Islamistische Attentate Die Verbindung zwischen Terrorismus und Kriminalität

„Viele Jihadisten haben inzwischen einen kriminellen Hintergrund“, sagt Terrorismusforscher Peter Neumann. Eine Verbindung zweier Milieus, aus der beide Seiten Nutzen ziehen.
13.05.2019, 21:27
Lesedauer: 5 Min
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Die Verbindung zwischen Terrorismus und Kriminalität
Von Ralf Michel

Deutlicher als die französische Ausgabe des dschihadistischen Magazins „Dar al-Islam“ kann man die Verbindung zwischen Terrorismus und Kriminalität kaum auf den Punkt bringen: „Wenn du eine Waffe kaufen willst, dann zieh dich an wie ein Jugendlicher aus den Vororten, der plant, einen Raub mit einer Waffe zu begehen“, hieß es dort schon 2015.

Dar al-Islam ist eine der Zeitschriften, in der die dschihadistischen Organisationen ihrer Anhängerschaft Handlungshinweise zur Vorbereitung und Durchführung von Terroranschlägen geben. Der Gedanke hinter dieser Empfehlung: Ein wie ein Salafist gekleideter Kunde könnte selbst hartgesottene Waffenhändler abschrecken. Also lieber als Gangster auftreten.

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Der nächste Schritt ist naheliegend. Die Attentäter treten nicht nur als allgemeine Kriminelle auf, sie sind es tatsächlich. Ein Phänomen, das Terrorismusforscher Peter Neumann in ganz Europa ausmacht: Menschen mit krimineller Vergangenheit radikalisieren sich und werden zu Gefährdern oder sogar Attentätern. Der Islamische Staat (IS) profitiere bei der Rekrutierung solcher Personen von deren Fähigkeiten, sagt Neumann. „Die Milieus nähern sich an. Viele Dschihadisten haben inzwischen einen kriminellen Hintergrund.“

Neumann ist Professor am Department of War Studies des King’s College London. Dort hat er 2008 ein Zentrum gegründet, in dessen Fokus die Radikalisierung von Menschen steht: das International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR). Seit 2016 werden hier Datensätze über Personen angelegt, bei denen es eine Verbindung zwischen Kriminalität und Radikalisierung gibt. 150 Fälle aus ganz Europa umfasst diese Datei inzwischen. Auf Einladung von Daniel Heinke, Leiter des Landeskriminalamtes Bremen und selbst seit 2014 externes Mitglied des ICSR, stellte Neumann die Ergebnisse seiner Studien jetzt Mitarbeitern des LKA Bremen vor.

Die Idee, dass es eine Verbindung zwischen Terrorismus und Kriminalität gibt, datiert schon vom Anfang der 2000er Jahre, erklärte Neumann. Damals sei jedoch von organisatorischer oder institutioneller Kooperation der Organisierten Kriminalität mit Terroristen ausgegangen worden. Heute dagegen gehe es um Individuen mit krimineller Vergangenheit, die sich radikalisieren und zu Gefährdern oder sogar Attentätern werden.

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Geändert hätten sich auch die Biografien der Terroristen. Von den früheren Al-Qaida-Attentätern stammten noch 75 Prozent aus der Ober- oder Mittelschicht und 60 Prozent von ihnen waren hochschulgebildet, erläuterte der Terrorismusexperte. Heute seien nur noch zwölf Prozent hochschulgebildet. Dafür aber 66 Prozent polizeibekannt und ein Drittel vorbestraft.

Früher sei der Schritt ins dschihadistisch-salafistische Milieu ein radikaler Bruch mit dem bisherigen Leben gewesen. „Die Leute wurden fromm, Alkohol und Drogen waren tabu, das gesamte Leben richtete sich an religiösen Vorgaben aus.“ Heute spiele dies bei vielen kaum noch eine Rolle. „Ich kann ruhig Drogen nehmen und in die Disco gehen – was ich tun werde, ist so wichtig, da werden mir ohnehin alle Sünden vergeben.“ Religion sei den Attentätern zwar noch wichtig, aber ihr theologisches Wissen nur noch oberflächlich, oft nur auf Slogans beschränkt.

Aus der Perspektive der Terroristen seien die kriminellen Fähigkeiten dieses Personenkreises von Interesse. Vor allem ihr Zugriff auf Waffen: „In vielen europäischen Ländern ist es ein Problem, an Waffen zu kommen.“ Ebenso wichtig seien gefälschte Papiere, um Wohnungen oder Autos mieten zu können.

In größeren Städten gebe es zwar Orte, in denen man Waffen oder gefälschte Papiere bekommen könne. Trotzdem würden Außenstehende, die diese Orte aufsuchen, zumindest auffallen. „Je enger diese Personen deshalb im kriminellen Milieu vernetzt sind, Kontakte haben und Vertrauensverhältnisse bestehen, desto einfacher wird alles für sie.“

Bei der Frage, wie Kriminalität Radikalisierungsprozesse beeinflusst, spielen nach Neumanns Studien vor allem zwei Aspekte eine Rolle. Zum einen gehe es um Wiedergutmachung: Den Kriminellen sei bewusst, dass sie schlimme Dinge getan haben. Nun dächten sie an das Jüngste Gericht und versuchten, einen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten. „Und sie versuchen, ihre kriminellen Taten auf mindestens genauso starke Weise zu kompensieren. Beten allein reicht nicht.“

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Zum anderen gebe es durch die Radikalisierung eine Legitimation für ihre Verbrechen. Die Einnahmen aus Straftaten würden als Kriegsbeute von Feinden betrachtet, die der Finanzierung des Dschihad dienten. Neumann berichtete vom Fall eines Belgiers, der 70 Personen für den Kampf des IS in Syrien rekrutiert habe.

„Vorher hat er sie zu Taschendiebstählen am Bahnhof aufgefordert.“ Streng genommen blieben die Straftaten zwar Sünden, seien für den richtigen Zweck aber in Ordnung. „Nicht das Verhalten der Kriminellen wird verändert, sondern nur ihre Motivation.“

Der Ort, an dem die Werber des Dschihad mit Kriminellen am engsten zusammenkommen, sind Gefängnisse, betont der Terrorismusforscher. Viele Inhaftierte und gerade die, die zum ersten Mal hinter Gittern gelandet seien, hätten existenzielle Krisen. Sie überlegten, wie sie ihr Leben ändern könnten und seien deshalb auch für neue Ideen offen. Hinzu komme, dass sie plötzlich von ihren traditionellen Netzwerken wie Familie und Freunden abgeschnitten seien. „Dies alles schafft eine Verwundbarkeit, die sie zur idealen Zielgruppe macht, um sie für radikale Ideen zu rekrutieren.“

Zudem seien Gefängnisse Orte, an dem Netzwerke entstünden, die über viele Jahre halten. „Wir kennen zahlreiche Anschläge, die auf Verbindungen zurückgehen, die in Gefängnissen entstanden sind.“ Ein Beispiel sei der Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo. Daran seien drei Attentäter beteiligt gewesen, die nicht einmal denselben Organisationen angehört hätten. „Aber sie saßen zusammen im Gefängnis“, betonte Neumann. „Sieben Jahre vor der Tat.“

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Entsprechend rangieren Gefängnisse, in denen man sich schon früh Gedanken über Deradikalisierung macht, ganz oben auf der Liste der Empfehlungen von Peter Neumann zur Terrorismusabwehr. Wichtig sei außerdem, dass die Sicherheitsbehörden ständig ihre Checklisten überprüften, anhand derer sie Radikalisierung festmachen.

„Stimmen die Indikatoren noch, haben sich Dinge verändert?“ Wo das Problem liegen könne, zeige das Beispiel Anis Amri. Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt hat Drogen konsumiert, erzählte Neumann. Was beim Bundeskriminalamt prompt seinen Niederschlag in der Checkliste für unislamistische Verhaltenseigenschaften fand.

Noch deutlicher wurde Berlins Innensenator, der davon sprach, dass Amris Benehmen nicht mehr mit den bekannten Mustern islamistischer Terroristen übereingestimmt habe. Letztlich sei Amri eben nicht der 100-prozentige Terrorist gewesen, sondern immer wieder auch ein ganz normaler Krimineller, erläuterte Neumann. „Er driftete ständig von einem Milieu ins andere.“ Dies habe letztlich zu der fatalen Fehleinschätzung seiner Gefährlichkeit geführt.

Für Daniel Heinke schließt sich hier der Kreis zu Einrichtungen wie dem ICSR in London: „Deshalb ist es uns so wichtig, uns eng an Forschungsergebnisse anzubinden. Um daraus abzuleiten, wie auch wir uns mit unseren Methoden anpassen müssen.“

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