Waller Heilpraktikerin wirbt um Verständnis für hochsensible Menschen / Forscher: Jeder Fünfte betroffen Die Welt wie im Vergrößerungsglas

Manche Menschen reagieren viel stärker auf Sinnesreize als andere. Manche so stark, dass Alltagssituationen als unerträgliche Belastungen wahrgenommen werden. In ihrer Waller Praxis möchte Jara Astrid Becker das Bewusstsein für das Phänomen Hochsensibilität wecken und Wege aufzeigen, mit dieser besonderen Veranlagung zu leben.
28.12.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Manche Menschen reagieren viel stärker auf Sinnesreize als andere. Manche so stark, dass Alltagssituationen als unerträgliche Belastungen wahrgenommen werden. In ihrer Waller Praxis möchte Jara Astrid Becker das Bewusstsein für das Phänomen Hochsensibilität wecken und Wege aufzeigen, mit dieser besonderen Veranlagung zu leben.

Wer kennt sie nicht, jene merkwürdigen Situationen? Die gute Freundin, die sich ohne ein Wort des Abschieds genervt von einer lustigen Party verdrückt. Oder der Kollege, der sich in den Arbeitspausen prinzipiell zurückzieht statt mit den anderen zusammen zu essen und zu plaudern. Wer so jemanden schon erlebt hat, oder sich selbst in diesen Verhaltensweisen wiedererkennt, der könnte es mit dem Phänomen der Hochsensibilität zu tun haben. Jara Astrid Becker hat sich in ihrer Waller Praxis Dryade darauf spezialisiert. Mit ihren Informationsveranstaltungen und Kursen möchte sie Betroffenen das Leben erleichtern – und bei alle anderen für Verständnis werben.

Ein Zuviel fürs Gehirn

Menschen, die unter die Kategorie „hochsensibel“ fallen, empfinden Sinnesreize wesentlich stärker als andere – und sie nehmen davon wesentlich mehr gleichzeitig wahr. Sie erleben die Welt „wie durch ein Vergrößerungsglas“, erklärt Jara Astrid Becker. Eine derartige Wahrnehmungsfähigkeit – das klingt zunächst einmal wie eine beneidenswerte Begabung. Im Alltag ist eine solch ungefilterte Flut an Reizen allerdings übermäßig anstrengend, erklärt die psychotherapeutische Heilpraktikerin. Das „Zuviel fürs Gehirn“, wie es in einem Fachartikel genannt wird, könne in gewissen Situationen das Gefühl erzeugen, „sich mitten in einer Riesen-Welle wiederzufinden, ohne Orientierung, und mit dem einzigen Bedürfnis: Ich will hier raus“, erklärt die 53-jährige.

Becker kennt das Gefühl und weiß, wovon sie spricht: Auch sie gehörte zu den Gästen, die auf Feiern „sang- und klanglos“ verschwinden, konnte sich selbst lange nicht erklären, warum. Bei den Betroffenen können Gerüche, Geräusche oder grelles Licht so großes Unbehagen verursachen, dass sie das Bedürfnis haben, solchen Situationen zu entfliehen oder von vornherein zu meiden. Akustische Reize wie ein vorbeifahrender Schnellzug oder das Martinshorn eines Feuerwehrwagens können unerträgliche Stresssituationen sein. Enge, kratzige Kleidungsstücke können als Qual empfunden werden, bestimmte Aromen oder Konsistenzen von Lebensmitteln als ungenießbar.

Wer einem solchen Übermaß an Empfindungen ausgesetzt sei, habe ein besonders starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe. Und wer das nicht verstehen oder nachfühlen könne, interpretiere ein solches Verhalten als unverständliche Überreaktion. „Hochsensible Menschen werden darum oft als Außenseiter wahrgenommen, manchmal auch als arrogant oder unsozial. Sie hören immer wieder den Vorwurf: ,Nun stell Dich mal nicht so an!’“, sagt die Heilpraktikerin. „Wer das jahrzehntelang erlebt, glaubt irgendwann selbst: Irgendetwas stimmt nicht mit mir.“ Problem auch: In einer modernen Gesellschaft, die Stressresistenz, Multitasking und eine Ellenbogen-Mentalität zelebriere, seien Hochsensible wenig geschätzt.

Dabei ist Hochsensibilität keine Krankheit, und es ist auch keine besonders seltene Ausnahme: Mittlerweile gehe die einschlägige Forschung davon aus, dass bis zu einem Fünftel aller Menschen hochsensible Persönlichkeitseigenschaften besitze, so Becker. Dennoch habe das Thema in der Wissenschaft erst vor wenigen Jahren Beachtung gefunden, im allgemeinen Bewusstsein sei es wenig bekannt, erklärt die Heilpraktikerin.

Vorreiterin der noch verhältnismäßig jungen Hochsensibilitäts-Forschung ist die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron. Sie prägte den Begriff Ende der 90er-Jahre und weckte mit ihren Studien das wissenschaftliche Interesse. Mittlerweile stütze die wissenschaftliche Forschung Arons Vermutung, dass es sich bei Hochsensibilität um eine erbliche Persönlichkeitseigenschaft handele, so Becker.

Keine Einbildung

Neurologische Studien hätten hirnphysiologische Unterschiede nachgewiesen, die belegten: Die Überempfindlichkeit ist nicht eingebildet. Und wenn sie erkannt und bewusst gemacht wird, könne sich die vermeintliche Schwäche in eine echte Stärke verwandeln, sagt Jara Astrid Becker. Bestes Beispiel: Sie selbst hat sich ihre besondere Fähigkeit zur Empathie, also zum Einfühlen in die Gefühlswelt anderer, beruflich zunutze gemacht. Sie gab ihre Tätigkeit als Diplompädagogin in der Erwachsenenbildung auf, um sich mit der eigenen Praxis für intuitive Therapie selbstständig zu machen.

In ihrer Praxis hat sich Jara Astrid Becker auch auf die Arbeit mit hochsensiblen Menschen spezialisiert und bietet seit einiger Zeit Informationsabende und Kurse zum Thema an. Dabei habe sie ihre Vermutung bestätigt gefunden, dass das Bedürfnis nach einem gezielten Angebot groß sei. Die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen, auf Verständnis zu stoßen und eine Erklärung für den langen Leidensdruck zu erhalten, sei für viele eine riesige Erleichterung, erzählt sie: „Ein Teilnehmer sagte: Mit diesem Wissen könne er nun seine ganze Vergangenheit neu einordnen.“

Die Termine der weiteren Info-Abende zum Thema „Sensibel Leben“ sind am Mittwoch, 14. Januar 2015, und Donnerstag, 12. Februar, jeweils 18 bis 19.30 Uhr, in der Praxis Dryade, Elisabethstraße 115. Die Teilnahme ist kostenfrei, um Anmeldung wird gebeten unter der Nummer 57 28 29 75 oder per E-Mail an info@praxis-dryade.de. Weitere Informationen: www.praxis.dryade.de. Über Hochsensibilität schreibt Becker auch in ihrem Blog www.gewebe-des-lebens.de.

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