Jazzsaxofonist im Portrait Dirk Pieunka, ein Jazzer mit viel Intuition

Erst sudierte Dirk Piezunka Musik auf Lehramt, wagte dann aber doch das Studium am Konservatorium. Dabei halfen ihm seine gute Ohren. Heute ist er ein international renommierter Saxofonist.
13.09.2020, 15:04
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Dirk Pieunka, ein Jazzer mit viel Intuition
Von Jean-Pierre Fellmer

Dirk, du bist ein Diesel.“ Das sagte einst ein Dozent zu Dirk Piezunka im Studium am Konservatorium im niederländischen Hilversum. Piezunka erinnert sich noch gut an die Aufnahmeprüfung im Jahr 1996: Rund 50 junge Jazzsaxofonisten waren gekommen, um ihr Können zu präsentieren. Kurz bevor Piezunka seine Chance hatte, war ein anderer junger Musiker aus der Prüfung gekommen – obwohl er auf hohen Niveau gespielt hatte, war er durchgefallen. Piezunka dachte sich: „Okay, es ist vollkommen egal, was ich gleich spiele: Das schaffe ich sowieso nicht.“ Also ging er es locker an. Bei seiner Prüfung setzte sich ein Professor ans Klavier, griff irgendwelche Akkordverbindungen, zu denen Piezunka improvisieren sollte. Die Harmoniewechsel wurden wilder, doch der junge Saxofonist hielt mit – keine falschen Töne. Er war am Ende einer von drei Prüflingen, die einen Studienplatz bekamen.

„Das war ein Sechser im Lotto“, sagt Piezunka heute. Mittlerweile ist der 50-Jährige ein international renommierter Musiker, der mit der Jamsession „Jazz on Board“ auf dem Theaterschiff seit 15 Jahren die Szene prägt. Piezunka hat mehrere Platten aufgenommen, spielte mit seinem Quartett auf diversen Jazzfestivals und trat zusammen mit den Bremer Philharmonikern auf. Er unterrichtete Saxofon an der Hochschule für Künste in Bremen, derzeit lehrt er am Ökumenischen Gymnasium in Bremen.

Dirk Piezunkas Karriere begann früh, bei den Hausmusikabenden seines Großvaters. Piezunka bekam Klavierunterricht, sein Vater, der selbst Geige und Tenorsaxofon spielte, zeigte seinem Sohn die ersten Griffe auf dem goldenen Blasinstrument. „Obwohl er eine klassische Ausbildung hatte, bei der man vor allem nach Noten spielt, war mein Vater auf dem Saxofon ein sehr intuitiver Musiker. Er konnte eine Melodie hören und sie sofort nachspielen.“ Der Sohn wollte das auch können, weshalb er das Saxofon vor allem nach Gehör lernte. In seiner Jugend spielte Piezunka zunächst Keyboard in Bands, studierte später Musik und Deutsch auf Lehramt. Das war ihm allerdings zu wenig praktisches Musizieren, er bewarb sich in Hilversum. Die anderen Bewerber waren jünger, spielten gut und hatten schon viel Erfahrung. Was sie nicht hatten, waren Piezunkas Ohren und seine musikalische Intuition.

Das Studium sei nicht nur ein Geschenk gewesen, es war auch harte Arbeit. „Als Jazzer ist es vollkommen egal, ob du einen Schein hast, auf dem steht, dass du studiert hast“, sagt er. „Wenn du nicht gut bist, ruft dich keiner an.“ Also übte Piezunka: Morgens vor der Uni, danach ging es zum Theorieunterricht und den Ensembleproben, danach wurde weiter geübt, bevor er im Anschluss zur Jamsession in den Club ging. An den Wochenenden verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit einer Coverband auf Partys. „Ich habe das Studium sehr ernst genommen.“ Während bei seinen Mitstudierenden die Lernkurve flacher wurde, ging es bei Piezunka stetig nach oben – wie bei einem Diesel eben.

Die Jamsessions in den Niederlanden faszinierten Piezunka, deshalb organisierte er selbst welche in Bremen. Zwei Jahre war er mit einer Session in Murphys Corner in der Neustadt, dann beschwerten sich die Nachbarn. Piezunka findet das absurd: „Die Menschen ziehen in die Stadt, um nah am Leben zu wohnen, und beschweren sich dann über Livemusik.“ Die Lösung des Problems war das Theaterschiff, sie hält bis heute – oder zumindest bis Corona. „Jazz ist wie Improvisationstheater oder ein musikalisches Gespräch: Wenn man gute Leute hat, entwickelt sich daraus spontan etwas.“ Gute Musiker hat er auf dem Theaterschiff gefunden, gespielt hat er mit Lutz Krajenski, Jost Nickel, Dusko Goykovich und vielen anderen Jazz-Schwergewichten.

Die Liebe zur Musik ist seit jeher ungebrochen, sagt Piezunka. Aber was fasziniert den 50-Jährigen eigentlich so am Jazz? „Ich mag gute Melodien, wunderschöne Harmonien und Klangfarben sowie interessante Rhythmik.“ Er sei kein Experte für Popmusik, diese komme heutzutage meist aus dem Computer und bediene sich immer der gleichen Akkordwechsel. Jazz hingegen sei handgemacht und gehe einen Schritt weiter. Jazz ist die Musik, die bei ihm Gänsehaut verursacht. „Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal ‚Nearness of You‘ von Michael Brecker gehört habe. Ich war im Auto unterwegs und musste rechts ranfahren. Die Musik war so schön, dass ich nicht mehr weiterfahren konnte.“

Was handgemachte Musik bedeutet, zeigt Piezunka auf der Platte Moments, auf der er mit Joe Dinkelbach an der Hammondorgel und Ralf Jackowski am Schlagzeug spielt. Die Aufnahme ist ohne Computer entstanden: keine Schnitte, keine Nachbearbeitung, alles analog auf Tonband aufgenommen. Zum Vergleich: In Streichquartettaufnahmen sind oft mehrere hundert Schnitte. Ein anderes Projekt, das Piezunka wichtig ist, ist Continuum. Das Ensemble, bei dem auch sein Bruder Jens am Bass mitwirkt, spielt selbst bearbeitete geistliche Musik oder Volkslieder in verjazzter Manier. Ruhige Musik, die viel mit Klangflächen arbeitet und auf der Bestenliste der Deutschen Schallplattenkritik gelandet ist.

Jazz bedeutet Piezunka viel, aber nicht alles. Der Jazztrompeter Dusko Goykovich meinte einst zu ihm, er müsse raus aus Bremen und in die großen Städte, aber Piezunka wollte nicht alles für die Musik opfern. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden jungen Söhnen in Lilienthal. Sie ist Sängerin, die Kleinen probieren sich auch schon musikalisch aus. Von seinem knapp zweijährigen Sohn ist er beeindruckt: „Milo kann fast kein Wort sprechen, singt aber Kinderlieder rauf und runter – und das richtig gut.“

Piezunka hat auch noch andere Interessen, fährt etwa gerne Rad. Dafür hat er sein Velomobil, ein Liegefahrrad mit windschnittiger Karosserie. Außerdem ist er leidenschaftlicher Segler. Sein Wunsch ist es, irgendwann noch einmal das Silverrudder zu segeln, eine dänische Regatta. „Die Kollegen schauen mich häufiger mal schief an, wenn ich einen Gig ablehne, um mit dem Boot Urlaub zu machen.“ Das Saxofon nimmt er hin und wieder auf Reisen mit, was schon zu unerwarteten Erkenntnissen führte: „Seehunde lieben Jazz“, sagt Piezunka. Damit sind sie nicht alleine.

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