Der designierte Bürgermeister Carsten Sieling im Gespräch

„Diese Chance ist mir eine Ehre“

Am 2. Juni will die Bremer SPD Carsten Sieling als zukünftigen Bremer Bürgermeister festklopfen. Max Polonyi traf Sieling in Berlin zwischen Mittagstisch mit der Parlamentarischen Linken und Fraktionssitzung zum Interview.
20.05.2015, 08:29
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„Diese Chance ist mir eine Ehre“
Von Max Polonyi
„Diese Chance ist mir eine Ehre“

Carsten Sieling, der designierte Bremer Bürgermeister.

Koch

Am 2. Juni wird sich die Bremer SPD auf ihrem Landesparteitag auf einen Nachfolger für den scheidenden Bürgermeister Jens Böhrnsen festlegen. Das Ergebnis ist vorhersehbar – einziger Kandidat ist Carsten Sieling. Hektische Wochen für den Bundestagsabgeordneten, der sich in Berlin auf sein neues Amt vorbereitet. Max Polonyi traf ihn zwischen Mittagstisch mit der Parlamentarischen Linken und Fraktionssitzung und fragte ihn, was mit ihm als Bürgermeister anders wird. Und ob er schon mal Cannabis konsumiert hat.

Herr Sieling, kennen Sie das Lied „Kreuzberger Nächte“ von den Gebrüdern Blattschuss?

Carsten Sieling: Ja, ich erinnere mich.

Schon mal eine Nacht in Kreuzberg durchgemacht?

Das war noch vor dem Fall der Mauer, in den 1980er-Jahren. Eine lange Nacht in einer total verrückten Disco. Ich bin dann aber gegen Morgen doch noch ins Bett gekommen.

Was hat mehr zu bieten – Kreuzberg oder das Bremer Viertel?

Eindeutig das Viertel. Dort kann man viel besser Leben und Vergnügen miteinander vereinbaren. Und das sollte auch so bleiben.

Currywust oder Knipp?

Weder noch. Fisch.

Hand aufs Herz: Was werden Sie an Berlin vermissen?

Hoffentlich nicht allzu viel. Wenn ich als Bürgermeister gewählt werde, dann verstehe ich meine Aufgabe so, Bremen auch stark nach außen zu vertreten. Bremen ist nicht nur binnen, sondern buten un binnen.

Soll Bremen bundespolitisch eine größere Rolle spielen, als das bisher der Fall war?

Auch Jens Böhrnsen hatte auf Bundesebene hervorragende Kontakte, spätestens seit er für kurze Zeit Bundespräsident war. Ich hoffe auf einen guten Einfluss für Bremen, weil ich durch meine Arbeit im Bundestag in Berlin und in vielen Bundesländern gut vernetzt bin.

Sie gelten als Finanzexperte, genießen in Berlin hohes Ansehen. Fiel Ihnen die Entscheidung schwer, für Böhrnsens Nachfolge zu kandidieren?

Natürlich habe ich mir das gut überlegt, mit meiner Familie darüber gesprochen und auch persönlich abgewogen. Ich bin aber sehr schnell zu der Entscheidung gekommen, dass die Aufgabe des Bürgermeisters in Bremen eine ist, für die ich eine persönliche Verpflichtung empfinde. Es ist für mich eine Ehre, so eine Chance zu bekommen. Die Entscheidung hat mir also keine schlaflosen Nächte bereitet.

Sie wollen einen „Neuanfang der Politik des Senats“. Wie meinen Sie das?

Wir müssen dafür sorgen, dass mehr Menschen eine Beschäftigung finden und dass die soziale Lage sich gerade in von Armut bedrohten Stadtteilen verbessert. Die Schulen brauchen mehr Autonomie. Ein wunderbares Beispiel ist die Gesamtschule Ost. Dort hat der Schulleiter eine Lehrkraft dafür gewonnen, dass sie personalwirtschaftliche und organisatorische Assistenz der Schulleitung ist und damit wichtige Steuerungsaufgaben übernimmt. Ich sage es Ihnen direkt: Lieber Leute aus dem Bildungsressort herausnehmen und direkt an die Schulen geben, als Informationen bürokratisch hin und her zu schicken.

Sie haben einen neuen Zuschnitt und Zusammenlegungen der Ressorts angekündigt. Haben Sie schon weitere Pläne für neue Strukturen?

Wir müssen die Chance nutzen, unseren öffentlichen Dienst zu modernisieren. Was nicht geht: unendlich Personal kürzen, ohne zu wissen, wie wir die Leistung dann noch erbringen sollen.

Führen Sie eigentlich noch Koalitionsgespräche mit der CDU?

Wir sprechen mit den Grünen. Aber die Regierungskoalition muss anders arbeiten als bisher. Das zeigt das Wahlergebnis. Ich hoffe sehr, dass dieser Veränderungswunsch auch bei den Grünen besteht. Wenn das so ist, brauchen wir keine Gespräche mit anderen zu führen. Wenn nicht, werden wir auch mit der CDU reden.

Sind Sie eigentlich Fußballfan?

Ja, Werder-Fan. Wenn ich es zeitlich schaffe, gehe ich auch ins Stadion.

Wann waren Sie zum letzten Mal im Weserstadion?

Das war in der Hinrunde.

Sind Sie damit einverstanden, dass die Deutsche Fußball Liga künftig die Kosten für Polizeieinsätze bei Hochrisikospielen zahlen soll?

Ich finde richtig, was Ulrich Mäurer gemacht hat. Wenn Anwohner ein Straßenfest veranstalten, müssen sie ja auch eine Gebühr entrichten. Jeder muss das, auch Großveranstalter. Die Diskussion Werder würde ich gerne partnerschaftlich weiterführen. Der Verein hat ja nun auch einen neuen Präsidenten – vielleicht ist es ganz gut, wenn da zwei neue Präsidenten ins Gespräch kommen.

Zum Anti-Terror-Einsatz im Februar gibt es noch viele offene Fragen. Wurde der richtig aufgearbeitet?

Das Thema ist noch nicht vom Tisch. Es wurde fraktionsübergreifend mit aller Ernsthaftigkeit behandelt. Der Einsatz war richtig, aber die Mängel müssen abgestellt werden. Wenn die Überwachung von Gefährdern ausgesetzt wird, und sei es auch nur für kurze Zeit, ist das nicht akzeptabel. Wir müssen klären, warum diese Fehler gemacht wurden.

Bleibt Ulrich Mäurer unter Ihnen Innensenator?

Personalentscheidungen sind noch nicht gefallen. Aber ich will mit ihm als Innen- und Sportsenator weitermachen.

50,1 Prozent Wahlbeteiligung – haben die Bremer keine Lust mehr auf Politik?

Viele Menschen in Bremen sind ganz offensichtlich tief enttäuscht und sehen nicht mehr, dass die Politik in Stadt und Land wirklich etwas bewegen kann. In einigen Stadtteilen geht die Beteiligung an die 80 Prozent heran, in anderen ist sie nur bei knapp 30 Prozent. Das ist eine Krise der Demokratie in Bremen.

Wie bekommt man die Bremer wieder an die Wahlurne?

Durch eine Politik, die konkrete Verbesserungen für die Menschen bringt. Ein leistungsfähiges Bildungsangebot ist ein zentrales Standbein dafür. Wir müssen aber auch den Zugang zu Wahlen vereinfachen – das Wahlsystem mit fünf Stimmen ist eine Erschwernis für die Wähler. Da müssen wir neue und kreative Ideen präsentieren.

Nennen Sie ein Adjektiv, das den Bürgermeister Carsten Sieling in den kommenden vier Jahren beschreibt.

Ich nenne Ihnen zwei: leidenschaftlich und kraftvoll.

Sie haben in den 1980er-Jahren an der Universität Bremen studiert. Wie halten Sie es eigentlich mit Cannabis? Wenn Sie Bürgermeister werden, dürfen die Bremer dann ganz legal kiffen?

Das fordert seit Sonntag ja die FDP – auf deren Antrag bin ich gespannt. Ich selber muss gestehen, dass ich nie in meinem Leben geraucht habe, außer als Kind ein paar Mal gepafft. Dementsprechend war und bin ich auch kein Cannabis-Konsument. Die Diskussion darüber finde ich aber wichtig. Erfahrungen aus der US-Prohibition zeigen ja, dass Verbote einen Schwarzmarkt schaffen, den man nur schwer kontrollieren kann. Ich glaube, dass wir im Senat sehr ernsthaft darüber reden werden.

Wie geht es mit dem Bund-Länder-Finanzausgleich weiter?

Wenn es gut geht, dann gibt es bei der nächsten Verhandlungsrunde am 18. Juni ein vernünftiges Ergebnis, auf dessen Grundlage ein Gesetz entstehen kann.

Sind die 272 Millionen Euro Sonderzahlung des Bundes genug? Wie viel mehr sollte es sein?

Diese Summe ist nicht ausreichend, wir brauchen mehr, um die Handlungsfähigkeit in Bremen und auch im Saarland zu gewährleisten. Nach oben nimmt man ja bekanntlich gern, aber wenn ich eine Zahl nennen würde, würde das unsere Verhandlungsposition doch schädigen. Jens Böhrnsen wird die Verhandlungen klug führen, bis ich als Bürgermeister gewählt bin.

Wer wird eigentlich Ihr Nachfolger im Bundestag?

Sarah Ryglewski ist auf der Liste an Platz zwei. Sie wird nachrücken und ihre neue Aufgabe sicher richtig gut machen.

Haben Sie Ihre Berliner Wohnung schon gekündigt?

Ich wohne seit Beginn meines Mandats während der Sitzungswochen im wunderschönen Gästehaus unserer Bremer Landesvertretung. Dort werde ich auch als Bürgermeister gerne übernachten, wenn ich Termine in Berlin wahrnehmen muss.

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