele Kollegen emotional stark betroffen, resignieren und sind verunsichert. Das macht sich bemerkbar - und das nicht nur im Bereich der Kinderklinik. Alle anderen Mitarbeiter des Krankenhauses sind ebenfalls verunsichert. Ihnen ist bewusst, dass auch auf ihren Stationen Keime auftreten können, und sie fragen sich: Was passiert, wenn tatsächlich jemand identifiziert wird, der die Keime in sich trägt, vielleicht, ohne es zu wissen? Ist damit das Berufsleben beendet?

Seit Donnerstag liegt ein erster Bericht des Robert-Koch-Instituts vor, und auch die Ergebnisse der Mitarbeiter-Abstriche sind da - der multiresistente Keim konnte in den Proben nicht nachgewiesen werden. Wie bewerten Sie diese Ergebnisse?

Wir haben nie wirklich geglaubt, dass die Ursache bei den Mitarbeitern gefunden wird. Insofern können wir jetzt aufatmen. Andererseits bleibt aber auch nach dem Bericht die Verunsicherung. Wir kennen immer noch keine Ursache. Wir wissen immer noch nicht, wie das geschehen konnte - und wo wir noch mehr tun können, um so etwas zu verhindern.

Die RKI-Experten gehen davon aus, dass die Ursache auch nicht mehr gefunden wird.

Es sieht leider so aus, ja. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Staatsanwalt ein professioneller Keimfahnder ist.

Das klingt nach Kritik an dem Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Was stört Sie daran?

Dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, stört mich nicht. Im Gegenteil: Sollte es einen strafrechtlich relevanten Anteil geben, muss er selbstverständlich aufgeklärt werden - allein schon, weil der Verdacht sonst ewig auf dem Krankenhaus und den Mitarbeitern lastet. Aber ich finde, man kann eine solche Situation in einem Krankenhaus auch etwas sensibler handhaben und nicht unbedingt so öffentlichkeitswirksam.

Was hätte denn diskreter behandelt werden sollen?

Das fängt bei der ersten Pressekonferenz an. Der Staatsanwalt muss da meiner Meinung nach nicht vor laufenden Kameras einschreiten. Dadurch entsteht für die Klinik ein Imageschaden, der nicht gerechtfertigt ist. Ich denke aber auch, dass das, was über die Ermittlungen gegen Hans-Iko Huppertz an die Öffentlichkeit gedrungen ist, dessen Person ein für alle Mal beschädigt - egal, wie groß am Ende der Schuldanteil ist, der ihm nachgewiesen wird. Ich weiß nicht, ob das zu einer sachgerechten Aufklärung beiträgt - oder ob es nicht eher dafür sorgt, dass diejenigen, die helfen wollen, verunsichert werden. Nach dem Motto: Wenn ich jetzt etwas sage, bin ich morgen in der Öffentlichkeit.

Auf einer Mitarbeiterversammlung kurz nach der Entlassung von Hans-Iko Huppertz soll die Stimmung explosiv gewesen sein. Es hieß, das Vertrauensverhältnis zu Geno-Chef Diethelm Hansen sei gestört. Hat sich das inzwischen geändert?

Die Stimmung ist vielleicht nicht mehr so explosiv. Manche von Huppertz' Entscheidungen, die inzwischen bekannt geworden sind, werden etwas kritischer gesehen und auch sachlicher bewertet. Aber die Solidarität mit Professor Huppertz ist bei einem überwiegenden Teil der Mitarbeiter nach wie vor groß.

Weil sie die Kündigungsgründe von Diethelm Hansen nicht nachvollziehen können, der ihm schwere Versäumnisse vorwirft? Oder weil sie solidarisch sind mit ihrem ehemaligen Chefarzt?

Das ist keine unkritische Solidarität. Sie beruht einerseits auf der Bewertung seines Tuns als Chefarzt der Kinderklinik, seines Fachwissens als Kinderarzt und wie er mit Kindern umgegangen ist. Die andere Seite ist die Bewertung der Vorgänge um die Keime auf der Station. Ob Huppertz da Entscheidungen getroffen hat, die unzulässig sind, ist - zumindest in den Diskussionen, die wir mitkriegen - fachlich noch umstritten.

Die Geno sieht das anders und hat deshalb die fristlose Kündigung ausgesprochen. Wenn der Sachverhalt so umstritten und die Solidarität der Mitarbeiter zu Huppertz so groß ist - wie ist denn dann das Verhältnis zu Diethelm Hansen?

Wir haben Mitte Dezember zu einer Betriebsversammlung eingeladen, in der es darum gehen wird, was Mitarbeiter und Betriebsrat tun können, um wieder in die Zukunft zu blicken. Da werden wir sehen, wie die Stimmung ist, sowohl gegenüber Hansen als auch gegenüber Huppertz. Für eine abschließende Einschätzung, ob die Gründe für die Kündigung gerechtfertigt sind oder nicht, ist es zu früh. Das entscheiden die Arbeitsgerichte.

Geht Hansen aus Ihrer Sicht richtig mit der Situation um?

Er ist an die Öffentlichkeit gegangen und hat erste Maßnahmen ergriffen und weitere angekündigt - man kann ihm in seiner Rolle als Geschäftsführer zum jetzigen Zeitpunkt schwerlich Fehler vorwerfen. Ob der menschliche Umgang mit Huppertz unter Abwägung all seiner Verdienste gerechtfertigt war, kann und muss allerdings diskutiert werden.

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