Vor 25 Jahren: In Vegesack verstreicht die Gelegenheit, das Gladbecker Geiseldrama unblutig zu beenden Die verpasste Chance

Heute vor 25 Jahren, am 16. August 1988, überfallen im nordrhein-westfälischen Gladbeck zwei Schwerverbrecher eine Bank und flüchten mit Geiseln zwei Tage lang quer durch die Republik. Eine der ersten Stationen ist Vegesack. Hier halten sich die Geiselgangster für knapp drei Stunden auf. Während der insgesamt 54-stündigen Irrfahrt sterben zwei Geiseln. Und bei einem Autounfall stirbt ein Polizist aus Platjenwerbe, der das Verbrechen dokumentieren sollte.
16.08.2013, 05:00
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Von Imke Molkewehrum

Heute vor 25 Jahren, am 16. August 1988, überfallen im nordrhein-westfälischen Gladbeck zwei Schwerverbrecher eine Bank und flüchten mit Geiseln zwei Tage lang quer durch die Republik. Eine der ersten Stationen ist Vegesack. Hier halten sich die Geiselgangster für knapp drei Stunden auf. Während der insgesamt 54-stündigen Irrfahrt sterben zwei Geiseln. Und bei einem Autounfall stirbt ein Polizist aus Platjenwerbe, der das Verbrechen dokumentieren sollte.

Vegesack. Kurz vor Schalteröffnung dringen am Morgen des 16. August 1988 zwei maskierte Männer in eine Gladbecker Filiale der Deutschen Bank ein. Die bewaffneten Gangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski erbeuten 300000 Mark. Mit zwei Geiseln verlassen sie am Abend in einem Fluchtauto den Tatort. Kurz darauf steigt auch Marion Löblich, Rösners Freundin, in den verwanzten Wagen. Ihre Eltern leben in Bremen, und so ist Vegesack eine der ersten Stationen während der folgenden 54-stündigen Odyssee. Über die Abhöranlage erlauscht die Gladbecker Polizei: "Nichts wie ab in Richtung Bremen". Am frühen Nachmittag des 17. August kommen die Täter in Bremen-Nord an.

Gegen 13.15 Uhr verlassen Degowski, Rösner und Löblich mit den Geiseln die A27 in Richtung Blumenthal. Kurz darauf, so recherchiert die hiesige Presse, erkundigen sie sich bei Passanten nach einer Adresse in Bremen-Nord und parken später etwa eine Stunde lang mit ihrem Fahrzeug an der Straße Unter den Linden. Die Gladbecker Polizei hat die Kollegen in Bremen zuvor auf die Möglichkeit hingewiesen, dass Rösner in Bremen-Nord zwei Kontaktadressen ansteuern könne. So hat seine Schwester nach damaligen Recherchen unserer Zeitung, noch ein Jahr zuvor im Lämmerweg in Lüssum-Bockhorn gewohnt. In der Umgebung werden daher Zivilfahrzeuge der Polizei postiert. Die Verbrecher lassen sich hier allerdings nicht blicken.

Polizei greift nicht zu

Während sich Marion Löblich und Hans-Jürgen Rösner laut Medienberichten schließlich in einer Boutique nach Kleidungsstücken umsehen, bewacht Dieter Degowski im Fluchtauto, das an der Vegesacker Rampe geparkt ist, die beiden Geiseln. Der Mann hat reichlich Bier getrunken und ist völlig übermüdet. Nur 250 Meter entfernt liegt ein schwer bewaffnetes Sonderkommando auf der Lauer. Aber selbst als Degowski für kurze Zeit das Fahrzeug verlässt, greift die Polizei nicht ein. Später heißt es, die Einsatzleitung habe zu diesem Zeitpunkt noch bei der Gladbecker Polizei gelegen.

Derweil bummeln Rösner und Löblich arglos und unbehelligt durch die Vegesacker Fußgängerzone, mischen sich unter die Passanten und kaufen in unterschiedlichen Geschäften ein. Um keinen Argwohn zu erregen, schickt die Polizei einen einzigen Beamten zur Beobachtung vor. Der ist völlig überfordert und verliert das Paar immer wieder aus den Augen. Auch auf das Auto an der Vegesacker Rampe hat er nach eigenen Aussagen nur "sporadisch Sicht".

Er versucht sich zwar über einen Hinterhof an das Fahrzeug heranzuschleichen, aber ein Gebüsch versperrt den Blick. Ebenso aussichtslos ist sein Versuch, über ein angrenzendes Haus durch ein Kippfenster zu gucken. Die Menschen im Fahrzeug erkennt er nur schemenhaft.

Dass Degowski die Geiseln minutenlang im Auto allein gelassen hat, ist dem Späher wegen seiner Standortwechsel fatalerweise entgangen. Später schildert eine Geisel die Vorkommnisse: Dieter Degowski "begab sich hinter den PKW, seine Pistole nahm er mit". Eine Geisel erwägt noch einen Fluchtversuch, scheut aber das Risiko, zumal Degowski versichert hat "euch Geiseln tun wir eh nichts an".

Über die Abhöranlage im Fluchtwagen kann die Einsatzleitung in Nordrhein-Westfalen mithören, merkt aber nicht, dass Degowski zwischendurch sogar einschläft, derweil seine Waffe auf der Mittelkonsole des Wagens liegt. In Vegesack verpasst die Polizei die beste Zugriffsmöglichkeit auf die Geiselgangster.

Nach Aussage der Bremer Polizei versuchen die Geiselnehmer gegen 15.30 Uhr bei einer Autovermietung an der Vegesacker Heerstraße einen BMW 525 zu mieten. Der Inhaber verweigert Marion Löblich den Vertragsabschluss – ohne zu ahnen, wen er vor sich hat. Später gibt er zu Protokoll, ihm sei "die Angelegenheit komisch vorgekommen". Üblicherweise werde als Kaution nur ein Euroscheck akzeptiert, die Frau habe aber alles bar bezahlen wollen und das Fahrzeug in Ibbenbüren zurückgeben wollen, wo es keine Filiale gebe.

Gegen 16 Uhr sind die Gangster schließlich auf dem Weg zur Vegesacker Fähre und setzen über. Es folgen die dramatische Entführung eines Linienbusses in Huckelriede, der brutale Mord an dem 15-jährigen Emanuele de Giorgi, eine Irrfahrt nach Holland und der tragische Unfall des jungen Polizisten aus Platjenwerbe. Das Geiseldrama endet erst einen Tag später am 18. August 1988 gegen 14 Uhr auf der Autobahn Köln-Frankfurt nach einem Schusswechsel, bei dem die 18-jährige Silke Bischoff stirbt.Siehe auch Politik, Seite 4

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