Bremerhavens OB Melf Grantz im Interview „Die Vergangenheit hängt uns nach“

Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz spricht im Interview über das schwere Erbe der Stadt, die Diskrepanz zwischen Image und Realität - und was er sich von Carsten Sieling wünscht.
04.07.2016, 00:00
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„Die Vergangenheit hängt uns nach“
Von Silke Hellwig

Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz spricht im Interview über das schwere Erbe der Stadt, die Diskrepanz zwischen Image und Realität - und was er sich von Carsten Sieling wünscht.

Herr Grantz, was ist in und was ist an Bremerhaven anders als viele denken?

Melf Grantz: Bremern kann ich nur empfehlen, häufiger nach Bremerhaven zu kommen – und zwar nicht nur wegen der touristischen Attraktionen oder des Schaufensters Fischereihafen. Wir haben darüber hinaus zum Beispiel eine lebendige Wissenschaftslandschaft, die sich dem Publikum immer mehr öffnet. Die Alte Bürger als Kneipen- und Kulturmeile ist meiner Meinung nach sehenswert und das Goethe-Quartier, wo sich viel in Gang gesetzt hat und urbanes Leben breit macht. Wir haben auch zwei wunderbare Parkanlagen mit dem Bürgerpark und dem Speckenbütteler Park.

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Selbst, wenn es unbestritten viel Positives gibt, gerät Bremerhaven häufig in Negativ-Schlagzeilen, auch überregional. Es hieß einmal, Bremerhaven sei die einzige Stadt des Ostens, die im Westen liegt.

Wir sind eine der Städte mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Deutschland und damit verbundener Familien- und Kindesarmut. Aber durch die positiven Entwicklungen der jüngsten Zeit waren wir aus den Negativschlagzeilen raus…

… weil es noch Gelsenkirchen und Dortmund gibt, also andere Städte, die arm dran sind?

Nein, weil sich in den vergangenen Jahren enorm viel getan hat. Momentan sorgt der Skandal um den Sozialhilfemissbrauch für negative Berichterstattung. Aber das hätte in jeder anderen Großstadt der Bundesrepublik passieren können. Den negativen Zahlen kann man außerdem viele positive gegenüberstellen: die der steigenden Einwohnerzahl, die der umfangreichen Arbeitsplätze in der Lebensmittelwirtschaft, der maritimen Wirtschaft und in den Forschungseinrichtungen, die Zahl der Studierenden, die Übernachtungszahlen und die Passagierzahlen des Columbus Cruise Centers, den Pkw- und den Container-Umschlag im Hafen . . .

Entschuldigen Sie, dass ich unterbreche, aber Sie spulen das so routiniert ab, als ob Sie diese Verteidigungsrede sehr oft halten müssten.

Das stimmt, aber es ist keine Verteidigungsrede, sondern Realität. Nur der Ruf der Vergangenheit hängt uns noch nach. Wenn hier nationale oder internationale Konferenzen stattfinden, sind die Teilnehmer oft verblüfft, welche positive Ausstrahlung unsere Stadt hat.

Diesen Gästen gilt also Ihre Verteidigungsrede?

Nein, ich trage das auch immer wieder in Bremen vor – und manchmal muss ich sogar unsere eigenen Bürger daran erinnern, dass Bremerhaven sich gemacht hat. Leider hat unsere Stadt weiterhin mit Vorurteilen zu kämpfen.

Dennoch: Es gibt sehr viele arbeitslose und arme Menschen in Bremerhaven. Damit können Sie sich als Oberbürgermeister nicht abfinden wollen.

Das will ich auch nicht. Aber zum einen bitte ich darum, den Hintergrund zu bedenken. Diese Stadt musste mehr verkraften als viele andere Städte: die Werftenkrise, den Niedergang der Hochseefischerei und den Abzug der US-Amerikaner. Unser Problem ist der hohe Anteil an Langzeitarbeitslosen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum mehr Fuß fassen können. Bremerhaven braucht einen dauerhaften zweiten Arbeitsmarkt. Der Bund muss hier endlich seinen Verpflichtungen nachkommen. Anders werden wir dieses Problem nicht lösen können, schon gar nicht aus eigener Kraft.

In unmittelbarer Nähe des Stadthauses, in dem sich Ihr Büro befindet, liegt die Stresemannstraße. Hier in Lehe wird Bremerhaven durchaus dem Ruf einer Problemstadt gerecht. Viele Wohnungen und Häuser stehen leer. Das wirkt schon bedrückend.

Da haben Sie aber ausgerechnet den Teil der Straße erwischt, wo es tatsächlich Leerstand gibt. Solche Straßen gibt es auch in Bremen…

… bestimmt, aber das macht es nicht besser.

Nein, das nicht. Ich möchte aber betonen, dass das nicht etwa typisch für Bremerhaven ist, sondern für Städte mit strukturellen Problemen. Wir haben bis vor rund acht Jahren etwa 1500 bis 2000 Einwohner pro Jahr verloren. Wir haben Wohnungen zurückgebaut. Aber seit Jahren sind wir wieder eine wachsende Stadt. Wir haben Neubaugebiete ausgewiesen, und wir haben ein Programm gegen Schrottimmobilien gestartet. Das läuft sehr erfolgreich, viele Häuser sind wieder hergerichtet worden. Die Wunden der Vergangenheit lassen sich aber nicht von heute auf morgen heilen, da muss man einen langen Atem haben.

Lehe gilt dennoch als Deutschlands ärmster Stadtteil.

Es ist richtig, dass Lehe unser Sorgenkind ist. Aber das bedeutet für uns auch, dass wir uns besonders kümmern. In den vergangenen Jahren ist hier bereits viel geschehen. Aber auch in Zukunft werden wir einen Schwerpunkt auf den Stadtteil Lehe legen. So entwickeln wir beispielsweise das Kistner-Gelände zu einem Wohnquartier mit Einzelhandelsanbindung weiter und das mitten in Lehe. Bundesmittel in Millionenhöhe unter Kofinanzierung der Stadt fließen auch in die Modernisierung des Lehe-Treffs, eine Freizeitstätte mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendbetreuung, der insbesondere bei der Bewältigung der Integrationsarbeit wichtige Aufgaben im Stadtteil leistet. Alle diese Maßnahmen haben schon jetzt dazu geführt, dass es wesentlich mehr private Investitionen in die Zukunft des Stadtteils gibt.

Es lässt sich nicht vermeiden, über das Verhältnis zwischen Bremen und Bremerhaven zu reden. Wieso ist es so schwierig? Man hat den Eindruck, mit jedem Vergleich betritt man vermintes Gelände.

Es ist nicht immer leicht. Vorurteile, die auch im Senat gepflegt werden, wir seien in der Aufgabenwahrnehmung teurer als die Stadt Bremen, sind durch nichts belegt. Es gibt Bremensien in beiden Städten, die sind anzuerkennen, von beiden Seiten. Dazu gehören die stadtbremischen Häfen in Bremerhaven, aber auch die Hoheit über Lehrer und Polizei in Bremerhaven.

Die nicht anerkannt wird.

Offensichtlich nicht, sonst würde die Diskussion um eine gemeinsame Landespolizei nicht immer wieder aufflammen. In Bremen heißt es ungerechtfertigterweise, die Bremerhavener Polizei sei zu gut ausgestattet und entsprechend zu teuer. So entstehen Eifersüchteleien, die vollkommen unnötig sind und eine Zusammenarbeit nur erschweren.

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Nun sind die Bremerhavener auch ziemlich eigensinnige Verhandlungspartner. Diskussionen werden im Keim erstickt, Ihr Vorgänger hat sogar Unterschriften gegen die Zusammenlegungen der Polizei gesammelt.

Die Vorteile, die es haben soll, die Polizei der beiden Städte zusammenzulegen, halten einer Überprüfung nicht stand. Die Zusammenlegung würde nicht zu Kosteneinsparungen führen. Bis auf eine Ausnahme: Die Bremer könnten ihre Personalprobleme lösen, wenn sie Zugriff auf unsere Beamten hätten. Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass andere ihre Probleme auf unsere Kosten lösen. Wenn das eigensinnig ist, bitte, dann sind wir eigensinnig.

Gibt es Reibungsverluste zwischen der großen Koalition in Bremerhaven und Rot-Grün in Bremen?

Das ist nicht das Problem. Der Konflikt verläuft eindeutig zwischen den beiden Städten, und er verschärft sich durch die Haushaltsnotlage. Es gibt einen Verteilungskampf. Bestes Beispiel ist das geplante Offshore-Terminal, von dem manche Bremer plötzlich Abstand nehmen. Solche Störmanöver sind typisch. Es geht in Wahrheit nicht um den Sinn des OTB, sondern es geht um die 180 Millionen Euro, die einige Bremer lieber für etwas anderes ausgeben würden. Aber ich bin mir sicher, dass der OTB kommt und in einigen Jahren wird es im Rückblick nur noch Befürworter geben. Das kennen wir schon vom Hafentunnel, der jetzt – nach rund 20 Jahren des Hin und Her – gebaut wird. Beide Projekte sind für das gesamte Bundesland wichtig.

Das klingt ein bisschen verbittert.

Ich bin nicht verbittert. Aber so was bindet unnötig Energie, und die Diskussion um die Polizei zog sich durch den ganzen vergangenen Sommer. Wir Bremerhavener verstehen uns als Verhandlungspartner auf Augenhöhe, nicht als eine Art Anhängsel oder als Kostenfaktor. Es fehlt oft an gegenseitiger Wertschätzung, und nicht in allen Ressorts sind die Interessen Bremerhavens genauso präsent wie die Bremens. Ich hoffe, dass Carsten Sieling in Zukunft noch ein bisschen deutlicher seine Rolle als Landesvater zum Ausdruck bringt.

Früher war es gang und gäbe, dass Bürger, die in Bremerhaven gearbeitet haben, dort nicht wohnen wollten. Es gab großes Gezerre um Landeseinrichtungen, die zumindest zum Teil nach Bremerhaven ziehen sollten wie die Hafenbehörde. Hat sich das geändert?

Auch heute gibt es noch viele Pendler innerhalb des Bundeslandes. Aber es gibt auch Bremerhavener, die in Bremen arbeiten. Das liegt vor allem an der Größe der Stadt. Uns fehlt es – im Vergleich zu Bremen – an so etwas wie dem Viertel. Wir haben jedoch ein großartiges Stadttheater und das Theater im Fischereihafen sowie zahlreiche kleinere kulturelle Einrichtungen. Das Historische Museum ist neben den anderen bekannten touristischen Attraktionen sehr sehenswert. Aber mit der Größe Bremens können wir nicht mithalten. Ähnlich verhält es sich wohl mit den Menschen, die in Bremen arbeiten und in Hamburg leben.

Dafür haben Sie das Meer.

Das stimmt, und das wird auch immer so bleiben.


Das Gespräch führte Silke Hellwig.

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