Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm

„Frauen sind schlechter ausgestattet“

Bettina Wilhelm berichtet im Interview über digitale Ungleichheit in der Berufswelt, was Unternehmen dagegen tun können und Frauen in Mint-Fächern.
28.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Frauen sind schlechter ausgestattet“
Von Lisa Urlbauer
„Frauen sind schlechter ausgestattet“

Bettina Wilhelm ist seit 2017 Landesfrauenbeauftragte in Bremen. Sie fordert, dass in der Bildung klischeefreie Berufsorientierung zum Standard werden muss.

Christina Kuhaupt

Frau Wilhelm, Sie fordern, dass Digitalisierung gendergerecht gestaltet wird – wo liegt das Problem?

Bettina Wilhelm: Wir leben in einer digitalisierten Welt und der Grad der Digitalisierung wird sich rasant fortsetzen. Einer Studie der Arbeitnehmerkammer zufolge haben heute schon 80 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Bremen in ihrer Berufswelt mit Digitalisierung zu tun. Smartphone, Tablet, aber auch elektronische Scanner sind in vielen Berufen überhaupt nicht mehr wegzudenken. Es gibt aber einen „Digital Gender Gap“. Das bedeutet, dass der Digitalisierungsgrad von Frauen im Schnitt geringer ist als bei Männern.

Wie sieht diese Ungleichheit aus?

Laut der D-21-Studie zur Digitalisierung liegen Männer im Bundesdurchschnitt zehn Prozentpunkte vorn. Die größte Differenz gibt es im Bereich Kompetenz: Je programmiertechnischer ein Bereich wird, desto größer ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Frauen sind außerdem durchgehend schlechter ausgestattet, auch dann wenn es gleiche Arbeitsplätze betrifft. 56 Prozent der Männer haben an ihrem Büroarbeitsplatz einen Laptop, aber nur 36 Prozent der Frauen.

Lesen Sie auch

Wie sieht es bei der Arbeit von zu Hause aus?

Die Voraussetzungen, um Home-Office wahrnehmen zu können, haben 21 Prozent aller beschäftigten Männer und elf Prozent der Frauen.

Warum ist das so?

Das liegt sicherlich auch daran, dass Männer mehr Wert darauf legen und eine bessere Ausstattung einfordern. Allerdings investieren Arbeitgeber nachweislich mehr Geld in Vollzeit- als in Teilzeitplätze, in denen mehr Frauen arbeiten.

Wie kann eine Digitalisierung aussehen, die dafür sensibilisiert ist?

Grundvoraussetzung ist, dass Frauen die gleiche Ausstattung und die gleichen Zugangsvoraussetzungen zur Arbeitswelt haben wie Männer. Unternehmen müssten genau hinschauen, wer wie ausgestattet ist. Außerdem müssen sich Unternehmen gezielt Wissen zu Klischees und Diskriminierung aneignen und Frauenförderung und Diversity Management gezielt umsetzen. Denn es gibt auch einen „Digital Gender Gap“ zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Lesen Sie auch

Wie sieht es im Bereich Bildung aus?

Klischeefreie Berufsorientierung muss Standard werden. Die Frauen, die wir als Vorbilder in technischen Berufen haben, müssen wir sichtbarer machen und in Schulen, auf Messen, in Ausbildungsberufen nach vorne stellen. Außerdem muss Wissensvermittlung sensibler sein: Je anwendungsbezogener die Vermittlung von Technik in Schule, Ausbildung oder Studium ist, umso mehr spricht es Mädchen und Frauen an. Und wir brauchen mehr Qualifizierungsprogramme für Quereinsteigerinnen. Diese müssen dann aber auch in Teilzeit und mit Kinderbetreuung angeboten werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Bezug zur Lebenswelt ist in der Vermittlung wichtig. In der Mathematik spricht die klassische Textaufgabe Mädchen mehr an als eine reine Rechenaufgabe.

Wie hoch ist der Anteil an Frauen in den Mint-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik?

13,7 Prozent der Beschäftigten im Mint-Bereich sind Frauen. Dabei sind Frauen eher in qualifizierteren Bereichen beschäftigt, während es mehr Männer als Fachkräfte gibt. Zum Beispiel bei den Fachinformatikerinnen, da haben wir nur acht Prozent. Bei den Informatikkaufleuten sind es 17,5 Prozent.

Wie sieht die Lage bei den Studienanfängern aus?

Wir haben bei akademischen Berufen einen schnelleren Zuwachs. Das zeigt sich dann auch in der Arbeitswelt. Von zehn Studierenden in den Mint-Fächern sind drei Frauen. Es gibt bereits Studiengänge wie Biologie, Mathematik, Geowissenschaften oder Biotechnik, in denen der Frauenanteil sogar überwiegt. Generell ist es aber noch zu wenig.

Lesen Sie auch

Selbst wenn Frauen in der Branche Fuß fassen, gibt es immer noch Lohnunterschiede, also einen „Gender Pay Gap“.

In Bremens IT-Branche haben wir einen Frauenanteil von 16 Prozent. Der „Gender Pay Gap“ in diesem Bereich liegt jedoch nachgewiesen bei 25 Prozent, also höher als die übliche Entgeltlücke. Eine Skepsis von Frauen diesem Bereich gegenüber ist also durchaus begründet.

Was muss passieren, damit mehr Frauen in diese Branche einsteigen?

Unternehmen und ganz besonders das Handwerk muss mehr tun, um Frauen für diese Arbeit zu interessieren. Ein Beispiel: Wenn der Sanitärbetrieb mit einer aufreizenden nackten Frau in der Dusche wirbt, wird es wohl kaum Mädchen ansprechen sich in diesem Betrieb um eine Lehrstelle zu bewerben. Frauen arbeiten immer noch verstärkt in Teilzeit. Unternehmen müssen sich breiter aufstellen und zeigen, dass sie auch in technischen Bereichen, im Handwerk und auch in Führungspositionen fördern. Dafür brauchen wir Vorbilder, sowohl Frauen als auch Männer.

Lesen Sie auch

Wie arbeiten Sie in der Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau zu diesem Thema?

Es ist wichtig, Mädchen früh an Mint-Fächer heranzuführen. Die ZGF kooperiert mit der Hochschule Bremerhaven und ermöglicht Mädchen, in diese Bereiche reinzuschnuppern und sich auszutoben. Wir planen klischeefreie Berufsorientierungswochen an Schulen, in denen Mädchen und Jungs angesprochen werden, in Bereichen zu arbeiten, die sie vielleicht nicht direkt wählen würden. Außerdem haben wir gerade in der ZGF eine Stelle im Bereich Digitalisierung ausgeschrieben, damit wir fachlich stärker aufgestellt sind.

Das Gespräch führte Lisa Urlbauer.

Info

Zur Person

Bettina Wilhelm ist seit 2017 Landesbeauftragte für Frauen und damit Leiterin der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF).

Info

Zur Sache

Wie digital ist Deutschland?

Der D-21-Digitalindex bietet seit 2013 ein jährliches Lagebild zum Digitalisierungsgrad der Bevölkerung in Deutschland. Die Studie misst in den vier Teilbereichen Zugang zu Digitalisierung, die Nutzung, Kompetenz und Offenheit. Die Ergebnisse zeigen, dass Alter, Bildungsgrad und Berufstätigkeit einen deutlichen Einfluss auf die Digitalisierung nehmen: Jüngere Generationen, berufstätige Menschen und höher Gebildete erzielen einen höheren Indexwert. Insgesamt erreicht die deutsche Bevölkerung mit 58 Punkten ein mittleres Ergebnis auf einer Skala von eins bis 100. Damit ist der Grad der Digitalisierung um drei Punkte zum Vorjahr gestiegen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+