Speicherbühne und Kukoon zeigen erstmals in Bremen die „NSU-Monologe“ der Bühne für Menschenrechte Die ungeschönte Wahrheit

Überseestadt/Buntentor. Vor mehr als fünf Jahren erfuhr die Öffentlichkeit von der Existenz des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Klar wurde damit, dass die in manchen Medien flapsig als „Döner-Morde“ titulierte Verbrechensserie der Jahre zwischen 2000 und 2006 in Wahrheit einen rechtsextremen Hintergrund hatte.
01.06.2017, 00:00
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Von Anke Velten

Überseestadt/Buntentor. Vor mehr als fünf Jahren erfuhr die Öffentlichkeit von der Existenz des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Klar wurde damit, dass die in manchen Medien flapsig als „Döner-Morde“ titulierte Verbrechensserie der Jahre zwischen 2000 und 2006 in Wahrheit einen rechtsextremen Hintergrund hatte. Seit dem vergangenen November ist die Berliner „Bühne für Menschenrechte“ bundesweit mit ihrem dokumentarischen Theaterstück „Die NSU-Monologe“ unterwegs, das die Ereignisse aus der ganz persönlichen Sicht real existierender Hinterbliebener aufarbeitet. In der kommenden Woche zeigen die Speicherbühne und das Kulturkombinat Kukoon das Stück erstmals in Bremen. Im Anschluss an die Aufführungen wollen sie mit ihrem Publikum ins Gespräch kommen. Denn es geht um Themen, die die gesamte Gesellschaft und die unmittelbare Nachbarbarschaft angehen.

In den „NSU-Monologen“ nehmen die Schauspieler die Rollen von Angehörigen dreier NSU-Mordopfer ein: Adile Şimşek ist die Witwe des Blumenhändlers und ersten NSU-Opfers Enver Şimşek, der im September 2000 in Nürnberg ermordet wurde. Elif Kubaşıks Ehemann Mehmet wurde im April 2006 tot hinter dem Tresen seines Dortmunder Kiosks aufgefunden. Ismail Yozgats 21-jähriger Sohn Halit wurde zwei Tage später in seinem Internetcafé in Kassel erschossen: Es waren Menschen, die nur deswegen als Mordopfer ausgewählt wurden, weil sie einen Migrationshintergrund hatten.

Diese Möglichkeit hatten die Ermittler allerdings jahrelang nicht in Betracht ziehen wollen, bis der rechtsextreme Hintergrund unübersehbar vor ihren Augen stand und nach und nach dessen düstere Dimensionen ans Licht kommen. Stattdessen mussten die Hinterbliebenen in ihrer Trauer auch noch quälende Verhöre, Unterstellungen und falsche Verdächtigungen aushalten. Es wurde im persönlichen Umfeld der Opfer ermittelt, deren Unbescholtenheit infrage gestellt oder Angehörige selbst der Taten verdächtigt. „Der Kampf der Hinterbliebenen um die Wahrheit“, lautet der Untertitel der Inszenierung.

Die Texte beruhen wortgetreu und ungeschönt auf Interviews, Zeugenaussagen und Protokollen. Das Stück benötigt kein aufwendiges Bühnenbild, keine technischen Effekte. So stehen die authentischen Originaltöne für sich selbst, und sie tun das offensichtlich so eindrücklich und berührend, dass es schon das Berliner Premierenpublikum zu Ovationen von den Sitzen hob. Es gehe darum, den öffentlichen Diskurs über das politische Thema anzuregen, erklärt Artur Ruder vom soziokulturellen Zentrum Kukoon in der Neustadt. Das dokumentarische Theater sei ein Stilmittel, das einer breiten Öffentlichkeit die Tür zu einem Thema öffne, „bei dem ansonsten in der Zeitung weiter geblättert oder vor dem Fernseher umgeschaltet wird“, heißt es von der „Bühne für Menschenrechte“. Die Programmmacher wünschen sich für die Abende ein Publikum, das die Diversität der Gesellschaft spiegelt: Ihre Einladung ging unter anderem auch ausdrücklich an lokale türkischsprachige Medien und Geschäfte, berichten Astrid Müller und Marc Pira von der Speicherbühne. Im Anschluss an die Aufführung in der Überseestadt wird es eine Diskussion geben, die von Bildungswissenschaftlerin Aysun Dogmus moderiert wird. Gemeinsam mit Jörg Tapking, Linken-Fraktionssprecher im Waller Beirat, soll darüber diskutiert werden, wie und wo Rassismus im Bremer Westen wahrgenommen und erlebt wird.

Die Moderation im „Kukoon“ übernimmt Norbert Schepers, Leiter des Bremer Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Kompetente Podiums-Partner sind der Journalist und NSU-Experte Fritz Burschel sowie die Bundestagsabgeordnete Martina Renner. Die Sprecherin für antifaschistische Politik der Linken-Fraktion war als Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses im thüringischen Landtag ganz nah an den Ermittlungen. Moderator Schepers will im Rahmen der Diskussion auch der unrühmlichen Rolle von Verfassungsschutz und Geheimdiensten nachgehen, und der gesamtgesellschaftlichen Frage, wie staatliche Instanzen eingesetzt werden sollten, um Extremismus zu bekämpfen.

Begleitend zu der kleinen Themenreihe zeigt das Kino 46 vom 15. bis 19. Juni jeweils um 20 Uhr Sobo Swobodniks Film „6 Jahre, 7 Monate & 16 Tage“: Die Morde des NSU“, der im Mai beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in München uraufgeführt wurde.

„Die NSU-Monologe“ werden am Donnerstag, 8. Juni, 20 Uhr in der Speicherbühne im Speicher XI aufgeführt. Plätze können telefonisch unter der Rufnummer 3 80 09 46, per Mail an kontakt@speicherbuehne.de reserviert werden. Als Eintritt ist eine Spende zwischen acht und 15 Euro erbeten. Die Aufführung im Kukoon, Buntentorsteinweg 29, beginnt Freitag, 9. Juni, 20 Uhr. Reservierungen unter Telefon 68 49 67 89 oder per Mail an info@kukoon.de.

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