Daesch-Kämpfer aus Bremen Die vielen Gesichter des Harry S.

Der Bremer Harry S. war Teil der Terrororganisation Daesch. Er ist deswegen verurteilt worden. Doch nun gibt es neue Vorwürfe, denn Harry S. hat viele Gesichter.
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Die vielen Gesichter des Harry S.
Von Jürgen Hinrichs

Der Bremer Harry S. war Teil der Terrororganisation Daesch. Er ist deswegen verurteilt worden. Doch nun gibt es neue Vorwürfe, denn Harry S. hat viele Gesichter.

Harry S. ist ein freundlicher, zugewandter junger Mann. Wer mit ihm spricht, findet den Bremer sympathisch und glaubt ihm seine Reue. S. war im vergangenen Jahr für drei Monate in Syrien und hatte sich dem Daesch angeschlossen. Bekannt geworden ist das durch ein Propagandavideo der Terrororganisation, in dem S. als Fahnenträger der Islamisten zu sehen ist. Viel mehr habe er nicht gemacht, beteuerte der Angeklagte vor Gericht und kam wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung mit drei Jahren Haft vergleichsweise milde davon.

Doch nun beweist ein weiterer Film, den ein Informant aus den Kreisen des Daesch der Washington Post zugespielt hat, dass S. unmittelbar an einer Hinrichtung beteiligt war. Er hat die Gefangenen einem Kommando zugeführt und mit einer Pistole mutmaßlich auch selber auf die Opfer gefeuert. Jedenfalls trägt er die Waffe in der Hand und zielt auf Menschen, die bereits am Boden liegen. Ist Harry S., dieser Mann, der so nachdenklich wirkt und sich zwar nicht als unschuldig betrachtet, aber nur Mitläufer gewesen sein will, in Wahrheit ein abgefeimter Mörder?

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Udo Würtz, der Anwalt von S., war nach eigener Aussage erschrocken, als ihm am Freitag in Bremen von Journalisten der Washington Post und des ZDF ohne vorherige Ankündigung das Video vorgeführt wurde. „Harry wirkte darin völlig anders, als ich ihn kenne“, sagte Würtz am Mittwoch dem WESER-KURIER, „er steht in den Szenen völlig neben sich, sein Blick allein, die Augen. Zuerst habe ich gedacht, das kann er nicht sein, aber er ist es natürlich.“

Verteidiger hat Harry S. mit dem Video konfrontiert

Würtz fühlte sich von den Journalisten überrumpelt: „Die haben mich dabei gefilmt, wie mir das Gesicht runterfällt.“Am Dienstag hat der Verteidiger seinen Mandanten im Gefängnis mit dem Video konfrontiert. Die beiden sind übereingekommen, zu den neuen Vorwürfen erst einmal nichts zu sagen. „Ich bin nicht autorisiert, eine Erklärung abzugeben“, so Würtz. Er betonte aber, dass er S. weiterhin anwaltlich vertreten werde.

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Harry S. war im Juli vergangenen Jahres nach seiner Rückkehr aus Syrien am Bremer Flughafen verhaftet worden. Gegen ihn wurde damals nicht nur wegen seiner Mitgliedschaft beim Daesh ermittelt, sondern auch wegen eines Raubüberfalls auf ein Ehepaar in Oyten, für den er später vom Landgericht Verden zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. S. bestreitet die Tat, die er mit mehreren Komplizen begangen haben soll.

Sein Anwalt hat Revision eingelegt. Zunächst wollte S. zu seiner Zeit in Syrien gegenüber dem Verfassungsschutz und der Generalbundesanwaltschaft nicht aussagen. Dann tat er es doch, in einem Maße, wie nur selten bei ehemaligen Kämpfern des Daesch. Er berichtete über die Strukturen der Terrororganisation, auch über einzelne Verbände und Befehlshaber. Eine Quelle, die von den Ermittlern mangels anderer Erkenntnisse über die Vorgänge in Syrien und speziell die Beteiligung von Europäern an den Kampfhandlungen gerne genutzt wurde. Die Protokolle der Vernehmungen umfassen mittlerweile mehr als tausend Seiten.

Bremer auf dem Titel der New York Times

S. wurde so auch für die Medien interessant. Er führte im Gefängnis etliche Interviews, eines davon mit dem WESER-KURIER. Es gab zu bester Sendezeit Filmberichte über ihn, bis auch internationale Zeitungen auf diesen beredten Kronzeugen aufmerksam wurden. Die New York Times schickte aus den USA eine Pulitzer-Preisträgerin. Harry S. kam mit einem großen Foto auf die Titelseite , weiter hinten wurde für ihn und seine Geschichte eine Doppelseite ausgebreitet. Als Folge davon will nun auch die amerikanische Bundespolizei FBI den Zeugen vernehmen.

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S. hatte in den Daesch-Camps, in denen er als Kämpfer einer Spezialeinheit ausgebildet wurde, unzählige Ausländer kennengelernt, die sich ebenfalls der Terrororganisation angeschlossen hatten. Polizeibehörden und Geheimdienste in der ganzen Welt interessieren sich brennend dafür, wer genau diese Personen waren und ob bei einer möglichen Rückkehr in ihre Heimat große Gefahr besteht. S. hatte ausgesagt, dass er vom Geheimdienst des Daesch zweimal gefragt worden sei, ob er, statt in Syrien zu kämpfen, nicht lieber nach Deutschland zurückkehren wolle, um dort Anschläge zu verüben. S. will das strikt abgelehnt haben.

Der Bremer im Fokus von Ermittlern und Medien. Seinen Angaben ist bislang in weiten Teilen vertraut worden, und sie müssen nicht automatisch falsch sein, auch wenn mit dem neuen Film Zweifel gesät werden. Ein Fakt, hinter dem Udo Würtz, der Anwalt, Absicht vermutet: „Ich glaube, das ist eine gezielte Aktion der Propaganda-Abteilung des Daesch, um Harry unglaubwürdig erscheinen zu lassen.“ So oder so dürfte gegen seinen Mandanten jetzt neu ermittelt werden. „Mag sein“, sagt Würtz, „aber ein weiteres Strafverfahren kann es in der Sache nicht geben.“

Staatsanwaltschaft will Bildmaterial prüfen

Maßgeblich sei dafür der sogenannte Strafklageverbrauch. Demnach darf niemand wegen einer Tat mehrmals abgeurteilt werden. Mit dem Urteil wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sei alles, was damit im Zusammenhang stehe, abgegolten, so der Verteidiger. Die Generalbundesanwaltschaft, zuständig für Terrortaten mit deutscher Beteiligung im In- und Ausland, kündigte am Mittwoch an, das Bildmaterial sehr genau prüfen zu wollen. „Möglicherweise gewinnen wir daraus den Verdacht für die Beteiligung an einem Tötungsverbrechen“, sagte eine Sprecherin der Behörde.

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Harry S., in Bremen als Kind von Eltern aus Ghana geboren, ist in Osterholz-Tenever aufgewachsen. Seine Mutter hatte ihn und seine beiden Geschwister katholisch erzogen. Der Vater war früh in seine Heimat zurückgekehrt. Nachdem die Familie nach London umgesiedelt war, wandte sich S. schnell dem Islam zu. „Ich hatte das Gefühl, noch näher an Gott zu sein. Mir hat es gefallen, fünfmal am Tag zu beten und die Fastenzeit einzuhalten. Ich mochte die Gemeinschaft in den Moscheen“, erzählte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er konvertierte schließlich, zum großen Ärger seiner Mutter, hatte sich aber noch nicht radikalisiert. Das geschah nach seinen Angaben erst im Gefängnis.

S. musste in der JVA Oslebshausen eine Strafe wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt absitzen, den er mit seinen Kumpanen bei einem Aufenthalt in Bremen begangen hatte. Während der Haftzeit bekam er Kontakt zu René Marc S., der wegen Terrordrohungen im Gefängnis saß und zum mittlerweile verbotenen salafistischen Kultur- und Familienverein (KuF) in Gröpelingen gehörte. Aus dem Umfeld des KuF sind nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden etliche Männer, Frauen und Kinder nach Syrien ausgereist, um sich dem Daesch anzuschließen. So wie zuletzt Harry S. – ein intelligenter Mann, der höflich ist und reflektiert wirkt, jetzt aber noch einmal ganz anders mit seiner Schuld konfrontiert wird.

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