Aktion "Deutschland spricht"

"Das ist ja komplett langweilig"

Nicolas Scheidtweiler und Antje Müller könnten unterschiedlicher kaum sein – eigentlich. Für „Deutschland spricht“ sind sich beide begegnet und haben gemerkt: Sie sind sich ähnlicher als gedacht.
30.10.2019, 18:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Wrage
"Das ist ja komplett langweilig"

Eigentlich, dachten Nicolas Scheidtweiler und Antje Müller, könnten beim Mittagessen die Fetzen fliegen. Dann merken sie, dass sie sich ganz schön ähnlich sind.

Imke Wrage

„Verdammt, das ist ja komplett langweilig“, sagt Nicolas Scheidtweiler und schiebt sich eine Portion Nudeln in den Mund. Es ist Mittwochmittag, 13.30 Uhr, als Scheidtweiler im Luv an der Schlachte sitzt und sich fragt, wo denn nun bitteschön das Feuer bleibt, die hitzige Diskussion. Ihm gegenüber sitzt Antje Müller, seine heutige Verabredung zum Mittagessen. Seit einer knappen Stunde sprechen sie über die Gleichstellung von Männern und Frauen, über eine mögliche Kerosinsteuer und über Klima- und Migrationspolitik. Themen, das wissen beide, bei denen die Meinung schnell mal auseinandergehen kann. Eigentlich, hatten Scheidtweiler und Müller gedacht, könnten beim Mittagessen die Fetzen fliegen – vielleicht sogar ein paar Nudeln! Stattdessen, nun ja, sitzen sie ganz locker da, er mit Coke Zero, sie mit Milchkaffee, und beide müssen lachen. Denn irgendwie, stellen sie bei jedem Thema fest, sindihre Meinungen ganz schön ähnlich.

Das hätte auch anders laufen können. Scheidtweiler und Müller sind zwei Teilnehmer von „Deutschland spricht“. Das ist ein Gesprächsformat, bei dem sich am 30. Oktober jeweils zwei Menschen begegnen, die zu Themen vermeintlich unterschiedliche Meinungen haben. Scheidtweiler und Müller haben sich nicht gegenseitig ausgesucht. Das hat ein Algorithmus für sie getan. Ohne ihn wären sie sich vermutlich nie begegnet. Denn auf den ersten Blick sind beide, das kann man ohne Zweifel so sagen, ganz schön verschieden.

Scheidtweiler, 42, ist selbstständiger Unternehmensberater, Single, trägt Hemd zu Seglerschuhen, liebt Sport, wohnt in Schwachhausen. Und er ist Mitglied der Bremer FDP. „Mit Menschen aus der FDP spreche ich sonst eigentlich nie“, sagt Antje Müller. „Irgendwie haben Freunde und Bekannte ja meist eine recht ähnliche Meinung. Auch im WESER-KURIER steige ich bei Kommentaren, die nicht meiner Meinung entsprechen, ehrlicherweise schnell aus.“ Müller, 61, ist Psychologin und dreifache Mutter. Sie trägt kurzes, rotes Haar zu Brille, wohnt in der Vahr, ist umweltbewusst und wählt seit vielen Jahren Grün. Müller ist eine, die immer ruhig und langsam spricht. Eine, die im Zweifel erstmal überlegt, die Sätze strukturiert. Nicht so wie Scheidtweiler, eher so der laute, energische Typ.

Scheidtweiler, 42, ist selbstständiger Unternehmensberater, Single, trägt Hemd zu Seglerschuhen, liebt Sport, wohnt in Schwachhausen.

Scheidtweiler, 42, ist selbstständiger Unternehmensberater, Single, trägt Hemd zu Seglerschuhen, liebt Sport, wohnt in Schwachhausen.

Foto: Imke Wrage

Eine Stunde zuvor, Treffen vor dem Luv. „Ich bin gespannt, was gleich passiert", sagt Müller. "Mir ist wichtig, andere Argumente zu verstehen, ins Gespräch zu kommen." Auch Scheidtweiler hatte sich zu "Deutschland spricht" angemeldet, weil er neugierig war, sagt er. "Ich finde andere Sichtweisen spannend, auch wenn sie vielleicht nicht meiner eigenen entsprechen." Sie gehen ins Restaurant, nehmen Platz, bestellen. Dann weiß erstmal niemand, wie das Gespräch nun eigentlich starten soll. Die Frage, wie sich Deutschland zu Russland verhalten soll, "puh, kompliziert" finden beide, die lassen sie lieber aus.

Also Frauen und Gleichstellung, dann Bildung, „eher nicht mein Thema“, sagt Scheidtweiler, schließlich Klimawandel und Umweltschutz. Letztere, sagt Müller, seien sowieso die Themen, die ihr am meisten am Herzen liegen – und die, bei denen es am ehesten brodelt. „Moooooooment“, wirft Scheidtweiler ein, „Klimawandel und Umweltschutz, das sind doch zwei verschiedene Paar Schuhe!“

Umweltschutz, ja klar, findet er, da müsse man nicht drüber diskutieren. Er selber sei sozusagen „Umweltnazi“. Am Wochenende war er mit Freunden im Harz, sagt er, da hatte er wieder eine Tüte dabei, um den Müll aufzusammeln. „Das ist doch asozial, ich find's einfach unerklärlich, wie man den Müll einfach so in die Natur werfen kann“, sagt er. Auch Müller sieht das so, „ja, ja“, sagt sie immer wieder, beide lieben gewissermaßen die Natur, sind gerne draußen, käme da nicht noch das „nein, nein“ von Nicolas Scheidtweiler. Mit Klimawandel, findet er, habe das alles nichts zu tun. Klimawandel, die Diskussion, das fände er schon etwas übertrieben. Es fliegt der einzige kleine Fetzen.

Müller, 61, ist Psychologin und dreifache Mutter. Sie trägt kurzes, rotes Haar zu Brille, wohnt in der Vahr, ist umweltbewusst und wählt seit vielen Jahren grün.

Müller, 61, ist Psychologin und dreifache Mutter. Sie trägt kurzes, rotes Haar zu Brille, wohnt in der Vahr, ist umweltbewusst und wählt seit vielen Jahren grün.

Foto: Imke Wrage

Sie: „Du glaubst also nicht, dass der Klimawandel menschengemacht ist?“

Er: „Na ja, der Mensch verstärkt ihn, aber er ist nicht die Hauptursache.“

Sie: Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass das, was auf uns zukommt, mit Industrialisierung und zu viel C02 in der Atmosphäre zu tun hat. Atomkraftwerke zum Beispiel müssen weg. Die sind große Scheiße."

Er: „Ja, stimmt“, beißt in eine Nudel, „aber was wäre die Alternative für eine günstige Energieversorgung?“

Sie: „Weniger verbrauchen.“

Er: „Mit E-Autos?“ Sie „Pfff. Von mir aus kann man die abschaffen.“

Die Themen wirbeln jetzt durcheinander. Sie hat eine Freundin, sagt Müller, die zehn Mal im Jahr in den Urlaub fliegt. „Bestimmt eine Grüne“, sagt Scheidtweiler und lacht. Fliegen findet auch er nicht okay, wenn es ständig ist. Dass Menschen wie Habeck durch Deutschland jetten, aber anderen sagen, dass sie nicht fliegen dürfen – ein Unding, sagt er. „Ich lass' mir doch nicht von jemandem Wasser predigen, der Wein säuft!“ Ja, sagt Müller, mag sein. „Aber das ist doch kein Argument gegen Klimaschutz, sondern gegen einzelne Leute. Sobald der Mensch Machtpositionen bekommt, wird er halt komisch.“

Am Ende landen beide beim Tempolimit und sind sich, wieder einmal, relativ einig. Wir müssen mehr Bahn und mehr Fahrrad fahren, finden sie. Und wenn mit dem Auto, dann doch bitte höchstens 130 Kilometer pro Stunde. „Aber das soll bitteschön jeder für sich selbst entscheiden“, sagt Scheidtweiler.

Ein Satz, den er bei diesem Mittagessen ungefähr zwanzig Mal fällt. Ein Satz, der beide unterscheidet. „Wir sehen dieselben Probleme, aber wir haben dafür andere Lösungen“, sagt Scheidtweiler. Er ist Individualist, einer, der für mehr Selbstverantwortung, für freie Entscheidungen ist. Müller hingegen plädiert für den Kollektivismus. „Oft braucht es die Einmischung des Staates, neue Gesetze, damit sich wirklich etwas verändert.“

So verabschieden sich beide nach anderthalb Stunden. In der Einsicht, dass man noch so verschieden sein kann, er FDPler, sie Grüne, er aus Schwachhausen, sie aus der Vahr, er Single, sie Familienmensch. Trotzdem gibt es viele Gemeinsamkeiten und ähnliche Meinungen. „Aber eben unterschiedliche Herangehensweisen.“ Ständig müsse man diese Mittagessen nicht veranstalten, sagt er. „Aber vielleicht in einem Jahr nochmal?“

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