SPD diskutiert Chancen bei der Veränderung der Wirtschaftsstruktur / Wachstum bei Gesundheit und Dienstleistungen möglich Die Tops und Flops in Bremen-Nord

Vegesack. Bremen-Nord hinkt der allgemeinen Bremer Entwicklung im Dienstleistungssektor hinterher. Während die Stadt Bremen im Zeitraum der Jahre 2012 bis 2015 ein Plus von 3,9 Prozent in diesem Bereich verzeichnete, betrug der Zuwachs in Bremen-Nord gerade mal 0,6 Prozent.
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Von Karsten Hollmann

Vegesack. Bremen-Nord hinkt der allgemeinen Bremer Entwicklung im Dienstleistungssektor hinterher. Während die Stadt Bremen im Zeitraum der Jahre 2012 bis 2015 ein Plus von 3,9 Prozent in diesem Bereich verzeichnete, betrug der Zuwachs in Bremen-Nord gerade mal 0,6 Prozent. In Bremerhaven stieg der Anteil immerhin um 1,7 Prozent an. Diese Zahlen gab Steffen Gabriel von der Arbeitnehmerkammer Bremen im Rahmen eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Wirtschaftsstruktur/Industrie 4.0 im Gustav-Heinemann-Bügerhaus in Vegesack bekannt. Die Nordbremer Sozialdemokraten hatten dazu eingeladen.

Diese Zahlen hat Kai-Ole Hausen ermittelt. Er ist bei der Arbeitnehmerkammer vorwiegend mit der Entwicklung in Bremen-Nord beschäftigt. Im produzierenden Gewerbe verbuchte Bremen-Nord in den Jahren 2012 bis 2015 ein Plus von 1,2 Prozent. Dies steht in einem großen Gegensatz zur Entwicklung in der Stadt Bremen.

Hier ging das produzierende Gewerbe im selben Zeitraum um 2,1 Prozent zurück. Dafür wuchs der Sektor Groß- und Einzelhandel, Logistik, IT und Gastgewerbe in Bremen um 1,8 Prozent an, in Bremen-Nord ging es allerdings um 0,7 Prozent zurück.

Hausen plädierte deshalb für einen Ausbau des Dienstleistungssektors im Bremer Norden. „Die Politik muss hier eingreifen, damit es zu einer ausgeglicheneren Wirtschaftsstruktur kommt“, forderte er. Aufgrund der überregionalen Bedeutung des Klinikums Bremen-Nord und einer höheren Altersstruktur in Bremen-Nord im Vergleich mit dem restlichen Teil der Stadt riet er zu einem Ausbau des Gesundheitswesens.

In diesem Zusammenhang bedauerte er, dass es nicht zu der einst von einem Investoren geplanten Ansiedlung eines Gesundheitszentrums rund um das Pflege- und Rehabilitationszentrum Friedehorst in Lesum gekommen sei. „Bremen-Nord kann leider nicht von der allgemeinen Dynamik in der Arbeitsplatzentwicklung profitieren“, sagte Hausen. Die Folge sei auch ein stetiger Rückgang der Einwohnerzahlen. „Es müssen also wieder attraktivere Arbeitsplätze geschaffen werden, damit wieder mehr Menschen in Bremen-Nord wohnen und arbeiten“, so Hansen.

Ganz ähnlich sieht es die SPD-Landesvorsitzende Sascha Karolin Aulepp: „Man kann in Bremen-Nord gut wohnen, schlafen, Kaffee trinken und spazieren gehen. Das kann aber nicht alles sein.“ Die Juristin machte auf den enormen Verlust von Arbeitsplätzen in Bremen-Nord in den vergangenen Jahren aufmerksam.

Gleichzeitig wies sie aber auch darauf hin, dass es sich nicht nur bei der Lürssen-Werft um einen Weltmarktführer handele. „Etliche Firmen aus Bremen-Nord sind auch weit über die Grenzen Bremens hinaus bekannt“, so Aulepp. Dennoch falle das Wirtschaftswachstum eben nicht so groß wie in anderen Regionen aus.

Ihr komme es aber auch gerade darauf an, dass bei einer Steigerung der Produktivität der Gewinn auch bei denen ankommt, die den Wertzuwachs erschaffen. Die Digitalisierung und Automatisierung habe längst Einzug in den Arbeitsbereich gehalten, teilte die SPD-Politikerin mit. Sie sehe in dem Wandel aber auch Chancen: „Vielleicht kann man demnächst vom heimischen Schreibtisch aus die Industrie-Fräse bedienen. Auch im Pflege- und Gesundheitswesen kann es zu Erleichterungen kommen.“ In diesem Sektor seien überwiegend Frauen tätig, die immer mehr Menschen pflegen. „Ich stelle mir in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie wir es schaffen, dass es keine prekären Arbeitsplätze in diesem Bereich werden“, sagte Aulepp.

Industrie 4.0 enthalte auch noch viele Bereiche aus Industrie 3.0, betonte Steffen Gabriel. Die in den 1970er und 1980er Jahren eingeführte Automatisierung habe viele Arbeitsplätze überflüssig gemacht. Zudem habe die Globalisierung zwar neue Arbeitsmärkte geschaffen, dafür aber auch für neue Konkurrenz gesorgt. „Das kann zum Beispiel auch tödlich für den Schiffbau sein“, meinte der 33-jährige Mitarbeiter der Arbeitnehmerkammer mit Blick auf die Geschichte Bremens.

Mit dem Eintreten einer Sättigung im Konsumbereich wendeten sich die Menschen verstärkt anderen Bereichen wie Event, Essen und Urlaub zu, so Gabriel. Dies beträfe eben gerade den Dienstleistungssektor. Dieser sei von 1990 bis heute um mehr als 50 000 Arbeitsplätze in Bremen angestiegen. In Bremen-Nord produziere die Hälfte der Beschäftigten die gleiche Menge wie vorher. „Dabei darf man aber nicht vergessen, dass viele Bereiche in Firmen von Fremdfirmen übernommen werden“, wandte ein Gast ein. Gabriel versicherte, dass auch diese Zulieferer bei Produktivität hinzugezählt werden.

„Die größten Wachstumsbranchen befinden sich im Dienstleistungssektor“, verriet Gabriel. Dann ging der Referent für Wirtschaftspolitik der Arbeitnehmerkammer auch noch speziell auf das Thema Industrie 4.0 ein. Dieser Bereich umfasse beispielsweise auch „Cyber-Physical-Systems“, bei denen es zur Einrichtung eines Produktionsvorgangs keines Arbeiters mehr bedarf.

In sogenannten „Smart Factoris“ könne die Logistik, Produktion und Nachfrage von einem Computer gesteuert werden. Der Kunde bekomme also zum Beispiel bei der Bestellung eines Schuhs das Produkt, ohne dass irgendein Mensch die Bestellung in Auftrag gebe.

„Das klingt nach extrem viel Zukunft, findet aber bereits heute statt“, betonte Gabriel. Wenn zum Beispiel ein Kunde einer Bank eine Aktie im Internet erwerben möchte, erhalte er diese, ohne dass ein Bankangestellter sich darum kümmern müsse, sagte Gabriel.

Die SPD-Unterbezirksvorsitzende Heike Sprehe sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen: „Die Digitalisierung und Automatisierung wird neue Arbeitsplätze schaffen, aber leider auch welche schlucken.“ Der wirtschaftspolitische Sprecher der Bremer SPD, Arno Gottschalk, baut mit Blick auf die technologische Zukunft auch auf die Jacobs Universität in Grohn. „Wir müssen nur eine bessere Verbindung zwischen der Wissenschaft und der Wirtschaft hinbekommen und unser Pfund in wirtschaftliche Vorteile umwandeln“, ließ er wissen.

„Es müssen also wieder attraktivere Arbeitsplätze geschaffen werden.“ Kai-Ole Hausen, Referent
„Die Digitalisierung wird Arbeitsplätze schaffen und auch schlucken.“ Heike Sprehe, SPD
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