Bremen Stadtteile Osterholz Verden Diepholz Delmenhorst Wesermarsch Oldenburg Rotenburg Cuxhaven Bremerhaven Niedersachsen

Elke Steinhöfel arbeitet ein verdrängtes Kapitel der Bremer Nazi-Verbrechen auf: die Geschichte des Umerziehungslagers Hashude Die Wohnung als Gefängnis

Bremen (keg). Die frühere SPD-Bürgerschaftsabgeordnete und profilierte Sozialpolitikerin Elke Steinhöfel hat ein fast vergessenes Kapitel der bremischen Nazi-Verbrechen aufgearbeitet: die Geschichte des Wohngefängnisses Hashude am Warturmer Platz in Woltmershausen. Die Anlage mit 84 Reihenhäuschen, einer Kita und einem Verwaltungsgebäude – heute alle in privater Hand – wurde 1936 gebaut und diente bis 1940 als Umerziehungslager für Familien, die den Nazis als „asozial“ galten.
22.01.2015, 00:00 Uhr
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Elke Gundel

Die frühere SPD-Bürgerschaftsabgeordnete und profilierte Sozialpolitikerin Elke Steinhöfel hat ein fast vergessenes Kapitel der bremischen Nazi-Verbrechen aufgearbeitet: die Geschichte des Wohngefängnisses Hashude am Warturmer Platz in Woltmershausen. Die Anlage mit 84 Reihenhäuschen, einer Kita und einem Verwaltungsgebäude – heute alle in privater Hand – wurde 1936 gebaut und diente bis 1940 als Umerziehungslager für Familien, die den Nazis als „asozial“ galten. Elke Steinhöfel hat ihre Dissertation über diese „Wohnungsfürsorgeanstalt“ verfasst; das Staatsarchiv hat sie jetzt als Buch herausgebracht.

Was früher Fürsorge hieß, ist heute Hartz IV: soziale Leistungen. Wer nach 1933 Fürsorge bezog, der lebte gefährlich, erklärte Elke Steinhöfel. Besonders dann, wenn die Familien Mietschulden hatten und es wagten, auch noch Sachanträge zu stellen – etwa, um Möbel anschaffen zu können. Wer obendrein politisch links stand, der hatte ganz schlechte Karten. Dann konnte es passieren, dass ein Familienvater bei der Rückkehr von Besorgungen die Wohnung leergeräumt und seine Familie nach Woltmershausen verschleppt fand. Dort wurden die Familien regelrecht kaserniert. Die Anlage war eingezäunt, das Zugangstor bewacht. Vom Erkerzimmer des Verwaltungsgebäudes aus waren alle Häuser einsehbar. Um 6 Uhr morgens mussten die Haustüren aufgeschlossen, um 23 Uhr (im Sommer) beziehungsweise um 22 Uhr (im Winter) wieder abgeschlossen sein. Besuche unter den Familien waren verboten – sie durften nicht einmal miteinander sprechen –, dafür hatten die Bewacher jederzeit Zugang zu jedem Zimmer. Eine Aufseherin kontrollierte täglich um 11 Uhr, ob in den Häusern Ordnung herrschte. Wer gegen die Anstaltsordnung verstieß und etwa Alkohol einschmuggelte, landete im Gefängnis, einem Raum im Keller des Verwaltungsgebäudes.

Damit nicht genug. Entsprechend der nationalsozialistischen Rassenideologie wurde einer Reihe von Bewohnern „vererbbarer Schwachsinn“ attestiert – die pseudo-medizinische Begründung dafür, sie zwangsweise zu sterilisieren, sagte Elke Steinhöfel. Das Ziel der bremischen Sozialbehörden: Innerhalb von drei Generationen sollte die Stadt frei von „Asozialen“ sein. Um Kosten zu sparen, um die Rassenideologie durchzusetzen und um die Kinder der „asozialen“ Eltern zu „Volksgenossen“ zu erziehen. Die Wohnkaserne war einzigartig in Nazi-Deutschland. Dennoch wurde sie 1940 geschlossen, erklärte Elke Steinhöfel. Während sie spricht, ringt Wilma S. (88) immer wieder um Fassung. Sie hat mit ihrer Familie von 1936 bis 1945 in der Siedlung gelebt. Während andere Verfolgte der Nazis offiziell als Opfer anerkannt wurden, würden die als „asozial“ abgestempelten, ausgegrenzten und zwangskasernierten Bewohner von Hashude bis heute totgeschwiegen, betonte Elke Steinhöfel.

„Die Wohnungsfürsorgeanstalt Hashude – Die NS-,Asozialenpolitik’ und die Bremer Wohlfahrtspflege“ ist im Buchhandel und beim Staatsarchiv erhältlich.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+! Zur Startseite
Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Lesermeinungen (bitte beachten Sie unsere Community-Regeln)