Corona und die Schnelltests

Die Tücken des Testens

Testen, testen, testen – das ist das, was sich die Politik wünscht. Aber das ist offenbar leichter gesagt als getan. Die Umsetzung der Teststrategie stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen.
05.03.2021, 11:50
Lesedauer: 4 Min
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Die Tücken des Testens
Von Marc Hagedorn
Die Tücken des Testens

Schnelltests soll es unter anderem auch bei Aldi oder DM zu kaufen geben.

Sebastian Gollnow

So schnell lässt sich Jan Wolters nicht aus der Ruhe bringen. Der Mann betreibt sonst das Bayernzelt auf dem Freimarkt, er ist also Trubel gewohnt. Vor ein paar Wochen hat Wolters das Corona-Testzentrum im Bremer Flughafen aufgebaut, und in Kürze könnte ihm ein Ansturm bevorstehen. Die Bundesregierung will, dass sich jeder Bürger einmal pro Woche kostenlos auf Corona testen lassen darf. Er kann dies zum Beispiel in Arztpraxen, Apotheken oder Testzentren machen, Testzentren wie dem von Wolters in Halle 1 am Airport. „Wir sind vorbereitet“, sagt Wolters, der Unternehmer.

Corona-Testzentren auf möglichen Ansturm vorbereitet

Dass das auch auf die Bundesregierung zutrifft, bezweifelt er. Wolters hat Jens Spahn, den Politiker und Bundesgesundheitsminister, in den vergangenen Monaten genau beobachtet, und sein Eindruck ist: So schnell, wie der Mann Dinge ankündigt, werden sie selten umgesetzt. „Das ist bei den Schnelltests jetzt nicht anders“, sagt Wolters, „bevor es richtig losgeht, wird es noch Tage dauern.“ Ungeklärt sei zum Beispiel die Finanzierung. Der Bund will die Kosten für den wöchentlichen Test übernehmen, der nach 15 Minuten ein Ergebnis liefert und sonst für 39 Euro bei Wolters zu haben ist. „Aber darüber, wie das abgerechnet werden soll, liegen uns noch gar keine Infos vor“, sagt Wolters.

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Testen, testen, testen – das ist das, was sich die Politik wünscht. Schnelltests sollen dabei helfen, Infektionen früher und flächendeckender als bisher zu erkennen. Schnelltests könnten auch dabei helfen, Corona-Lockerungen abzusichern beziehungsweise in größerem Stile überhaupt erst möglich zu machen, also etwa Kino-, Theater- oder Restaurantbesuche gegen Vorlage eines aktuellen negativen Schnelltests.

Testen, testen, testen – „das klingt gut“, sagt Hans Michael Mühlenfeld, „aber…“ Der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbandes hält die Umsetzung für „unausgegoren und nicht durchdacht“. Wenn sich nur jeder dritte Bremer wöchentlich testen lassen würde, wären das um die 180.000 Tests. „Das bindet unheimlich viele Kapazitäten“, sagt Mühlenfeld, der im Moment in seiner Praxis pro Woche ein paar Dutzend Tests durchführt. „Aber jetzt reden wir von ganz anderen Dimensionen.“ Das habe Folgen, sagt der Mediziner: „Weniger Zeit für meine Patienten und volle Wartezimmer, die wir ja eigentlich unbedingt vermeiden sollten.“

Im Testzentrum am Flughafen könnten täglich 1000 Tests durchgeführt werden, sagt Wolters. „Wir haben dafür die Infrastruktur, das Personal und auch die Tests.“ Mehrere Tausend habe er auf Lager. Auch andere Testzentren fühlen sich gut vorbereitet. Beispiel Covid-Zentrum an der Schleifmühle. Im Moment lassen sich hier täglich 500 Bremerinnen und Bremer schnelltesten. „Wir könnten die Kapazitäten innerhalb von wenigen Tagen auf 3000 Tests pro Tag hochfahren“, sagt Rene Bock, Leiter der Bremer Niederlassung des Start-Up-Unternehmens, das auch in Berlin und Hamburg Testzentren betreibt.

Nach Einschätzung der Bundesregierung wären auch Apotheken geeignet dafür, Schnelltests durchzuführen. In Bremen aber hielten sich diese laut Kammerpräsident Klaus Scholz im Moment noch zurück. Nur eine Handvoll Apotheken führten aktuell Schnelltests durch. Weil der Aufwand vergleichsweise hoch sei. „Sie brauchen dafür das Personal, die Räumlichkeiten, die Schutzkleidung. Sie müssen sich immer wieder umziehen“, sagt Scholz, „das lohnt sich nur, wenn sie mehrere Kunden hintereinander weg testen.“ Vorstellen könnte er sich, dass Apotheken feste Zeiten für Tests anbieten, etwa eine Stunde vormittags und eine Stunde am Abend.

Selbsttests als Ergänzung - allerdings mit einer Schwachstelle

Eine Ergänzung zu den professionell durchgeführten Schnelltests sollen die Selbsttests für Jedermann sein, die auch Scholz in Kürze in seinen Apotheken anbieten wird. Schon ab Sonnabend sollen sie beim Discounter Aldi im Regal stehen. Das hat das Unternehmen angekündigt. 24,99 Euro soll die 5er-Packung für zu Hause kosten, macht fünf Euro pro Test.

Der Selbsttest ist damit deutlich günstiger als der Schnelltest in den Testzentren, Apotheken und Arztpraxen, hat aber eine Schwachstelle: Die Ergebnisse werden nirgendwo dokumentiert. Heißt: Ein Anwender könnte positive Resultate für sich behalten, auf die notwendige Quarantäne und weitere Maßnahmen verzichten und im schlimmsten Fall leichtfertig andere anstecken. Positive Ergebnisse aus den professionellen Schnelltests dagegen werden direkt dem Gesundheitsamt gemeldet.

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Der Bund, der jetzt eine Taskforce Testlogistik mit Spahn und Verkehrsminister Andreas Scheuer an der Spitze eingerichtet hat, hat sich nach eigener Aussage 200 Millionen Selbsttests bei den Herstellern gesichert. Dazu kommen die Einzelhändler, Apotheken und Drogerien, die auch schon millionenfach geordert haben.

Sechs verschiedene Präparate hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte inzwischen für den deutschen Markt zugelassen. Wenige Tage nach Aldi wollen auch die Drogerieketten Müller und dm Tests für Laien anbieten; dm auch gleich noch kostenlose Schnelltests vor den Läden im heimischen Baden-Württemberg obendrein. Rossmann hat wahrscheinlich ab dem 17. März die ersten Sets vorrätig. Die Branche geht von einem reißenden Absatz aus. Vorsorglich wird die Abgabemenge pro Kunde und Haushalt deshalb auch begrenzt.

Info

Zur Sache

Testzentren in Bremen

Covid-Testzentrum, Außer der Schleifmühle 4, Termine online buchbar, Schnelltest 39,90 Euro, PCR-Test 99,90 Euro

Testzentrum am Flughafen, ohne Terminvereinbarung, montags bis samstags 9 bis 19 Uhr, Schnelltest 39 Euro, PCR-Test ab 75 Euro

Testzentrum Coronatest.com, Kornstraße 620-624, Terminvereinbarung online, Schnelltest 34,99 Euro

MVZ Bremen-Mitte als Walk-In, Außer der Schleifmühle 64-66, telefonische Anmeldung, PCR-Test 75 Euro

Corona Free Pass, Drive-In auf dem Parkplatz des Schwarzlichthofs an der Cuxhavener Straße, montags bis samstags 13 bis 18 Uhr, PCR-Test 34,95 Euro

Die Johanniter in der Julius-Bamberger-Straße in Habenhausen testen aktuell nicht in ihrem Zentrum. Das Personal, so heißt es auf der Homepage, sei aktuell im Impfzentrum im Einsatz.

Erklärung: Bei den Schnelltests liegt das Ergebnis meist nach 15 bis 20 Minuten vor. Die aufwändigeren PCR-Tests werden in Laboren meist innerhalb von 24 Stunden ausgewertet.

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