Restaurantbesprechung

Dieses Essen lohnt jeden Kilometer

Die Fahrt zum Landhaus Wachtelhof mit seiner Wachtelei gleicht einem Ausflug ins Idyll, wo der Gast mit Essen und Trinken der Extraklasse verwöhnt wird.
23.05.2018, 16:45
Lesedauer: 3 Min
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Dieses Essen lohnt jeden Kilometer
Von Marcel Auermann
Dieses Essen lohnt jeden Kilometer

Daniel Rundholz vom Restaurant Die Wachtelei im Landhaus Wachtelhof.

Björn Hake

Nach einer gut 30-minütigen Autofahrt von Bremen aus bogen wir von der Bundesstraße in eine Nebenstraße ein und fanden gegenüber einem Supermarkt eine andere Welt. Wie ein kleines Schlösschen mit Türmen, abgerundeten Fenstern und einem prächtig blühenden Garten lag der Wachtelhof vor uns. Das dazugehörige Restaurant Wachtelei teilt sich in einen Hauptbereich und in den Wintergarten, in dem wir Platz nahmen und – ehrlich gesagt – viel idyllischer saßen und den Blick auf den üppigen Garten genossen.

Durch die geöffnete Tür kam immer wieder eine kühlende Brise. Unseren reservierten Tisch hatte der Service schon mit Platzteller, Tafelsilber für mehrere Gänge, Stoffservietten und edlen, hauchdünnen, mundgeblasenen Weingläsern eingedeckt. Überhaupt der Service: Die Kellnerin schob uns beim Hinsetzen den Stuhl heran. Das gibt es nicht mehr oft.

Das zeigt, auf welchem Niveau sich die Wachtelei bewegt. Den kompletten Abend über gab es stets einen Ansprechpartner, obwohl wir diesen nie benötigten, da der Service ununterbrochen vorhanden war, sich aber zu keiner Zeit aufdrängte, sondern sich unaufgeregt im Hintergrund hielt und dennoch stets alles im Blick und Griff hatte. Er machte also alles richtig.

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Uns gefiel zudem, dass hier keine steifen Kellner am Werk waren, sondern alles edel, aber gelöst zuging. Das ist ein wichtiger Aspekt, der zur Wohlfühlatmosphäre beitrug und das Gegenteil von Häusern darstellte, in denen der Service zwar piekfein ist, man sich als Gast aber fast entschuldigen muss, dass man atmet und sich bewegt.

Kurz: Das Personal trifft hier den Ton – und hat Ahnung. Die Weinberatung traf mit dem 2015er Piano del Cerro (0,2 Liter für 12 Euro) ohne Einschränkung ins Schwarze. Das Bouquet von Cassis, süßlichen Schattenmorellen, Cranberries, Tabak, Schokolade und Zedernholz haute uns schon um. Dazu kam noch der samtige Geschmack von Bourbon-Vanille und Röstaromen des Barrique-Fasses. Ein feiner Tropfen, der unsere Zunge schnalzen ließ und uns Schluck für Schluck erfreute.

Kaum hatten wir uns für die Speisenfolge des Abends entschieden, grüßte die Küche mit der spanischen, kalten Gemüsesuppe namens Gazpacho mit Croûtons und Parmesanspänen in einem kleinen Weckglas. Der Geschmack changierte herrlich zwischen würzig und doch dezent. Vor allem aber hielt sich der Knoblauch elegant zurück. Suppen können sie im Wachtelhof.

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Das zeigte sich auch bei der cremig-schmelzenden Zitronengrassuppe (10 Euro) meiner Begleitung. Der Hauch Curry und Ingwer unterstrich den feinen Eigengeschmack des Zitronengrases und unterstützte die Krustentierpraline, die in der Mitte des Tellers thronte. Mein viergängiges Menü enthielt ein Pastinakensüppchen mit hauchdünn geschnittenem, geräuchertem Entenschinken.

Zuvor allerdings hatte mich die Küche schon mit einem Tatar vom Tunfisch eingefangen, neben dem der Koch Lachscarpaccio und Avocado drapierte und darüber Pesto träufelte. Die Teller richteten die Künstler der Küche mit Pep an und zeichneten mit Ölen und Schäumen nahezu Gemälde. Schon zu diesem Zeitpunkt schienen mir die 59 Euro für das Menü bestens kalkuliert.

So ein Abend soll ein Erlebnis sein. Dazu gehört, dass vieles Hand in Hand geht, vor allem die Dramaturgie stimmt und der Gast immer wieder aufs Neue überrascht wird. Das gelang mit einem nicht georderten Zwischengang: Ein kleines Schälchen Zitronensorbet, das der Kellner mit Champagner aufgoss, uns in etwa der Halbzeit des Abends erfrischte und auf den herzhaften Hauptgang einstimmte.

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Rücken und geschmorte Schulter vom Lamm (30 Euro) folgten bei meiner Begleitung, bei der ich plötzlich nur noch „Mmhhhs“ vernahm. Hinzu kam ein so nicht vermuteter grandios aromatischer Spinat, der seine Würze und seine Kraft durch Oliven erhielt. Auf dem Wachtelei-Menü-Zettel standen Kalbsfilet und Ochsenbäckchen an Kräuterseitlingen, die das Fleisch, das beim Schneiden fast von allein auseinanderglitt, mit einem kräftigen Geschmack unterstützten.

Ganz unscheinbar daneben lagen zwei kleine Päckchen aus Teig, die die Backen blähten, weil die köstliche Trüffelfüllung darauf wartete, auf der Zunge zu explodieren – im Zusammenspiel mit dem 2015er Piano del Cerro grandios. Dieses lukullische Erlebnis mündete in einem fluffigen Mandelauflauf, den der Kellner heiß und dampfend servierte.

Mit auf dem Teller befanden sich ein schmelziges Mandeleis, das seinesgleichen sucht, und ein süß-würziger Zwetschgenkompott, wie er sein muss. Meine Begleitung entschied sich ausnahmsweise einmal nicht für Süßes, sondern für sechs verschiedene Käse (11 Euro) mit kandierten Nüssen und Feigensenf. Fazit: Die Fahrt zum Landhaus Wachtelhof mit seiner Wachtelei gleicht einem Ausflug ins Idyll, wo der Gast mit Essen und Trinken der Extraklasse verwöhnt wird. Jeder einzelne Kilometer von wo auch immer aus Bremen und umzu lohnt sich.


Die Wachtelei, Gerberstraße 6, 27356 Rotenburg/ Wümme , Telefon 04261/85 30, Öffnungszeiten: 12 bis 14 Uhr (Mittagskarte), 14 bis 16 Uhr (Nachmittagskarte) und von 18.30 bis 22 Uhr (Abendkarte), weitestgehend barrierefrei, Internet: www.wachtelhof.de.

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