Flucht und Vertreibung

Die Weltkriegs-Flüchtlinge waren nicht willkommen

Nch dem zweiten Weltkrieg nahm Bremen fast 129.000 Menschen auf. Es war ein großer Flüchtlingsstrom, und auch in Bremen wurden Vertriebene und Geflohene nicht mit Zuwendung überschüttet.
27.09.2015, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Die Weltkriegs-Flüchtlinge waren nicht willkommen
Von Silke Hellwig
Die Weltkriegs-Flüchtlinge waren nicht willkommen

Bremen verhängte schon früh eine Zuzugssperre – im Juli 1945. 1959 hatte die Stadt Bremen gut 546.000 Einwohner, darunter mehr als 84.000 Vertriebene und fast 44.500 Zugewanderte. Ohne Zuzugssperre wären es laut Experten vermutlich noch deutlich mehr gewesen. Das Bild entstand 1946 am Hauptbahnhof Bremen.

KARL EDUARD SCHMIDT · STAATSARCHIV BREMEN

Die Flucht aus Niederschlesien ist für Rudi Geisler unvergesslich. Sie hat sich in seine Erinnerung eingebrannt. Der ehemalige Leiter der Landesbildstelle war vier Jahre alt, als seine Mutter im Juni 1946 mit ihm und seinem Bruder vertrieben wurde.

In seinen Erinnerungen „Tränen am Kornfeld – heimatlos nach dem Zweiten Weltkrieg“ schreibt Geisler: „Mutter packte in aller Eile das Notwendigste zusammen: ein paar Dokumente, Sparbücher und Fotos, alles Zeugnisse eines glücklichen Lebens. Die Briefe des Vaters aus dem Krieg wurden dazugelegt (...) Es war verboten, mehr mitzunehmen, als man tragen konnte (...) Auf meinem noch nicht ganz fünfjährigen Rücken quälte mich das Kopfkissen (...) Der Teddy mit den braunen Knopfaugen in meinem Arm wog dagegen nichts (...) Ihn habe ich nie losgelassen.“

Rudi Geisler, seine Mutter und sein Bruder zählen zu den rund zwölf Millionen Deutschen, die sich nach Einschätzung von Experten in der Zeit zwischen Januar 1945 und August 1961 auf den Weg in die Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise die westlichen Besatzungszonen machten. Allein die Zahl lässt Elend, Hunger, Not und Verteilungskämpfe erahnen – denn in den westlichen Besatzungszonen hatte der Krieg gewütet. Die Stadt Bremen begann 1940 damit, Flüchtlinge aufzunehmen, schreibt Uwe Weiher in dem Buch „Flüchtlingssituation und Flüchtlingspolitik – Untersuchungen zur Eingliederung der Flüchtlinge in Bremen 1945 - 1961“. Es habe sich um sogenannte Rückgeführte gehandelt, aus Südtirol, Estland, Lettland und aus dem sowjetisch besetzten Teil Polens.

Auch noch Anfang der 50er-Jahre wurde zu Spenden für Flüchtlingsfamilien aufgerufen – vor allem zugunsten der Kinder.

Auch noch Anfang der 50er-Jahre wurde zu Spenden für Flüchtlingsfamilien aufgerufen – vor allem zugunsten der Kinder.

Foto: Otto Lohrisch-Achilles

„In Bremen war man keineswegs begeistert über den Bevölkerungszuwachs“, so Weiher. Das sollte sich mit der Kapitulation und dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch nicht ändern. Anfang 1945 erreichte „der große Flüchtlingsstrom“ Bremen. Die meisten Menschen kamen laut Weiher im weniger zerstörten Ortsteil Bremen-Nord unter, aber viele seien nach kurzem Aufenthalt am Hauptbahnhof in das Umland weitergeleitet worden. In Bremen fehlten Wohnungen – Ausgebombte, von der Besatzungsmacht Zwangsgeräumte und Flüchtlinge kamen in Barackenlagern unter, die vorher von Zwangsarbeitern bewohnt worden waren. Die Zustände: katastrophal. Am 2. Juli 1945 verhängte der damalige Regierende Bürgermeister Erich Vagts eine Zuzugssperre. Geislers bekamen sie zu spüren: „Bis heute prägend ist für mich die große Hoffnung meiner Mutter und der anderen Dorfbewohner, als der Zug Richtung Bremen fuhr“, sagt Rudi Geisler. „Nach Monaten des Leidens unter der polnischen Verwaltung freuten sich die im dunklen Waggon Eingesperrten auf eine Zukunft in Freiheit und Menschlichkeit. Der Kaffeestadt Bremen ging der Ruf voraus, dass hier freundliche Menschen leben. Und dann kam die große Enttäuschung, denn Bremen wollte uns nicht aufnehmen.“

Familie Geisler wurde im niedersächsischen Umland zwangseingewiesen – wie die meisten anderen Vertriebenen und Flüchtlinge. Geislers landeten in der Nähe von Syke, „wie die Flüchtlinge heute ohne Recht auf einen selbstbestimmten Wohnort“. Die Frauen, Männer und Kinder, die noch bis Anfang der 60er-Jahre nach Bremen, nach Syke oder – wie Bürgerschaftspräsident Christian Weber – nach Ossendorf (bei Warburg in Westfalen) kamen, wurden selten mit offenen Armen empfangen. In Bremen sollten die, die meist selbst nicht viel hatten, noch teilen. Auf dem Land mussten Familien zusammenrücken, um Wildfremde auf ihrem Hof aufzunehmen.

Rudi Geisler (der Junge links im Bild) floh mit seiner Mutter und seinem Bruder aus Schlesien. Das Foto wurde laut Geisler für den Suchdienst des Roten Kreuzes gemacht.

Rudi Geisler (der Junge links im Bild) floh mit seiner Mutter und seinem Bruder aus Schlesien. Das Foto wurde laut Geisler für den Suchdienst des Roten Kreuzes gemacht.

Foto: privat

Seine Mutter, so Geisler, habe in der Landwirtschaft geschuftet, um ihn und seinen Bruder zu ernähren. „Wir mussten nicht hungern – aber Würde und Anerkennung blieben ihr viele Jahre versagt. Meine starke Mutter hatte nicht geweint, nicht bei nächtlichen Überfällen russischer Soldaten, nicht bei den Schlägen der Polen; aber hier in der Nähe von Syke angesichts der jahrelangen Erniedrigungen und Rechtlosigkeit weinte meine verzweifelte Mutter. Ihre Tränen belasten mich bis heute.“

Auch Christian Weber berichtet, er habe als Kind mehr als deutlich zu spüren bekommen, ein Flüchtling zu sein – im Gegensatz zu der Bauernfamilie, bei der seine Familie untergekommen war. „Wir waren nicht willkommen, obwohl wir Landsleute waren. Wir waren Protestanten in einem katholischen Dorf. Wir waren sogenannte Wasserpolacken – das war ein schlimmes Schimpfwort. Für meine älteren Geschwister war das hammerhart, und auch für mich waren die ersten Jahre in der Schule ein ständiges Spießrutenlaufen.“

Auch in Bremen wurden Vertriebene und Geflohene nicht mit Zuwendung überschüttet. Ulrich Weiher zitiert die amerikanische Militärregierung, die 1948 festhält: „They are not too well accepted by Bremen residents (sinngemäß: Sie werden von den Bremern nicht sonderlich akzeptiert). Weiher verweist außerdem auf Interviews mit Flüchtlingen aus Mitte der 80er-Jahre, die sich an Sätze erinnern konnten wie: „Mein Gott, die sollen doch wieder zurückgehen. Sollen zurück, wo sie hergekommen sind.“ Die Haltung des Senats, so der Autor weiter, „bestand bis zur Währungsreform praktisch in einer Leugnung des Flüchtlingsproblems“. In der Bürgerschaft habe das Thema ebenfalls eher eine untergeordnete Rolle gespielt. „Einig waren sich die Parteien allerdings in der Ablehnung von eigenständigen Flüchtlingsparteien.“

Diese Aufnahme entstand im Flüchtlingslager Lesum.

Diese Aufnahme entstand im Flüchtlingslager Lesum.

Foto: Otto Lohrisch-Achilles

Der heutige Präsident der Bürgerschaft war – als seine Mutter mit ihm und seinen vier Geschwistern aus Schlesien floh – noch ein Säugling. Aber die Erzählungen seiner Eltern seien immer und immer wieder um die traumatische Zeit der Flucht und des Neuanfangs in Ossendorf gekreist, sagt Weber. Auf der einen Seite habe sich gerade seine Mutter sehr nach ihrer Heimat gesehnt, auf der anderen Seite alles unterdrückt, was sie daran erinnerte – auch den schlesischen Dialekt –, um bloß nicht anzuecken.

In den Jahren zwischen 1949 und 1953 stiegt die Zahl der Flüchtlinge in Bremen laut Uwe Weiher deutlich an, trotz der Zuzugssperre. Denn Flüchtlinge wurden nach einer Quote verteilt. In Bremen kamen die Menschen in Durchgangslagern unter, bis für sie eine Wohnung gefunden war. Das konnte unter Umständen Monate dauern. Weiher schreibt: „Langjährige Lageraufenthalte trafen das Selbstwertgefühl der Betroffenen, und ganz allgemein behinderte die unzulängliche Unterbringung die gesellschaftliche Eingliederung der Flüchtlinge.“ Wirtschaftliche Hilfe für Flüchtlinge gab es von 1948 an; zunächst handelte es sich um „zusätzliche Textilpunkte“, nach denen Kleidung zugeteilt wurde. Später wurde nach dem „Soforthilfegesetz“ Geld zur Eingliederung gewährt – um eine Existenz zu gründen oder Hausrat zu kaufen, aber auch um Arbeitsplätze und Wohnungen für Flüchtlinge und Vertriebene zu schaffen. 1952 trat das Lastenausgleichsgesetz in Kraft, mit dem Vertriebene, Flüchtlingen und Spätheimkehrer finanziell entschädigt wurden.

Das Flüchtlingsamt in Bremen befand sich in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1945.

Das Flüchtlingsamt in Bremen befand sich in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1945.

Foto: Georg Schmidt

Die Flüchtlingsströme damals könne man mit denen von heute nicht vergleichen, sagt Christian Weber, womöglich jedoch die traumatische Erfahrung, die Flucht und Vertreibung bedeuten. Rudi Geisler berichtet, dass sich Hunderte Flüchtlingsfrauen zu seinem Buch geäußert hätten. „Sie haben lange über Ähnliches und Schlimmeres berichtet, am Telefon geweint, lange Briefe geschrieben. Nicht über Krieg, Flucht und Vertreibung wurde berichtet, sondern über ihre Enttäuschungen und schmerzhaften Erfahrungen auf dem Lande. Die Behandlung durch viele damals nicht Not leidende Einheimische zeigt für mich viele Parallelen mit den Brandstiftern von heute.“

Was können wir heute von gestern lernen? „Man kann daraus lernen, dass man Menschen eine neue Heimat geben kann, wenn man nur will“, sagt Weber. „Wir leben in einer wohlhabenden und wohlbehüteten Gesellschaft. Es gibt nur noch wenige, die wissen, was es heißt, Hunger zu haben und von Krieg bedroht zu sein. Das macht es wohl schwerer nachzuvollziehen, wie es den Flüchtlingen heute geht.“ Nichtsdestoweniger könne man ihnen Anteilnahme entgegenbringen, etwas, wonach er sich als Kind gesehnt habe – bis die Familie nach elf Jahren in eine eigene Wohnung in den Nachbarort gezogen sei und den Flüchtlingsstatus zumindest vordergründig habe ablegen können. Rudi Geisler sagt: „In meinem Buch beschreibe ich die große Hoffnung der Heimatvertriebenen auf ein menschenwürdiges, friedliches Leben, auf Nächte ohne Todesangst und vor allem auf einen erfolgreichen Neuanfang. In dieser Hoffnung waren wir gleich mit den Hilfesuchenden von heute.“

Flüchtlinge in Zahlen

  • 1947 sind laut Statistischem Handbuch in Bremen 394.696 Einwohner wohnhaft, darunter 23.350 Vertriebene und 10.103 Zugewanderte. Zwölf Jahre später, 1959, leben in Bremen 546.441 Frauen, Männer und Kinder, darunter 128.448 Flüchtlinge (Vertriebene und Zugewanderte). Das entspricht einem Anteil von 23,5 Prozent.
  • 10.363 – fast ein Drittel (27,2 Prozent) der Vertriebenen, die 1950 in Bremen leben, stammt aus Schlesien. Fast 27 Prozent aus Ostpreußen, gut 17 Prozent aus Pommern.
  • 1949 gibt es in der Stadt Bremen elf Wohnlager für Flüchtlinge, darunter das ehemalige KZ-, Arbeits- und Erziehungslager in der Turnerstraße in Farge, das Kriegsgefangenen- und Arbeitslager Barenplate in Blumenthal und die sogenannten Ausweichwohnungen für Asoziale im Waldweg in Lüssum.
  • 2845 Menschen sind in den Wohnlagern untergebracht. Allein in dem ehemaligen Wehrmachtsgebäude am Niedersachsendamm in Huckelriede leben 754 Personen.
  • 10,3 Millionen Mark werden 1952 aus dem Lastenausgleichsfonds des Landes Bremen gezahlt, darunter 3,5 Millionen Mark Kriegsschadensrente und 3,1 Millionen Mark Hausratsentschädigung. 1961 werden gut 39 Millionen Mark ausgezahlt.

Quelle: Uwe Weiher: Flüchtlingssituation und Flüchtlingspolitik, Selbstverlag des Staatsarchivs Bremen

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