Nacht der Jugend im Bremer Rathaus Die Wünsche der Schüler

Es geht zwanglos zu, dabei steht die Nacht der Jugend im Bremer Rathaus im Zusammenhang mit der Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938. Jetzt trafen sich Jugendliche zur 20. Nacht.
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Von Isabel d’Hone

Leonie Mentzen sitzt in ihrem Rollstuhl auf der Bühne in der Oberen Rathaushalle. Es sei ihr Traum, dass die schrecklichen Terrorattacken aufhörten, sagt sie auf Englisch ins Mikrofon. Nach dem jüngstem Terroranschlag in den USA war der 17-Jährigen klar geworden, dass sie diesen Wunsch während der 20. Nacht der Jugend am Mittwochabend aussprechen möchte. Hinter ihr stehen die Mitschülerinnen und Mitschüler aus der Tobias-Schule. Erst stockend, dann immer fließender tragen sie die berühmten Textstellen aus Martin Luther Kings Rede „I have a dream“ vor. Zwischen den einzelnen Passagen formulieren sie ihre eigenen Zukunftswünsche: eine bessere Aufnahme von Geflüchteten, Klimaschutz und Frieden. Die Schüler enden gemeinsam mit dem Zitat: „I have a dream today“.

Ihr Lehrer David Hodgkinson war berührt, als die Schüler darüber im Unterricht sprachen, erzählt er. „Das hat mir gezeigt, wie sehr sie sich für die aktuellen Ereignisse interessieren.“ Jugendliche für Politik zu begeistern, sei eines der Ziele der Bremer Nacht der Jugend, erklärt Derya Keyssler vom Organisationsteam. Sie ist in Gröpelingen aufgewachsen und hatte nach ihren Worten keinen Bezug zur Politik – bis sie vor zehn Jahren erstmals bei der Nacht der Jugend mitmachte. „Wir möchten Jugendlichen, die eigentlich nichts mit Politik zu tun haben, einen Zugang dazu bieten“, sagt die 34-Jährige. „Deshalb arbeiten wir mit vielen Oberschulen zusammen. Gleichzeitig möchten wir an die Vergangenheit erinnern. Viele denken, dass das nicht mehr wichtig ist.“

Das diesjährige Motto der Nacht lautet: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Dafür hatten sich die Jugendlichen im Januar entschieden. Das Zitat stammt von Primo Levi, der den Holocaust überlebte und in dem autobiografischen Bericht „Ist das ein Mensch?“ seine Erfahrungen aus dem Konzentrationslager Auschwitz schilderte.

Jedes Jahr erinnert die Veranstaltung an die Verbrechen der NS-Zeit und besonders an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Alle Bremer waren eingeladen, ins Rathaus zu kommen. Rund 400 Jugendliche hatten das ganze Jahr über Theater-, Musik- und Tanzaufführungen vorbereitet. Ehrengast ist diesmal der 92-jährige Dani Goren aus Israel. Er überlebte als deutscher Jude mit 13 Jahren die Pogromnacht und lebt in Haifa. Gemeinsam mit Bürgermeister Carsten Sieling hat er die Nacht eröffnet.

Auf dem Tisch von der Jugendgruppe der Jüdischen Gemeinde liegen Fotos bekannter Persönlichkeiten, beispielsweise von Angela Merkel, Willy Brandt und Barack Obama. Die Besucher können sich über Kopfhörer verschiedene Zitate anhören und müssen danach raten, wer das gesagt haben könnte. Noch gibt es jedoch Probleme mit der Lautstärke, da es in der Halle kurz vor Veranstaltungsbeginn um 18 Uhr sehr voll und laut geworden ist.

„Wenn ihr wollt, ist es kein Traum“ heißt das Lieblingszitat der Jugendlichen aus der Jüdischen Gemeinde. Es stammt von Theodor Herzl, dem jüdischen Schriftsteller und geistigem Vater des Zionismus. Seit 20 Jahren, von Beginn an, ist die Gemeinde bei der Nacht der Jugend mit einem Stand vertreten. „Wir möchten an die Verstorbenen erinnern“, sagt der 16-jährige Leonhard Klepikow. „Und zeigen, dass wir da sind.“

Einen Stand weiter stecken die Schülerinnen der Oberschule vom Leibnizplatz Zettel in das Holz eines Hochbettes. In der unteren Etage liegt ein Leinensack, der mit Stroh bestreut ist. In der oberen Etage wird die Matratze von einer weinroten Decke bedeckt, auf der rote Dessous liegen. „In unserer Geschichtswerkstatt ging es darum, dass in der Duckwitzstraße 69 in Grolland ein Bordell gebaut werden soll“, erzählt die 19-jährige Sarah Klatte. „Allerdings stand da früher ein Zwangsarbeiterlager für Kriegsgefangene aus dem Osten.“ Mit verschiedenen Aussagen, die die Schülerinnen an das Bett heften, möchten sie zum Nachdenken anregen, „aber keine Meinung vorgeben“, sagt die 19-Jährige. Sie habe Angst davor, dass die Menschen die Grausamkeiten der Vergangenheit vergessen könnten. Sie würde sich wünschen, dass anstelle des Bordells ein Gedenkstein errichtet wird.

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