EU-Austauschprogramm für Städte Die verrückten guten Ideen der anderen

Gegen Leerstand, für Beteiligung: Im EU-Programm „Refill“ tauschen sich zehn europäische Städte über sozial innovative Ideen aus. Nun hat Bremen Besuch aus Gent und Athen bekommen.
17.05.2017, 21:12
Lesedauer: 3 Min
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Die verrückten guten Ideen der anderen
Von Sara Sundermann

Gegen Leerstand, für Beteiligung: Im EU-Programm „Refill“ tauschen sich zehn europäische Städte über sozial innovative Ideen aus. Nun hat Bremen Besuch aus Gent und Athen bekommen.

Athens Vizebürgermeisterin marschiert weiter über die Wiesen neben dem Fluss. Sie findet sich mit einer internationalen Delegation an einem entlegenen Ort wieder, den selbst die meisten Bremer nicht kennen: Sie ist unterwegs auf einer Landzunge beim Hemelinger Hafen, wo der Musiker Flowin Immo alias Immo Wischhusen mit seinen Helfern aus Holzpaletten eine Bühne gebaut hat.

„Die Komplette Palette“ heißt das Projekt. Was will die internationale Reisegruppe hier? Der Besuch der europäischen Delegation im Hemelinger Hafen ist Teil des Austauschprogramms „Refill“, an dem Bremen seit Anfang vergangenen Jahres teilnimmt.

In diesem Projekt wollen zehn europäische Städte voneinander lernen, welche Projekte zur Belebung leer stehender Gebäude und Orte gut funktionieren. Finanziert wird Refill durch den EU-Regionalfonds EFRE und das Städtenetzwerk Urbact. Vertreter aus Politik, Verwaltung und von lokalen Initiativen besuchen sich gegenseitig in ihren Städten und stellen neue Projekte vor.

Rap mit Jungs aus Randgebieten

Seit Dienstag sind Gesandte aus Gent und Athen zu Besuch in Bremen und reisen mit Vertretern des Wirtschafts- und des Bauressorts sowie Mitarbeitern der Zwischenzeitzentrale durch die Stadt. Bei dem Besuch verschiedener Zwischennutzungsprojekte soll die Frage im Zentrum stehen, wie benachteiligte Gruppen beteiligt werden können.

Immo Wischhusen erklärt, weshalb sein Projekt nicht nur eine Bühne für Musiker sein soll: „Ich arbeite mit den Hemelinger Füchsen zusammen, das sind Jungen zwischen zehn und 13 Jahren, die drohen, in die Kriminalität abzudriften. Einige der Jungs haben hier die Leitungen für die Bühne in die Erde eingegraben, im Sommer will ich einen Rap-Workshop mit ihnen machen.“

Es gehe darum, dass die Jugendlichen etwas Konstruktives tun. Weshalb Athens Vizebürgermeisterin an dem Refill-Programm teilnimmt? „Wenn ich in einer anderen Stadt ein Projekt kennenlerne und dann etwas Ähnliches bei mir in Athen vorschlage, kann man das nicht als verrückte Idee abtun, dann kann ich darauf verweisen, dass so etwas anderswo schon gibt“, sagt Amalia Zepou, Athens parteilose Vizebürgermeisterin für Zivilgesellschaft und Innovation.

Derzeit leben etwa 18.000 Flüchtlinge in Athen

Ihre Stadt muss im Vergleich zu Bremen Herausforderungen einer ganz anderen Dimension schultern: „Im vergangenen Jahr haben etwa eine Million Flüchtlinge Griechenland passiert, derzeit leben etwa 18.000 Flüchtlinge in Athen“, sagt Zepou. „Gleichzeitig haben wir 130.000 leer stehende Wohnungen und 1600 leer stehende öffentliche Gebäude, weil Athen schrumpft.“

Als Vorbild für einen neuen sozialen Ort in der Stadt gilt Vertretern des Refill-Programms das Grand Hotel Cosmopolis in Augsburg: Das ist eine zentrale Stätte, wo Flüchtlinge wohnen und ein Café und Ateliers untergebracht sind. Etwas Vergleichbares gibt es in Bremen noch nicht, wohl aber temporäre Projekte, an denen Geflüchtete beteiligt sind.

Am Mittwoch war die Refill-Delegation zum Beispiel zu Gast in einem Flüchtlingsheim in Arbergen. Dort gibt es einen Kulturgarten, in dem sich Flüchtlinge und Bewohner des Stadtteils entspannen können. Das Flüchtlingsheim arbeitet auch mit dem nahen Jugendzentrum zusammen.

Plan wurde nicht umgesetzt

Ideen für ein großes Gebäude, in dem Flüchtlinge, Künstler und Kleinunternehmer zusammenkommen, gab es in Bremen bereits – für den Brinkmann-Speicher in Woltmershausen. Der Plan wurde aber nicht umgesetzt. Doch der Traum von einem solchen Ort für Integration sei nicht gestorben, sagt Jan Casper-Damberg aus dem Wirtschaftsressort: „Wir haben einen Antrag für EU-Mittel eingereicht und würden so etwas gern im Zentrum von Blumenthal schaffen.“

Die Bremer waren auch schon im Rahmen des Refill-Programms auf Reisen: zuletzt in Helsinki, im vergangenen Jahr in Gent. 2018 ist ein Besuch in Athen geplant. Zunächst aber wollen die Bremer an diesem Donnerstag ihren Gästen ein Projekt aus Gröpelingen vorstellen: Ein „Urban Lab“, in dem Jugendliche, die sonst viel Zeit mit Computerspielen verbringen, lernen sollen, ihre Fähigkeiten für das Programmieren von Webseiten einzusetzen.

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