Ein-Personen-Stück „Steile Welle“ über die Krankheit Epilepsie wird im Schnürschuh-Theater uraufgeführt Die Welt der zappelnden Glieder

Leben mit der tabuisierten Krankheit Epilepsie, das ist das Thema des Ein-Personen-Stückes "Steile Welle, ein Stück zwischen Fallsucht und Sehnsucht", das am Donnerstag, 6. Juni, im Schnürschuh-Theater uraufgeführt wird. Marion Witt und Hans König sind die Autoren des einfühlsamen Schauspiels, das helfen soll, anders über Epilepsie nachzudenken und Ressentiments abzubauen.VON SIGRID SCHUER
02.06.2013, 05:00
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Von Sigrid Schuer

Leben mit der tabuisierten Krankheit Epilepsie, das ist das Thema des Ein-Personen-Stückes "Steile Welle, ein Stück zwischen Fallsucht und Sehnsucht", das am Donnerstag, 6. Juni, im Schnürschuh-Theater uraufgeführt wird. Marion Witt und Hans König sind die Autoren des einfühlsamen Schauspiels, das helfen soll, anders über Epilepsie nachzudenken und Ressentiments abzubauen.VON SIGRID SCHUER

Neustadt. Wie auf Wolken schwebt Ursula in den Armen ihres Tanzpartners Uwe zur Melodie des "Walzers der tausend Takte" über das Parkett. "Schon beim ersten Tag des Walzers bist du da und lächelst mich an", singt Marion Witt alias Ursula und dreht sich mit gelben Schuhen im Takt. Dieser Walzer von Jacques Brel sollte der vielversprechende Auftakt zu einer Romanze werden. Doch der Absturz aus dieser Beschwingtheit folgt jäh, in die "steile Welle" der Epilepsie. Mit versteinertem Gesicht steht Ursula regungslos da. Die sogenannte EEG-Kurve türmt sich auf dem Wandbild im Hintergrund zu einem Gebirge auf, das die Protagonistin mit einer Extrembergsteiger-Expedition in die Berge Patagoniens vergleicht. Genauso extrem wie das imaginierte Gebirgsmassiv ist die immer noch tabuisierte Krankheit, die einschneidende Veränderungen des Lebens und manchmal den vollkommenen Verlust der Würde mit sich bringt.

Ursula lernt schon als Kind, was sie künftig alles nicht mehr darf, damit ihre Nervenzellen nicht zu stark unter Strom gesetzt werden und zu flattern beginnen. Karussellfahrten und das Tanzen im Stroboskop-Blitzlichtgewitter von Diskotheken sind künftig nicht mehr drin, ebensowenig wie ein Flug nach New York. "Willkommen in der Welt der zappelnden Glieder, willkommen in der Welt der unartigen Lieder, gesungen mit Schaum vor dem Mund", singt die freischaffende Schauspielerin und Autorin Witt zu Beginn. Authentisch und feinfühlig wie ein Seismograf gibt Marion Witt berührende Einblicke in die Achterbahnfahrt dieser Krankheit.

Epilepsie ist die zehnthäufigste Krankheit in der Republik. "Es heißt mein Herzanfall, meine Kreislauferkrankung, aber es ist immer von der Epilepsie die Rede", sagt die Schauspielerin, die selbst mit der Krankheit leben lernen musste. Das 1998 von Marion Witt und Pablo Keller gegründete Tourneetheater "compania t" hat sich bereits mit Themen wie Tod, Ausgrenzung und Blindheit auseinandergesetzt. Ein Stück über Epilepsie zu schreiben, diese Idee entstand schon vor einigen Jahren. Durch den fachwissenschaftlichen Kontakt zum Diakoniekrankenhaus Rotenburg und zum Gesundheitsladen Bremen und durch die Anschubfinanzierung durch das Diakonische Werk und die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover konnte das Stück jetzt realisiert werden. Marion Witt und Hans König, Gründungsmitglied des "Theatre du pain", der auch Regie führt, sind die Autoren. "Steile Welle – ein Stück zwischen Fallsucht und Sehnsucht", wird am Donnerstag, 6. Juni, um 20 Uhr, im Schnürschuh-Theater uraufgeführt. Das Stück soll endlich das Tabu brechen und auch eine Hilfe für Betroffene sein. "Wir möchten, dass jeder die Chance hat, über die Auseinandersetzung mit dem Stück seine eigenen Defizite zu akzeptieren und in sein Selbstbild und seinen Alltag besser zu integrieren. Das Theaterspiel schafft das", unterstreicht Marion Witt. Denn die provokante These des Theaterstückes lautet: "Wir haben alle unsere Anfälle, ob wir es wissen oder nicht".

Die gelernte Puppenspielerin schlüpft in verschiedene Charaktere, die ihr in Selbsthilfegruppen begegnet sind. Das Ein-Personen-Stück mit dem ernsten Thema wird durch komödiantische Elemente aufgelockert. Witt, die in der Neustadt lebt, und König aus der östlichen Vorstadt, schildern aber auch die Odyssee durch Arztpraxen und die extrem sensible Beziehung zwischen Patientin und Arzt. In einem locker-luftigen Chanson schwärmt Ursula Doktor Düsseldorf an. Für den Herrn Doktor mit dem charmanten wienerischen Akzent ist sie jedoch nichts anderes als ein Versuchskaninchen. Er stopft seine extrem kooperative Patientin mit vielen verschiedenen Medikamenten voll und denunziert sie in einer Internet-Studie als "Klebrig, devot, dauerleidend und schwer integrierbar". Die Nebenwirkungen haben es in sich: Erinnerungsverlust, Depressionen, Aggressivität, Gewichtszunahme und Haarverlust. Da glühen die Synapsen, sodass das Gehirnmodell zu rauchen beginnt, das Marion Witt in der Rolle des Doktor Düsseldorf mit Spritzen und Bohrgerät traktiert.

Die "Steile Welle" ebbt nach einer guten Stunde ab. "Ich hab’ sie mal gehasst, heute würde ich sagen: Sei mein Gast. Ich trage dich, gib’ mir die Hand!", singt die Schauspielerin. Die Krankheit ist ein Teil von ihr geworden, und sie wagt sogar angstfrei zu sagen: "Sie macht mich stark !"

"Steile Welle – ein Stück zwischen Fallsucht und Sehnsucht" wird am Donnerstag, 6. Juni, um 20 Uhr im Schnürschuh-Theater, Buntentorsteinweg 145, uraufgeführt. Die Karten kosten 15 Euro und zehn Euro ermäßigt. Weitere Informationen bei Marion Witt, compania t, unter Telefon 39099393 oder unter mail@compania-t.de.

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