Pflanzaktion statt eines offiziellen Festakts: Wohnungsbau Wesermarsch besteht seit 75 Jahren Die treuesten Mieter werden nun belohnt

Von Georg Jauken
11.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Georg Jauken

Brake/Lemwerder. Mit 53000 Reichsmark fing alles an. So hoch war das Stammkapital der Wohnungsbau Wesermarsch, die vor 75 Jahren begann, preiswerten Wohnraum zu schaffen. Der längst größte Anbieter von Wohnungen im Landkreis erfüllt bis heute gesellschaftspolitische Aufgaben im Auftrag der Kommunen.

Eine Jubiläumsfeier mit Sektempfang und Festredner gab und gibt es nicht. Stattdessen wurde mit den Mitarbeitern gefeiert und begonnen, 75 Bäume zu pflanzen. Die treuesten 75 Mieter sollen außerdem mit einem Präsent belohnt werden. Fast 50 Jahre leben sie im Durchschnitt in einer Wohnung des Unternehmens, in Nordenham und Brake, wo die Wohnungsbaugesellschaft ihre ersten Häuser errichtete, auch etwas länger. Unter den treuesten Mietern sind auch mehrere aus Lemwerder - ein Mieter etwa, der vor 50 Jahren in eines der gerade bezugsfertigen Mehrfamilienhäuser am Rethkampplatz zog.

Preiswerten Wohnraum zu schaffen und für ein Umfeld zu sorgen, in dem sich die Bewohner wohl fühlen, ist die eine Aufgabe der Wohnungsbau Wesemarsch. Weitere sind hinzu gekommen. Der ältere Wohnungsbestand muss laufend unterhalten und modernisiert werden. Seit einigen Jahren gewinnt die energetische Sanierung immer stärker an Bedeutung. Am Bardewischer Ring in Lemwerder lässt sich beobachten, dass nicht nur Energie gespart, sondern auch erzeugt wird: Die Dächer auf acht Mehrfamilienhäusern wurden an einen Investor vermietet, der dort seit November 2008 mit Solarkollektoren Strom für bis zu 1000 Haushalten produziert und ins EWE-Netz einspeist, ohne dass klimaschädliches Kohlendioxid entsteht.

Die Wohnungsbau Wesermarsch ist aber auch auf anderen Geschäftsfeldern unterwegs. So verwaltet sie mehr als 800 Eigentumswohnungen und Gewerbeimmobilien für private Auftraggeber.

Stillstand im Zweiten Weltkrieg

Bei der Gründung des Unternehmens durch den Kreis und die - damals elf - Stadt und Landgemeinden am 8. April 1936 war das noch nicht abzusehen. In den ersten Jahren ging es darum, Wohnraum zu schaffen. Durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges konnten begonnene Bauvorhaben allerdings nur unter großen Schwierigkeiten beendet werden. 1942 kam die Bautätigkeit völlig zum Erliegen, und eine Vielzahl an Wohnungen in Brake und Nordenham wurden durch die alliierten Luftangriffe zerstört oder erheblich beschädigt. Mehr als für Reparaturen oder Instandhaltung zu sorgen, war nicht möglich. Erst ab 1949/50 konnte die Wohnungsbau Wesermarsch ihre Bautätigkeit wieder aufnehmen. Bis Mitte der 70er Jahre entstanden in fast allen Gemeinden des Landkreises Siedlungen. Der Wohnungsbestand wuchs in dieser Zeit von 600 auf etwa 2500. Zusätzlich wurden seit der Gründung des Unternehmens 1500 Eigentumswohnungen in Kleinsiedlungen oder auch als Eigenheime und Reihenhäuser errichtet.

1996 betrug die Zahl der eigenen Wohnungen 2800. Seitdem wurden allerdings mehrere hundert Wohnungen verkauft. Von den derzeit etwa 3300 Wohnungen befindet sich etwa die Hälfte in Brake. Stark vertreten ist die Gesellschaft außerdem in Nordenham oder auch Lemwerder. Dort gehören ihr 500, in Berne rund 60 Wohnungen.

Seit den 90er Jahren rückte immer mehr die Bereitstellung von Baugrundstücken in den Fokus. Bauherren erhalten auf Wunsch Planung, Bau und Finanzierung von Wohn- und Gewerbeimmobilien aus einer Hand. Auch ganze Baugebiete werden entwickelt, so wie das Wohngebiet Weserdüne in Lemwerder. Die Hoffnung, dass Familien und Pendler für ein Einfamilien- oder Doppelhaus zwischen Weser und Weiden mit ihren schwarzbunten Kühen, Pferden und Störchen gewonnen werden können, hat sich dort allerdings nur teilweise erfüllt. Fürchtete man bei Planungsbeginn angesichts der großen Zahl der Interessenten noch, die 140 Grundstücke könnten gar nicht reichten, hatten es sich die meisten anders überlegt, als es eineinhalb Jahre später hätte losgehen können. Der Verkauf der Grundstücke läuft seitdem nur schleppend.

Wichtige Veränderungen für die Wohnungsbau Wesermarsch hatte es einige Jahre vorher gegeben. 1999, als der Kreis seine Anteile verkaufte, und 2005, als das Unternehmen die Braker WohnBau übernahm, verhinderten die übrigen Gesellschafter, also die Kommunen der Wesermarsch, mit einem finanziellen Kraftakt eine Privatisierung. Neben den Städten und Gemeinden zählen heute öffentliche Unternehmen wie die Landessparkasse zu Oldenburg, der OOWV, die Oldenburgische Landesbrandkasse und die Bremer Landesbank zu den Anteilseignern. Das Stammkapital beträgt heute 3,6 Millionen Euro.

Für den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Joachim Beckmann ist das Vorhalten bezahlbarer Wohnungen bis heute "eine öffentliche Aufgabe der Daseinsvorsorge". Mit der Verlagerung von öffentlichen Aktivitäten in den privaten Sektor würden nicht nur wichtige Einflussmöglichkeiten aufgegeben. Was passiert, wenn ein Eigentümer sich den Mietern nicht mehr verpflichtet fühlt und stattdessen die größtmögliche Rendite zum obersten Ziel erhebt, sieht Beckmann in der Eschhofsiedlung bestätigt. Seitdem die Eigentümer der ehemalige Werkswohnungen der Weser-Flug mehrmals wechselten und schließlich beim Immobilienfonds "Franz Portfolio 2" landeten, sei der Investitionsrückstand überall sichtbar. Die Bewohner beklagen zudem die Verwahrlosung der Grünanlagen und den hohen Leerstand, Fehler bei den Betriebskostenabrechnungen und das Fehlen von Ansprechpartnern, die mehr tun als Beschwerden entgegen zu nehmen.

Die Mietshäuser der Wohnungsbau Wesermarsch am Altenescher und Bardenflether Ring zeigen Beckmann zufolge, dass es auch anders geht. Gerne würde Beckmann das Engagement der Gemeinde und die Erfahrung der Wohnungsbau Wesermarsch bündeln, um dem drohenden Verfall der Eschhofsiedlung entgegen zu wirken. Voraussetzung sei jedoch, dass die Häuser für einen angemessenen Preis zum Kauf angeboten werden.

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