Bremen

Dolmetschen beim Arzt ist eine Notlösung

Der Besuch beim Arzt kann für Flüchtlinge zur Herausforderung werden. Anwer Masarwa ist arabischsprachiger Hausarzt in Bremen. Daneben sieht er sich vor allem als Ansprechpartner für Geflüchtete.
23.07.2017, 20:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Antonia Schaefer
Dolmetschen beim Arzt ist eine Notlösung

Anwer Masawar – der Mediziner lebt sich gerade in Bremen ein.

Frank Thomas Koch

Anwer Masarwa ist ein Mensch mit herzlichem Lächeln und besorgtem Blick. In Bremen lebt er sich gerade ein, die Praxis des Arztes liegt an der Berliner Freiheit in der Vahr. Erst im April ist er aus Plön gekommen – wegen eines Hilferufs. Ein befreundeter Bremer Zahnarzt habe ihn angerufen, erzählt Anwar Masarwa.

„Er sagte mir, man brauche mich hier als arabischsprachigen Hausarzt.“ Masarwa folgt dem Aufruf seines Freundes und bekommt die Niederlassung ohne Komplikationen. Sein Vorgänger habe händeringend nach einem Nachfolger gesucht. „Ich war der einzige Bewerber, es gibt momentan extremen Ärztemangel“, sagt Masarwa.

So fehlen auch Ärzte, die sich mit nicht deutschsprachigen Zuwanderern verständigen können. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB) gibt es im Land Bremen lediglich vier Hausarztpraxen, die arabische Sprachkenntnisse angeben. Das sieht Masarwa gerade in Hinblick auf Flüchtlinge als Problem.

Gefühl der Erleichterung

„Die Patienten brauchen jemanden, der sie versteht“, erklärt der Allgemeinmediziner. Immer wieder habe er erlebt, wie erleichtert Flüchtlinge seien, wenn er sie in ihrer Sprache anspreche. Anwer Masarwa kann dieses Gefühl der Erleichterung gut nachvollziehen.

Der in Israel geborene Palästinenser kam 1989 nach Deutschland und musste zunächst die Sprache lernen, bevor er in Kiel ein Medizinstudium beginnen konnte. Wie groß die Nachfrage für arabischsprachige Ärzte ist, hatte er schon in seiner Praxis in Plön erfahren. „Die Leute kamen kilometerweit angereist.“

Aus seiner Sicht ist es eher eine Notlösung, wenn Flüchtlinge mit Dolmetschern zum Arzt kommen. Dolmetscher würden medizinische Fachausdrücke oft nicht begreifen, so seine Erfahrung. Deshalb hätten die Patienten ihre Beschwerden nicht verstanden. „Wenn jemand für die Patienten dolmetscht, muss er ein bisschen was von Medizin verstehen, aber das kommt leider selten vor.“

Gesundheitsbetreuung für Flüchtlinge ist positiv

Bei Performa Nord, einem Eigenbetrieb des Landes, über den das Gesundheitsamt Sprachmittler fürs Dolmetschen und Übersetzen in Flüchtlingsangelegenheiten anfordert, sieht man das anders: Die Sprachmittler seien Ehrenamtliche, die auch in ihrem Vokabular mit ihren Erfahrungen reifen würden, betont Insa Stütze von Performa Nord.

„Wir sagen ihnen, sie sollen sich fremde Begriffe so genau erklären lassen, dass sie wissen, was es bedeutet.“ Dann würden es auch die Flüchtlinge verstehen. Bisher habe es von Sprachmittlern jedenfalls keine negativen Rückmeldungen aufgrund von Übersetzungsproblemen gegeben.

Grundsätzlich bewertet Masarwa die Gesundheitsbetreuung für Flüchtlinge in Bremen aber positiv. Anders als etwa in Schleswig-Holstein bekommen Flüchtlinge hier eine Versichertenkarte der AOK. „Das erspart so viel bürokratischen Aufwand“, erläutert Masarwa.

Manche brauchen einen Psychiater

Die Erleichterung ist ihm anzusehen. In Plön habe er nur akute Beschwerden behandeln dürfen die Geflüchteten hätten sich dazu extra eine Bestätigung von der Behörde holen müssen. Bundesweit nimmt er die psychiatrische Betreuung der Flüchtlinge als größtes Problem wahr.

Starre Blicke, Schweigen, keiner lacht – das hätten sie alle gemeinsam. „90 Prozent der Flüchtlinge, die ich untersuche sind traumatisiert. Ich versuche als ihr Hausarzt, sie so weit es geht zu unterstützen, aber manche brauchen einen Psychiater. Ich bin kein Psychiater!“

Als Hausarzt sieht sich Masarwa aber gleichzeitig als Ansprechpartner seiner Patienten. Er hört sich ihre Geschichten an, kennt häufig das ganze Umfeld. Obwohl der Großteil seiner Patienten aus Deutschland stammt, bleiben ihm häufig die traurigen Geschichten der Flüchtlinge in Erinnerung.

Mut für die Zukunft

„Wie man sie ausgebeutet hat, als sie aus ihrem Land geflohen sind. Diese Schlepper – das muss eine extreme Mafia sein“, sagt er. Die Körper zeigten häufig Spuren von Folter: Narben oder Male von Stromschlägen. Anwer Masarwa hofft, dass er seinen Patienten für die Zukunft ein bisschen Mut machen kann.

Er wünscht sich außerdem, dass sich die Wahrnehmung von Flüchtlingen grundlegend ändert. „Was man über diese Leute erzählt, auch in den Medien, dass sie nach Deutschland kommen um umsonst bequem zu leben, das ist einfach falsch.“ Jeden Tag erzählten ihm seine Patienten, sie seien geflohen, um ihren Kindern eine Zukunft ohne Krieg zu ermöglichen.

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