Leichte Sprache im Internet

Sind Websites von Bremens öffentlichen Einrichtungen barrierefrei?

Seit dem 23. September müssen die Internetseiten aller öffentlichen Einrichtungen auch in leichter Sprache zu verstehen sein. Doch sind die Webseiten der Bremer Einrichtungen auch barrierefrei?
09.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von York Schaefer
Sind Websites von Bremens öffentlichen Einrichtungen barrierefrei?

Marion Klanke ist die Leiterin des 2004 gegründeten Büros für leichte Sprache.

Frank Thomas Koch

Marion Klanke, Leiterin des Büros für Leichte Sprache bei der Lebenshilfe Bremen, sitzt vor dem Computer in ihrem Waller Büro und checkt die Internetseite "bremen.de" auf digitale Barrierefreiheit. Gibt es dort Angebote in leichter Sprache, also mit kurzen, einfachen Sätzen? Gibt es erklärende Bilder zu den Texten? Finden Gehörlose eine gebärdensprachliche Übersetzung von Videos?

Am 23. September mussten europaweit alle öffentlichen Einrichtungen auf ihren Internetseiten eine Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen. Damit soll das Recht auf einen ungehinderten Zugriff auf die Seiten durchsetzbar sein. Stoßen Menschen mit geistiger Behinderung oder solche, die einfach nur schlecht lesen können, auf Barrieren im Netz, können sie diese jetzt bei den Landesbehindertenbeauftragten melden und sich beschweren.

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In Deutschland gibt es laut der aktuellen Level One Studie (LEO) zur Lesefähigkeit der Universität Hamburg immerhin rund 6,2 Millionen erwachsene Menschen, die maximal einzelne Sätze lesen oder schreiben können. Das sind gut zwölf Prozent der Deutsch sprechenden Erwachsenen.

„Die Erklärung zur digitalen Barrierefreiheit ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Marion Klanke, Leiterin des 2004 gegründeten und deutschlandweit ersten Büros für Leichte Sprache. Gleichzeitig bemängelt sie, dass auf vielen Internetseiten zwar Informationen über deren Inhalt in Leichter Sprache stünden, die Inhalte selber dann aber nicht.

Basisinfos in leichter Sprache

Zurück zum Website-Check in Blankes Büro: Rechts oben auf der Seite "bremen.de" stehen klein, aber gut erkennbar die Begriffe „Leichte Sprache“ sowie die Abkürzung „DGS“ für Deutsche Gebärdensprache. Folgt man dem ersten Link, kommt man über einen weiteren Klick auf das Portal „Bremen barrierefrei“. Dort finden die Leser zum Beispiel Basisinfos in leichter Sprache über den abgespeckten „Freipaak“, aktuelle Regeln zum Coronavirus, einen Stadtführer sowie Verlinkungen etwa zur Stadtbibliothek oder Themen wie Hilfe bei Gewalt.

Weiterführende Infos zu Kultur, Bildung, Arbeit, Gesundheit oder Familie findet man im barrierefreien Bereich nicht. „Das ist wie ein Haus, das zwar über eine Rampe per Rollstuhl erreichbar ist, in dem es aber innen nur Treppen gibt“, kritisiert Marion Klanke, die Bremen bei der digitalen Barrierefreiheit im Vergleich zu anderen Bundesländern insgesamt trotzdem recht gut aufgestellt sieht.

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Auch Ulrike Peter, Leiterin der Bremer Zentralstelle für barrierefreie Informationstechnik, bestätigt das. „Die Barrierefreiheit der etwa 200 Internetauftritte der bremischen Kernverwaltung ist technisch sichergestellt“, erklärt sie. Dazu gehören laut Peter die senatorischen Behörden, die Bürgerschaft, der Justizbereich und die Feuerwehr. „Das nötige Wissen ist vielerorts vorhanden, zum Beispiel auch bei den Schulen.

Jetzt geht es darum, es auch anzuwenden – immer und überall: Auf der eigenen Internetseite, beim Versand von Mails und Dokumenten sowie bei Social Media-Beiträgen“, fordert die Bremerin. Um die 1000 Webseiten und Apps wurden der Zentralstelle bisher gemeldet, darunter auch zum Beispiel die von kleineren städtischen Kitas, bei denen die Umsetzung der digitalen Barrierefreiheit wegen personeller und technischer Gründe noch etwas dauern dürfte.

Auch Institutionen müssen ihre Angebote barrierefrei gestalten

„Corona hat uns gezeigt, was und wie viel im Zeitalter der Digitalisierung möglich ist. Die digitale Barrierefreiheit ist ein wichtiger Schlüssel für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe generell“, sagt Bremens Landesbehindertenbeauftragter Arne Frankenstein. So müssen neben den klassischen Behörden künftig auch Institutionen, die mehrheitlich öffentlich finanziert werden, wie Theater oder Schwimmbäder, ihre Angebote im Internet barrierefrei gestalten.

Videoanruf bei der tauben Gebärdendolmetscherin Christine Weinmeister in Rotenburg/Wümme, die dort ihre Übersetzungsfirma signissimo betreibt. Der Bildschirm ist zweigeteilt, die Übersetzung in Lautsprache übernimmt ein Mann namens Jochen. „In den letzten Wochen vor dem Stichtag zur Erklärung der Digitalen Barrierefreiheit gab es schon deutlich mehr Anfragen“, berichtet Weinmeister, die auch auf dem Portal "bremen.de" die Erklärung in Gebärdensprache gemacht hat.

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Insgesamt gäbe es noch sehr viel zu tun beim Thema digitale Barrierefreiheit, die Dolmetscherin spricht von nur fünf brauchbaren Anbietern solcher Dienstleistungen in ganz Deutschland. Es gäbe hierzulande überhaupt nur 25 taube Gebärdendolmetscher. „250 wären gut“, sagt Weinmeister.

Eine aufwendige Sache

Die Produktion eines Übersetzungsvideos wie zur Digitalen Barrierefreiheit ist eine aufwendige Sache. Neben der Analyse des vorgegebenen Textes kommt die Studiotechnik mit Licht und Kamera dazu, die Postproduktion sowie ein weiterer Gebärdendolmetscher für die Qualitätskontrolle. Die Kosten liegen bei 1300 Euro.

Eine sicherlich sinnvolle Investition, nicht nur für die gesellschaftliche Teilhabe behinderter oder beeinträchtigter Menschen, die auch potenzielle Kunden sind. „Eine Website auch in leichter Sprache anzubieten, kann ein Wettbewerbsvorteil sein“, sagt Marion Klanke vom Bremer Büro für Leichte Sprache.

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