Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft Disput über Drittmittel der Unis

Drittmittel sind wichtig für Universitäten – da sind sich alle einig. Differenzen gibt es bei der Transparenz. Ein Online-Portal zeigt die Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft: Bremen liegt ganz vorne.
17.02.2015, 21:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maren Beneke und Felix Frank

Drittmittel sind wichtig für Universitäten – da sind sich alle einig. Differenzen gibt es bei der Transparenz: Sollten Inhalte von Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen öffentlich werden? Ja sagen die Bildungsministerien von Bremen und Niedersachsen. Nein die Handelskammer Bremen und die IHK Bremerhaven. Ein Webseite will die Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft aufzeigen.

300.000 Euro spendete Airbus 2012 für eine Stiftungsprofessur der Universität Bremen, für eine andere überwies Daimler im selben Jahr 221.000 Euro. Konzerne wie Bayer, Volkswagen oder Siemens versorgen bundesweit Universitäten mit Geldspenden. Zudem sitzen Menschen wie VW-Chef Martin Winterkorn (TU Braunschweig) oder Siemens-Vorstandsmitglied Siegfried Russwurm (RWTH Aachen) in Hochschulräten. Informationen dieser Art seit sind seit Dienstag auf dem Portal www.hochschulwatch.de nachzulesen.

Die Beispiele zeigen die Wichtigkeit von Drittmitteln für Universitäten. Jene Forschungsgelder also, die nicht von der Hochschule selbst stammen (Erstmittel) und auch nicht von der Landesbehörde (Zweitmittel). Oft ist jedoch nicht klar, woher diese Drittmittel kommen. Nun gibt es ein wenig mehr Transparenz: Auf der Internetseite ist aufgelistet, welche Unternehmen welchen Hochschulen Drittmittel zur Verfügung stellen. Das vor zwei Jahren von der Organisation Transparency International, der Berliner Tageszeitung „taz“ und dem Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften gegründete Portal will die Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft aufzeigen. Der Kritikpunkt: Die Hochschulfinanzierung aus dem privat-gewerblichen Bereich sei noch nicht transparent. Zudem sei die Unabhängigkeit an den Hochschulen in Gefahr

Nach den vorliegenden Zahlen gaben die deutschen Hochschulen 2012 rund 45 Milliarden Euro aus. Fast 6,8 Milliarden Euro stammten aus Drittmitteln, und rund 1,3 Milliarden davon wiederum aus der gewerblichen Wirtschaft – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren.

Die Universität Bremen finanzierte sich 2012 mit knapp 90 Millionen Euro aus Drittmitteln – ein Drittel des gesamten Etats. Der Anteil der gewerblichen Wirtschaft an den Drittmitteln betrug 13 Prozent. Die restlichen 87 Prozent der Drittmittel-Gelder gingen auf das Konto von EU, Deutscher Forschungsgemeinschaft, Bund oder Stiftungen. „Wir sind eine der drittmittelstärksten Universitäten unserer Größe in Deutschland. Das zeigt, dass sich die Unternehmen für uns interessieren“, sagt Kai Uwe Bohn von der Pressestelle der Uni.

In der Tat lag die Bremer Universität bei der Zuwendung von Drittmitteln 2012 beispielsweise vor der Universität Hannover, die mit mit rund 106 Millionen Euro etwa 28 Prozent ihres Etats aus Drittmitteln bezog, oder der Universität Hamburg (102 Millionen Euro, 23 Prozent).

In der Bürgerschaft wird am Mittwoch unter anderem über die Transparenz bei Drittmitteln diskutiert. Bildungssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD): „Eine offene Gesellschaft hat einen Anspruch auf Information. Das betrifft auch die Drittmittelforschung: Hier sind wir aufgefordert, Transparenz herzustellen. Das stellt aus meiner Sicht die Wissenschaftsfreiheit nicht in Frage.“

Die Handelskammer Bremen und die Industrie- und Handelskammer Bremerhaven warnten unterdessen vor den Folgen des Hochschulreformgesetzes. Würden Inhalte von Forschungskooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen öffentlich, habe dies erhebliche Auswirkungen auf die Bereitschaft der Wirtschaft, mit den Hochschulen zusammenarbeiten zu wollen. Konkret kritisierten die Wirtschaftsvertreter bei der Vorstellung ihres gemeinsamen Jahresberichts am Dienstag, dass Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse auf diese Weise von Anfang an für jeden zugänglich gemacht würden. Es bestehe daher die Gefahr, dass die Drittmitteleinnahmen der Hochschulen erheblich zurückgehen könnten. „Gerade im Wissenstransfer hat Bremen seit vielen Jahren einen Vorsprung“, sagte Handelskammer-Präses Christoph Weiss.

Auch Hans-Christoph Seewald, Präsident der IHK Bremerhaven, erwartet ein „ganz großes Problem für die Hochschullandschaft“. „Die Drittmitteleinwerbung wird nicht mehr funktionieren, wenn nicht sichergestellt wird, dass Forschung im Geheimen abgewickelt wird.“

In Niedersachsen ist man schon einen Schritt weiter. „Wir haben Zielvereinbarungen mit den Hochschulen geschlossen, die sicherstellen, dass Drittmittel und deren Verwendung gemeldet werden müssen. Die Transparenz zu stärken, ist unser Ziel“, so Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne), Ministerin für Wissenschaft und Kultur

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