Kriegsenkel und -kinder

Diese Traumata wirken nach bis heute

Die Bestseller-Autorin Sabine Bode spricht im Bremer Schnürschuh-Theater über ihre spannenden Recherchen zu Kriegsenkeln und -kindern. Die verwundeten Seelen lassen Familien bis heute leiden.
19.04.2018, 11:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Buntentor. „Erinnerungskultur hat für die jetzige Generation eine hohe Relevanz“, stellt Kirsten Kappert-Gonther bei der Begrüßung des Publikums im überfüllten Stufensaal des Schnürschuh-Theaters fest. Denn der Zweite Weltkrieg und die damit verbundenen Erfahrungen von Schrecken, Hunger, Not und Elend hätten viele, die damals noch Kinder waren, so sehr traumatisiert, dass davon noch ihre eigenen Kinder tief und nachhaltig geprägt wurden.

Diese sogenannten Kriegsenkel stehen im Mittelpunkt einer Lesung und Diskussion mit der Autorin Sabine Bode. Die Kölner Journalistin ist auf Einladung der Bundestagsabgeordneten der Grünen nach Bremen gekommen. Sie liest jedoch nicht aus ihren Büchern, sondern berichtet über die Recherchen zu ihren Werken – und bringt damit spannende Fakten und erhellende Einsichten zutage. Sie deckte auf, dass kindliche Kriegstraumata oft jahrzehntelang unbewusst und unentdeckt bleiben und erst im höheren Lebensalter mit seinen zusätzlichen Belastungen offenbar werden.

Bodes Bücher „Die vergessene Generation“ und „Kriegsenkel“ sind Bestseller. Sie wurden in mehr als 20 Auflagen gedruckt. Ein wichtiger Grund dafür ist wohl, dass sich vor der 1947 geborenen Journalistin zuvor niemand derart authentisch und durch Befragung zahlreicher Menschen eines Themas angenommen hat, das in manchen Familien ein Tabu ist und das die Menschen, die sich dazu zählen, bis heute psychisch belastet. Sie deckte auf diese Weise auf, dass kindliche Kriegstraumata oft jahrzehntelang unbewusst und unentdeckt bleiben und erst im höheren Lebensalter mit seinen zusätzlichen Belastungen offenbar werden.

Denn mit den seelischen Schäden, die Kriegskinder davon trugen, wurden wiederum auch ihre Kinder konfrontiert. Somit setzte sich das Leiden in anderer Form in ihnen fort. Eltern, die den Krieg durchgestanden haben, zeigen nach Sabine Bodes Aussage häufig psychische Verhärtungen, Skepsis gegenüber Neuem und Anderem und Misstrauen gegenüber Veränderungen. Zur Strategie, mit den schrecklichen Kriegserinnerungen umzugehen, gehöre, sich selbst zu betäuben – verbal zum Beispiel mit Sätzen aus der Nazizeit wie „hart sein wie Kruppstahl“ oder auch Sprüchen wie „ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

Die Folgen für die Kinder der Kriegskinder sind nach Recherchen und vielen Gesprächen der Autorin mit Betroffenen verheerend: „Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen“, hätten viele beklagt. Dadurch seien oft ein verunsichertes Existenzgefühl, unaufgelöste Ängste und generelles Misstrauen erwachsen – mit weitreichenden Folgen auch für das politische Denken.

Überraschenderweise sind die Recherchen von Sabine Bode besonders bei denjenigen auf Ablehnung gestoßen, die als 68er-Generation gegen die konservativen und erstarrten Verhaltensweisen und Einstellungen revoltiert haben. Von ihnen hörte sie oft den Vorwurf, das Leid der Deutschen, die doch die Schuld am Krieg tragen, solle relativiert werden. Viele Angesprochene hätten empört gefragt: "Wollt ihr wieder eine Opfergesellschaft aus uns machen?“

Doch Sabine Bode wurde hellhörig, als sie von immer mehr Leuten hörte, dass deren Beziehungen zu ihren Eltern schlecht seien. Vielen waren die Gründe selber nicht klar, denn als Sabine Bode ihre Recherchen begann, sagten sie, dass sie darüber noch nie nachgedacht hätten. „Dieser Satz kam immer“, sagt die Autorin, die mit ihrem Thema der verwundeten Seelen auf ein Vakuum stieß, „denn ein öffentliches Interesse am Problem der Kriegskinder gab es nicht.“

„Als ich mit den Recherchen für das Buch 'Kriegsenkel' in den Jahren 2007 und 2008 begann, wurde mein Interesse als befremdlich bis zudringlich empfunden“, sagt Bode. „Denn ein Nachdenken über seelische Schäden fand nicht statt und wurde verdrängt.“

Sabine Bode stellte sich mithin die Aufgabe, etwas Unspektakuläres darzustellen, eine Art kollektives Vakuum. Sie ließ sich von zahlreichen Menschen deren Lebensgeschichten erzählen, auch wenn die Befragungen bei vielen auf Widerstand stießen.

„Das Elternhaus war für mich wie eine stillstehende graue Soße“, berichtet Ulrich Schrader, einer ihrer Interviewpartner, der später Grafikdesigner und Künstler wurde. „Meine Eltern hielten es nicht aus, wenn etwas Unerwartetes passierte“, sagt Schrader, „ihr gesamter Alltag verlief in Ritualen, und besonders mit dem Vater konnte ich nur oberflächliche Gespräche führen.“ Erst im Laufe der Interviews mit Sabine Bode hätte er erkannt, wie stark seine Eltern vom Krieg traumatisiert waren. Die Namen ihrer Interviewpartner hat Sabine Bode in ihren Büchern übrigens sämtlich geändert.

Acht bis zehn Prozent der deutschen Kriegskinder leiden nach den Recherchen der Buchautorin unter sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen. In der Schweiz seien es nur 0,7 Prozent, führte Sabine Bode aus. Und 25 Prozent der Deutschen seien erkennbar psychisch belastet. Besonders hoch sei der Anteil der Traumatisierten in Ostdeutschland, wo etwa 25 Prozent der DDR-Familien einen Flüchtlingshintergrund hatten, weit mehr als in der damaligen Bundesrepublik.

„Doch in der DDR waren die Leute weit mehr zum Schweigen verurteilt und sind bis heute unglaublich frustriert“, berichtet Sabine Bode. Die Journalistin bringt auch den stärkeren Rechtspopulismus im Osten Deutschlands damit in Zusammenhang. „Schon die Andeutung einer Veränderung macht solche Menschen wütend“, so die Autorin. „Doch solche Opfergruppen gefährden die Demokratie: Denn wer auf seiner Opferrolle beharrt, erzieht so auch seine Kinder.“ Für die Demokratie sind aus Bodes Sicht Schwarz-Weiß-Denken und vor allem die Angst vor Veränderungen gefährlich. Die Kriegskindheit sei daher nicht nur ein Tabuthema, sondern aufgrund der heutigen Flüchtlingsproblematik hoch aktuell: „Ich habe erfahren, dass sich bei allen Nationen ähnliche kollektive Muster bilden“, sagt Bode, „ob die Menschen nun den Krieg in Vietnam oder in Syrien erleben mussten.“ Lösungsansätze sieht sie vor allem darin, sich mehr über die leid- und schreckenvolle Familienvergangenheit auszutauschen. Denn nur was ans Licht kommt, ist offen für Veränderungen.

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