Arbeitskreis aus Eltern, Lehrern, Politik und Verwaltung berät über künftiges Betreuungsangebot in Lemwerder

Diskussion um Ganztagsschule und Hort

Lemwerder. Die Zeiten, als der Großteil der Mütter zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause blieb, sind längst passé. Der Anteil der Haushalte, in denen beide Elternteile berufstätig sind, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
23.08.2016, 00:00
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Von Barbara Wenke
Diskussion um Ganztagsschule und Hort

Julie (von links), Sabine und Emmely werden im Hort in Lemwerder betreut. Die Zahl der Anmeldungen sprengt inzwischen die Aufnahmekapazität.

Christian Kosak

Lemwerder. Die Zeiten, als der Großteil der Mütter zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause blieb, sind längst passé. Der Anteil der Haushalte, in denen beide Elternteile berufstätig sind, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Ebenso der Anteil alleinerziehender Mütter oder Väter. Dadurch ist die Notwendigkeit gestiegen, Nachmittagsbetreuung für Kinder anzubieten. Die Gemeinde Lemwerder hat vor 25 Jahren einen Hort eingerichtet. Der ist mit 55 Kindern mittlerweile schon überbelegt. Diskutiert wird in der Lokalpolitik nun, die verlässliche Grundschule Lemwerder in eine Ganztagsschule umzuwandeln.

Die Diskussion ist nicht neu. Im Jahr 2013 debattierte der Sozialausschuss des Gemeinderates bereits über das Thema. Die Initialzündung stammte dabei nicht aus der Elternschaft, sondern aus der Politik. Um die damals noch existierende Grundschule Deichshausen attraktiver zu gestalten, hatte die örtliche SPD-Fraktion ein Ganztagsangebot für die einzügige Bildungseinrichtung ins Spiel gebracht. Die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Mitte waren über den Hort versorgt, der sich in unmittelbarer Nähe befindet.

Letztlich scheiterte die Umsetzung der Nachmittagsbeschulung an der zu geringen Personalstärke der Bildungsstätte. Die Personaldecke sei zu dünn gewesen, um die Vorgabe der Schulbehörde zu erfüllen, berichtete die damalige Schulleiterin Agnes Burlage im Herbst 2013 dem Sozialausschuss des Gemeinderates. Vom Tisch ist die Idee deshalb nicht. Das Thema Kinderbetreuung ist brandaktuell. Mittlerweile gehen auch Kinder in den Hort, die den Standort Deichs­hausen der mittlerweile zusammengefassten Grundschule Lemwerder besuchen. Ein Bus bringt sie mittags von der Tecklenburger an die Detmarstraße.

Zum Beginn des Schuljahres 2016/17 lagen der Gemeindeverwaltung 55 Anmeldungen für ihren Hort vor. Eine Anzahl, die die Aufnahmekapazität in den Räumen an der Detmarstraße sprengt. So lagerte der Hort eine Gruppe in die ehemalige Hausmeisterwohnung der Grundschule Mitte aus. Vorgesehen ist, die Immobilie ein Jahr lang zu nutzen.

Mit der Einrichtung einer Ganztagsschule für den Elementarbereich möchte die Gemeinde Eltern ein neues Angebot machen. Einer Befürchtung wollte Bürgermeisterin Regina Neuke dabei bereits vor der ersten Zusammenkunft des neu gegründeten Arbeitskreises entgegentreten. „Mit der Einrichtung einer Ganztagsschule will ich keine Billiglösung gegen den Hort schaffen“, sagte die Gemeindechefin im Vorfeld der jüngsten Schulausschusssitzung Anfang Juni. Ihre Idealvorstellung sehe beides kooperierend nebeneinander.

„Die Ganztagsschule bietet uns die Möglichkeit, viel mehr Eltern bedarfsgerecht zu entlasten.“ Schließlich wünsche nicht jedes berufstätige Elternteil eine fünftägige Nachmittagsbetreuung pro Woche. Der Arbeitskreis wird einen Tag nach der Kommunalwahl am 11. September erstmals zusammenkommen. Elternschaft, Lehrerkollegium und Verwaltung sind übereingekommen, die Politik nun doch vom ersten Treffen an mit ins Boot zu holen.

Einige Eltern im Ort befürchteten, dass eine Ganztagsschule das bewährte Hortangebot ersetzen könnte, hat die Elternratsvorsitzende der Grundschule Lemwerder, Bernadette Pogoda, nach eigenen Angaben aus Gesprächen mit Müttern und Vätern herausgehört. Demnach möchten die Eltern sich nicht für das Eine und gegen das Andere entscheiden müssen. „Wir möchten, dass geprüft wird, ob eine Ganztagsschule zusätzlich zum Hort möglich wäre“, sagt Bernadette Pogoda. „Eine Ganztagsschule auf Biegen und Brechen wollen die Eltern allerdings nicht.“

Die Elternratsvorsitzende sieht Lem­werder aufgrund seiner Grundschule mit zwei Standorten in einer schwierigen Situation. „Wenn man den Ganztagsbetrieb ein­richtet, müsste man es an beiden Standorten tun, da die Eltern aufgrund der festgeschrie­benen Schuleinzugsgrenzen nicht zwischen den beiden Standorten wählen können.“ Die Mitglieder des Schulvorstandes seien in ihrer jüngsten Sitzung übereingekommen, „dass sich erst einmal die Lehrer beraten und ihre Ergebnisse dann den Eltern vorstellen“.

Über den Stand der internen Diskussion wollten die Lemwerderaner Lehrkräfte derweil noch keine Auskunft geben. Ob die Hortmitarbeiter eine Ganztagsgrundschule in Lemwerder als Konkurrenz oder als Bereicherung begreifen, ließen die Verantwortlichen der kommunalen Kindertagesstätte ebenfalls noch offen. In den nächsten Wochen stehe der Umzug des Kindergartens von der ehemaligen Grundschule West zurück an die Detmarstraße im Vordergrund ihrer Arbeit.

Das sagen die Parteien: Meinrad-M. Rohde (SPD): „Überall in Niedersachsen gibt es Ganztagsgrundschulen. Sie helfen, Kinder individuell zu fördern und zu fordern. Die SPD möchte die Ganztagsgrundschule als Alternative zum Hort, nicht als dessen Ersatz. Über das Modell muss man in aller Ruhe sprechen. Wir haben uns bislang auf keines festgelegt. Der Gemeinderat schafft die äußeren Bedingungen. Für die pädagogische Ausgestaltung sind die Lehrkräfte zuständig. Wenn Geld nötig ist, werden wir als SPD dies nicht verwehren.“ Wolf Rosenhagen (CDU): „Wir müssen uns am Bedarf und an den Bedürfnissen der Erziehungsberechtigten orientieren. Ich finde ein nicht-verpflichtendes Angebot gut, aber es geht nicht um mich. Wir Christdemokraten wollen den Elternwillen respektieren und warten deshalb die Ergebnisse des Arbeitskreises ab. Zudem fordern wir eine Befragung der Erziehungsberechtigten. Wir wollen, dass die Eltern zwischen einem Nachmittagsangebot der Grundschule und dem Hort wählen können.“ Harald Schöne (FDP): „Wir warten ab, was Lehrer und Eltern zu sagen haben, denn die haben für uns ein gewichtiges Wort mitzureden. Wir fänden es nicht gut, wenn der Grundschule ein Ganztagsangebot von oben aufgedrückt würde. Eine Schwächung des Horts sehen wir nicht. Er wird entlastet. Der Hort hat seine Existenzberechtigung. In der Ganztagsschule sehen wir unter anderem eine finanzielle Entlastung der Familien. Zwei Schulstandorte, Schuleinzugsgrenzen, zwei Mensen, da steht Klärungs- und Diskussionsbedarf an.“ Brigitta Rosenow (Grüne): „Die Ganztagsschule bringt sozial benachteiligte Kinder nach vorne. Beim gebundenen Modell würden alle Kinder gleich behandelt. Aber auch das offene Modell bietet eine gute Nachmittagsbetreuung und wäre zudem günstiger für die Eltern als der Hort. Für Geringverdiener ist es schwierig, überhaupt einen Hortplatz zu bekommen. Für uns ist wichtig, dass die Grundschule verlässlich bleibt. Da der Standort Mitte aus allen Nähten platzt, könnten wir uns auch eine eigenständige Ganztagsgrundschule in der ehemaligen Grundschule West vorstellen.“ Wiebke Naujoks (UWL): „Baulich sehen wir keine unserer Schulen als Ganztagsschule, denn individuelle Förderung braucht Räume. Im Hort findet verlässliche Beziehungsarbeit mit immer denselben Personen statt. Die offene Ganztagsschule, an der Mitarbeiter ohne pädagogische Ausbildung die Kinder betreuen, hat nichts mit individueller Förderung zu tun. Außerdem bringt es arbeitenden Eltern nichts, wenn ihre Kinder nur an drei Nachmittagen pro Woche betreut werden. Zudem stellt sich die Frage, wie die Ganztagsschulkinder in den Ferien betreut würden.“
„Ich will keine Billiglösung gegen den Hort schaffen.“ Bürgermeisterin Regina Neuke
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