Die Zeit nach Corona

Politiker und Wissenschaftler suchen nach einer Exit-Strategie

Was geschieht nach dem 19. April? Welche Auflagen können gelockert werden, ohne zu viel zu riskieren? Die Bundes- und die Landesregierungen halten sich bedeckt. Wissenschaftler skizzieren verschiedene Methoden.
05.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Politiker und Wissenschaftler suchen nach einer Exit-Strategie
Von Silke Hellwig
Politiker und Wissenschaftler suchen nach einer Exit-Strategie

Exit-Strategien nach der Corona-Krise werden immer heißer diskutiert.

xim.gs via www.imago-images.de

Seit einigen Tagen gewinnen Erwägungen zu sogenannten Exit-Strategien an Bedeutung, mit steigender Tendenz. Das hängt nicht nur, aber auch mit der Befristung der Einschränkungen zusammen. In Bremen und in anderen Bundesländern gelten die entsprechenden Rechtsverordnungen bis zum
19. April. Und dann? Fehlt es nur an ausreichend Mund-Nase-Schutzmasken als Grundvoraussetzung für Lockerungen? Dürfen alle im Alter unter 50 Jahren, sofern nicht anders gefährdet, bald wieder tun und lassen, was sie wollen, während Ü-50er zu Hause vereinsamen?

Eines steht offensichtlich fest, zur Normalität wird die Bundesrepublik am 20. April nicht zurückkehren. Während der Bund und die Landesregierungen keine Aussagen über mögliche Lockerungen treffen, mehren sich Stimmen, die eine Debatte über das Danach einfordern. „Der Ruf nach einer Ausstiegsstrategie, auch wenn er laut wird, bevor die Strategie gegen die Corona-Epidemie überhaupt gegriffen hat, ist berechtigt und wird nicht verstummen“, heißt es in einem Kommentar in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das Thema biete vor allem der Opposition die Chance, „überhaupt wieder in eine politische Auseinandersetzung einzusteigen“.

FDP-Chef Linder fordert Perspektiven

FDP-Chef Christian Linder sagte im „Tagesspiegel“: „Wird wirklich alles unternommen, um das Leben so schnell wie möglich zu normalisieren? Sind alternative Strategien verfügbar? Der aktuelle Zustand darf keine Minute länger dauern als nötig. Und das ist nicht einmal eine Frage der Wirtschaft, sondern der bürgerlichen Freiheitsrechte des Grundgesetzes.“ Niemand wisse genau, was das Kabinett plane, so Lindner weiter. „Wenn wir die Akzeptanz der Bevölkerung für die vielen Einschränkungen aufrechterhalten wollen, müssen wir Perspektiven eröffnen. Die Menschen wären sicher auch bereit, die Maßnahmen länger zu erdulden, wenn sie wissen, dass die Regierung alles tut, um möglichst bald wieder zur Normalität zurückzukehren.“

Ähnlich sieht es auch Jens Eckhoff, Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Bremen-Stadt. Sein Parteifreund, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, hinterließ in der „Welt am Sonntag“: „Der Satz, es sei zu früh, über eine Exit-Strategie nachzudenken, ist falsch.“ Er berief einen „Expertenrat Corona“, um Maßstäbe für ein Danach zu erarbeiten.

Lesen Sie auch

Einen Expertenrat hat auch die niedersächsische FDP gefordert. Davon halten die Grünen in Niedersachsen nichts: Wichtiger als ein neues Gremium sei es, „dass die Entscheidungsgrundlagen und auch Abwägungsprozesse transparenter als bisher gemacht werden“, so die Landesvorsitzende Anna Kura. Über Exit-Strategien zu diskutieren bedeute nicht automatisch, dass es umgehend zu Lockerungen komme. „Stattdessen geht es darum, gerade angesichts massiver Einschränkungen von Grundrechten die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen (...) öffentlich zu diskutieren und abzuwägen. Das ist zentraler Bestandteil einer Demokratie.“ Die SPD-Spitze hält sich bedeckt. Sie denkt nach (siehe Text links oben), hält eine Debatte aber für verfrüht. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans warnte vor dem „Schüren falscher Erwartungen“.

Hammer and Dance

Wie könnte eine Exit-Strategie aussehen? Dazu gibt es unterschiedliche Überlegungen. Laut diverser Medienberichte liegt im Bundesinnenministerium eine unveröffentlichte Studie mit mehreren Ausstiegsvarianten vor. Ein Modell nennt sich „Hammer and Dance“ – Hammer und Tanz. Ersteres umschreibt harte Ein- und Beschränkungen für die Bevölkerung. Zeigt das Wirkung, sinken die Infektionen, soll im übertragenen Sinne wieder getanzt werden dürfen, die Lockerungen nach und nach aufgegeben werden. Um weitere Neuinfektionen zu begrenzen, müsste umfassend getestet, die Infizierungswege genau überprüft und Infizierte strikt isoliert werden.

Smart Distancing

Die Strategie „Smart Distancing“ stammt vom Virologen Alexander Kekulé. Darunter versteht er laut einem „Zeit“-Gastbeitrag: „die Vermeidung von Situationen, die eine Virusübertragung begünstigen. Dazu gehören etwa der Verzicht auf Händeschütteln und der Mindestabstand von zwei Metern zwischen Menschen, die nicht zusammenwohnen.“ Risikogruppen und vor allem Mitarbeiter und Bewohner von Pflege- und Altersheimen müssten besonders behütet werden. „Für Personen ohne besonderes Risiko genügen die bekannten Hygieneregeln und das konsequente Tragen einer einfachen OP-Maske, wenn der Zweimeterabstand nicht eingehalten werden kann.“ Unerlässlich sei die Ausweitung von Test-Möglichkeiten. „Wer hustet oder Fieber hat, bleibt zu Hause, bis ein Ergebnis vorliegt. Für diesen Fall sollten Hotlines eingerichtet werden, die die Testung auf Covid-19 und erforderlichenfalls auch die Versorgung mit Lebensmitteln organisieren“, so Kekulé in der „Zeit“.

Lesen Sie auch

Bremsen und Beschleunigen

„Wir können nach Ostern möglicherweise über eine Veränderung reden, wenn wir bis Ostern alle miteinander konsequent sind”, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Für ihn sind Lockerungen in Intervallen denkbar. In der „Zeit“ erläuterte er: „Ich denke an Beschleunigen und Bremsen, an eine sorgfältige Balance zwischen Eigenverantwortung und staatlicher Kontrolle (...) Vielleicht müssen wir uns darauf einstellen, dass es über Wochen bestimmte Ausgangsbeschränkungen immer mal wieder und zeitlich begrenzt geben wird, je nachdem, wie sich das Virus regional ausbreitet.“

Vier-Phasen-Modell

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hat ein Ausstiegsmodell entwickelt (siehe Artikel links). Am Mittwoch wurde es von DGKH-Präsident Martin Exner und Vorstandsmitglied Peter Walger präsentiert. „Wir wollen einen Anstoß geben, über solche Phasen nachzudenken“, sagte Exner während einer Online-Pressekonferenz. Über einen Zeitpunkt, wann welche Schritte in die Wege geleitet werden sollten, hüllten sich die Mediziner in Schweigen. Peter Walger: „Wir möchten nicht an Spekulationen über das Datum teilnehmen.“

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+