Outing als transsexuell

Diskriminierung am Arbeitsplatz

Was passiert, wenn man sich heute auf dem Land als transsexuell outet? Wie reagiert der Arbeitgeber? Hanna Jeske, eine Baustoffkauffrau, hat schlechte Erfahrungen gemacht.
29.06.2018, 22:00
Lesedauer: 4 Min
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Diskriminierung am Arbeitsplatz
Von Patricia Brandt
Diskriminierung am Arbeitsplatz

Hat nach ihrem Outing Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsplatz gemacht: Hanna Jeske aus Schwanewede.

Christian Kosak

Lange Zeit hat Hanna Jeske überlegt, wie sie es ihrem Arbeitgeber sagen soll. Dass er sie zwar als Mann eingestellt hatte, sie aber lieber als Frau zur Arbeit kommen würde. Nachdem sich die transsexuelle Baustoffkauffrau aus Schwanewede geoutet hatte, erfuhr sie nach ihren eigenen Worten, was Diskriminierung am Arbeitsplatz bedeutet. Das betroffene Unternehmen, ein Baustoffhandel im Landkreis, bestreitet das. Die Geschäftsführung habe sich stets gesetzmäßig verhalten, heißt es in einer Mail. Eine Geschichte über das Outing auf dem Land.

Transsexuelle identifizieren sich nicht mit dem angeborenen Geschlecht. Sie haben den Wunsch, sich durch Operation oder hormonelle Maßnahmen in Einklang mit ihrem Wunschgeschlecht zu bringen. „Meinen männlichen Vornamen habe ich immer gehasst“, sagt Hanna Jeske. Sie sitzt im Café einer Landbäckerei, wo die schweren Eichenmöbel das Gefühl vermitteln, die Zeit sei stehen geblieben. Hanna Jeske legt ihre Finger um die Kaffeetasse. Sie hat die Nägel schön, auf einigen prangen winzige Erdbeeren, andere sind nur erdbeerrot gefärbt. „Mir gefällt das“, sagt Hanna Jeske, als sie den Blick bemerkt.

Frauenkleider in der Freizeit

Mit den bunt lackierten Nägeln beginnt ihr Outing. Viereinhalb Jahre arbeitete Hanna Jeske als Mann in einem Baustoffhandel im Landkreis Osterholz und hielt Kontakt zu den Kunden. Als Frau kleidete sie sich nur in ihrer Freizeit. Doch Hanna Jeske hat immer weniger Lust auf das Versteckspiel, gleichzeitig sorgt sie sich um ihre Stelle. „Das war immer mein Albtraum, das ich den Arbeitsplatz verliere und dann nichts Neues finde. 52 Prozent aller Transpersonen sind arbeitslos. Das darf man nicht vergessen.“ Als die Baustoffkauffrau im Betrieb auf ihre langen Nägel angesprochen wird, outet sie sich gegenüber Teilen der Chefetage. „Am Anfang war das in Ordnung. Es hieß sogar, warum kommst du nicht als Frau zur Arbeit? Das war wie ein Befreiungsschlag für mich.“ Verabredet wurde, dass sie als Frau zur Weihnachtsfeier erscheinen dürfe. Für die meisten Kollegen sei das in Ordnung gewesen. "Ganz normal."

Doch schon kurze Zeit später habe ihr Arbeitgeber einen Rückzieher gemacht, erzählt Hanna Jeschke. High Heels, Federboa, extrem kurzer Rock – all das hat Hanna Jeske nicht in ihrem Kleiderschrank und auch zur Feier nicht getragen. Sie ist keine Travestiekünstlerin und keine Dragqueen. Wer sie auf der Straße sieht, würde nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennen, dass sie als Mann geboren wurde. „Aber es gab trotzdem Bedenken, dass sich mein Aussehen negativ auf die Geschäftszahlen auswirken könnte. Es wurde mir durch die Blume gesagt, dass man erhebliche Bedenken hätte, es könne betriebsschädigend wirken, wenn ich in Frauenkleidern zur Arbeit käme. Das war ein tiefer Schlag für mich, dass es plötzlich doch nicht passte. Zum Glück hatte ich da schon einen Therapeuten.“

Nach dem Outing kommt ein Zurück für Hanna Jeske nicht mehr in Frage, nach ihren Worten beginnt damit eine Zeit der Schikane: Bei einem Mitarbeitergespräch sei sie aufgefordert worden, sich die falschen Nägel zu entfernen und die halblangen Haare abzuschneiden. „Zur Begründung hieß es: Lange Haare wirken ungepflegt, wenn man ein Mann ist.“ Bei dem Gespräch, sagt Hanna Jeske, sei ihr indirekt eine Kündigung angedroht worden – falls sie weiterhin als Frau an ihrem Arbeitsplatz erscheine. „Das Gespräch hat mich seelisch gebrochen.“

Hanna Jeske wendet sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und an Transnet, eine 2016 gegründete Selbsthilfegruppe für transsexuelle Menschen und deren Angehörige im Landkreis Osterholz. Hier erhält sie Unterstützung. Die Betroffenen litten auch heute noch unter vielfältigen Diskriminierungserfahrungen im Alltag, berichtet Ilka Christin Weiß als Sprecherin der Selbsthilfegruppe. Das reiche von einer Verweigerung der Anrede mit dem gewählten Vornamen bis hin zur Verweigerung der Benutzung der Toilette des Identitätsgeschlechts.

Die häufigsten Diskriminierungsformen seien Ausgrenzung, Herabwürdigung, schlechtes Bewerten von Leistungen, aber auch Beleidigungen und abwertende Witze. 62 Prozent der Betroffenen würden sich mit Suizidgedanken tragen. „Besonders schlimm ist, wenn betroffenen Menschen, die sich sowieso in einer schwierigen Lebenslage befinden, ihr gewähltes Leben verboten werden soll und existentielle Ängste wie Arbeitsplatzverlust bewusst erzeugt werden.

Im schlimmsten Fall treibt man die Menschen damit in den Suizid. Da zeigt es sich, wie wichtig die Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe ist, die einen auffangen kann.“ Offiziell erhält Hanna Jeschke nach ihren Worten schließlich die Erlaubnis als Frau zur Arbeit zu kommen. Inoffiziell sei sie aufgefordert worden, sich nach einer anderen Stelle umzugucken. Auf Anfrage wollte der Geschäftsführer zu dem Fall keine Stellung abgeben, aus Datenschutzgründen.

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Ihre Rechtsschutzversicherung habe ihr angeboten, die Kosten für einen Rechtsstreit zu übernehmen. „Wenn es vor Gericht gegangen wäre, hätte mein Arbeitgeber Schmerzensgeld zahlen müssen“, ist die Baustoffkauffrau überzeugt. Hanna Jeske hat etwas anderes getan: Sie hat Bewerbungen geschrieben. „Wir haben Fachkräftemangel. Nach fünf Wochen hatte ich vier Stellen zur Auswahl.“ Der neue Arbeitgeber habe keine Probleme damit, dass ihre geschlechtliche Identität eine andere ist, als in den Ausweispapieren steht. In wenigen Wochen werden auch Hanna Jeskes Dokumente auf ihren weiblichen Wunschvornamen geändert sein: „Mir ist mein Name unglaublich wichtig. Wegen der eindeutigen Zuordnungsfähigkeit.“

Info

Zur Sache

Transsexualität und Diskriminierung

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität geht davon aus, dass 60.000 bis 100.000 sogenannte Transpersonen in Deutschland leben. Die Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO genannt, will Transsexualität künftig nicht mehr als psychische Krankheit gelten lassen. Ilka Christin Weiß von der Selbsthilfegruppe Transnet aus dem Landkreis Osterholz berichtet, dass dennoch viele Transpersonen Diskriminierungserfahrungen machen müssen. Ilka Christin Weiß nennt Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Demnach erlebten 67,4 Prozent der Diskriminierten eine soziale Herabwürdigung, 3,7 Prozent der Betroffenen sogar körperliche Angriffe. Noch heute würden sich Personen im medizinischen und pflegerischen Kontext weigern, die Geschlechtsidentität von Transpersonen anzuerkennen. Ilka Christin Weiß: „Viele der Transpersonen vernachlässigen dann ihre Gesundheit, trauen sich nicht mal zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen.“

Weitere Informationen

Trans-Net OHZ ist unter der mobilen Telefonnummer 01 77 / 3 34 68 83 zu erreichen oder per E-Mail: transnet. ohz@freenet.de.

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