Tradition und Sportschießen unter einem Dach / Landesliga-Team trainiert in Vegesack Die zwei Welten des Schützenvereins

Uniformen, Orden, Wimpel – der traditionelle Schützenverein hat es heute schwer. Überalterung und rückläufige Mitgliederzahlen sind einige der Probleme. Doch abseits von bürgerlicher Tradition und Vereinsmeierei gibt es eine andere Welt: das Sportschießen. Ein Blick hinter die Kulissen.
01.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Andrea Tiedemann

Uniformen, Orden, Wimpel – der traditionelle Schützenverein hat es heute schwer. Überalterung und rückläufige Mitgliederzahlen sind einige der Probleme. Doch abseits von bürgerlicher Tradition und Vereinsmeierei gibt es eine andere Welt: das Sportschießen. Ein Blick hinter die Kulissen.

Vegesack. Ab heute feiert Vegesack sein 160. Schützenfest. Auch in Lesum, Blumenthal, Schwanewede und Farge finden in den nächsten Monaten Schützenfeste statt. Doch das traditionelle Fest ist nur eine Seite des Schützenwesens, das wettkampfmäßige Sportschießen eine andere. Im Vegesacker Schützenverein findet beides statt.

Es ist früher Abend. Ein Junge steht seitwärts vor dem Schießstand, in der Hand eine Luftpistole. Langsam hebt er die Hand, zielt auf die Scheibe und drückt ab. "Ab zwölf Jahren darf man Luftpistole schießen", sagt Vorstandsmitglied Ralf von Roden, "für jüngere haben manche Vereine sogar Licht- und Laserpistolen". Das Wort Waffen versucht hier jeder zu vermeiden. Im Schützenkreisen spricht man lieber von Sportgeräten. Und meint damit: Luftpistolen, Luftgewehre und kleinkalibrige Pistolen.

Später am Abend kommen die Profis: Vier Mitglieder des Landesliga-Teams tragen große Reisetaschen in die Schießhalle. Die sechsköpfige Mannschaft trainiert heute in Vegesack, weil es hier statt einer elektronischen noch eine konventionelle Schießanlage mit Zugseilen gibt – wie auch beim anstehenden Wettkampf in Bassum. Am Wochenende tritt das Team bei der Landesmeisterschaft Luftdruckwaffen an.

Ursprünglich kommen die Schützen aus verschiedenen Vereinen, haben sich aber als Team zusammengefunden. "Vereinsmeierei bringt uns nichts, wenn wir richtig gut werden wollen", sagt Karl-Helmut Krause. Er kommt aus Worphausen. Daniel Pinnow ist aus Fischerhude gekommen, Markus Kriete aus Wörpedorf. Aus Vegesack mit dabei ist Nadja von Roden. Die 27-Jährige schießt seit Kindheitstagen im Verein. "Das ist für mich der ruhende Pol." Tradition und Sportschießen ist für sie kein Widerspruch. "Ich mache beides mit Leib und Seele", sagt sie. Sie wünscht sich, dieses Jahr Schützenkönigin zu werden.

Das Training beginnt locker. Spielerisch werfen sich die vier einen Ball zu, quatschen und machen Witze. "Die elektrischen Leitungen müssen erstmal in Gang gebracht werden", sagt Trainer Uwe Knapp. Die Koordination zwischen Auge und Hand soll dadurch verbessert werden. Ins Schwitzen sollten die Schützen aber noch nicht kommen, denn das würde bedeuten, dass sich der Köper wieder abkühlt. Knapp ist Diplom-Trainer und schießt seit seinem achten Lebensjahr. "Das muss schon spielerisch ablaufen", meint er, "sonst haben sie keine Lust". Dann beginnt die Vorbereitung für das Schießen: Aus den Taschen wird Spezialkleidung ausgepackt. Alle Eigenschaften, die Sportkleidung sonst ausmacht – beweglich, leicht und luftig – sind hier fehl am Platz. Die starren groben Stoffe erinnern mehr an eine bunte Ritterrüstung. Sinn der steifen Kleidung ist es, den Körper ruhig zu halten. Jede kleinste Bewegung macht sich auf der Zielscheibe bemerkbar. Die Schuhe sind mit einer zusätzlichen Sohlenplatte versehen, um Schwankungen des Körpers auszugleichen. Absolutes Muss sind Gummistöpsel für die Ohren.

Die Luftgewehre haben sich die vier Sportler selber zugelegt. Um die fünf Kilo wiegt eines, Krause hat sich für ein Modell der Marke Walther entschieden. "Mit dieser Marke schießt auch James Bond", sagt er. Mit einem Action-Film hat das Training allerdings nicht viel gemein. "Unser Sport wird ja oft als Geballer abgetan", sagt Krause, das ärgere ihn schon. Denn die Realität sieht anders aus: Ruhe und Konzentration prägen den Trainingsablauf.

Minutenlanges Trockenschießen gehört auch im Wettkampf dazu. Nadja von Roden erklärt scherzhaft: "Ich sage immer: Die Luft muss erst warm werden." Immer wieder unterbricht Trainer Knapp die Schützen und hinterfragt ihr Vorgehen. Markus Kriete, die Nummer eins des Teams, hat sich zur Kontrolle einen Zollstock zwischen die Füße gelegt, um den Abstand konstant zu halten. Die richtige Körperhaltung ist das A und O. "Arbeitet auch mal mit geschlossenen Augen", rät Knapp, "um eure Ausgangsstellung zu finden". Auch wenn das Training körperlich anstrengend ist, richtig starke Muskeln bekomme man davon nicht, sagt Krause. "Das Gewicht verteilt sich auf Rücken und Schultern." Immer wieder schiebt er seine Hüfte hin- und her, um die richtige Haltung zu finden. "Hört auf euer Gefühl", rät Trainer Knapp.

Die Zielscheibe in zehn Metern Distanz ist nur noch ein kleiner schwarzer Punkt. Dass die Sportler "ins Schwarze treffen", scheint selbstverständlich. Der mittlere Ring, der mit zehn Punkten gewertet wird, ist allerdings nur noch einen halben Millimeter groß. Knapp versucht, Druck aufzubauen: "Wer jetzt eine zehn schießt , bekommt zehn Euro von mir." Die Schützen legen an, ein kurzer Blick nach unten, dann auf die Zielscheibe. Es knallt. Krause dreht sich um, hält die Hand auf und lacht.

Den Spagat zwischen Sportschießen und Vereinstradition zu schaffen, sagt von Roden, sei für beide Seiten existenziell. "Es sind zwei Welten", sagt er, "aber beide brauchen einander."

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