Drehbrücke in Bremerhaven abgerissen

Millimeterarbeit am Stahlkoloss

Fast 2000 Mal im Jahr hat sich die Brücke am Bremerhavener Nordhafen gedreht. Dann rissen Gründonnerstag ein Stahlgurt und weitere Teile. Jetzt ist sie nach 90 Jahren abgebaut worden. Der Hafen hat ein Problem.
11.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Millimeterarbeit am Stahlkoloss
Von Marc Hagedorn
Millimeterarbeit am Stahlkoloss

Da fährt sie dahin: Die Drehbrücke aus dem Überseehafen in Bremerhaven auf ihrer letzten Reise, bevor sie abgewrackt wird.

Frank Thomas Koch

Seit gut vier Stunden arbeiten die Männer an diesem Morgen schon wieder, dabei ist es noch nicht einmal elf Uhr. Freitagnacht war erst um 23 Uhr Schluss. Ganz langsam geht es nun voran. Millimeter für Millimeter. Jetzt kommt der „kritische Moment“, wie Thorben Kolk es ausdrückt. Jetzt entscheidet sich, ob gleich alles ganz schnell gehen kann oder ob neu berechnet, neu justiert, neu angefangen werden muss.

Kolk arbeitet für die BLG als sogenannter Director Operation. Er gehört als einer der Verantwortlichen zu einem Team, das seit ein paar Tagen einen ganz besonderen Auftrag auszuführen hat. Die Drehbrücke im Bremerhavener Überseehafen ist kaputt. Totalschaden. Nachdem sie über 90 Jahre lang ihren Dienst getan hat, muss sie jetzt weg. Sie steht im Weg. Weil sie sich nicht mehr drehen kann, blockiert sie den nördlichen Zugang zu den Kaiserhäfen. Bis zu 2000 Mal dreht sie sich sonst pro Jahr. Erst im Januar hatte der TÜV Rheinland sie für ein weiteres Jahr freigegeben.

„Sozusagen unser Suezkanal“

Ein paar Meter entfernt von Kolk steht Robert Howe. Er ist der Chef von Bremenports. Das Unternehmen managt Bremens Häfen. Hinter Howe liegen aufreibende Tage. Auch er beobachtet genau, was als Nächstes passiert. Neun Tage ist es her, dass er mit seiner Familie am Abendbrottisch gesessen hat und die Nachricht bekam, dass die Drehbrücke beschädigt ist. „,Alles klar‘, habe ich da gedacht“, erzählt er jetzt, „noch schnell zu Ende essen, danach ist Ausnahmezustand.“ Denn weil parallel die Kaiserschleuse wegen geplanter Reparaturarbeiten zu der Zeit nicht befahrbar war, war der Kaiserhafen nicht mehr erreichbar. „Sozusagen unser Suezkanal“, sagt Howe, „wenn auch natürlich in etwas kleineren Dimensionen.“

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Für die Hafenmanager, Reedereien und ansässigen Firmen im Hafengebiet ein Super-GAU. Denn der Kaiserhafen ist die Drehscheibe für den Autoumschlag in Bremerhaven. So wie der Riesenfrachter Ever Given mit seiner Havarie den Schiffsverkehr im Suezkanal lahmgelegt hatte und weltweit Lieferketten unterbrach, sorgte auch die Kombination aus Schleusenreparatur und Drehbrücken-Schaden in Bremerhaven dafür, dass Firmen aus dem In- und Ausland plötzlich nicht mehr wussten, wie es nun weitergeht. Kein Schiff konnte mehr raus, keines mehr rein. „Da zählt jede Stunde“, sagt Howe. Nichts mit ruhigen Feiertagen, stattdessen Nachtschichten für alle Teams.

Der allergrößte Zeitdruck ist inzwischen raus, weil die Kaiserschleuse seit ein paar Tagen provisorisch wieder arbeitet und der Kaiserhafen damit erreichbar ist. Zeit zu verschenken haben aber auch die 40 Männer nicht, die an diesem Sonnabendvormittag an der Drehbrücke im Einsatz sind. Seit Tagen arbeiten sie hier unermüdlich. Männer steigen in Förderkörbe, lassen sich von zwei Kränen nach oben ziehen, flexen und zerschneiden Stahl mit schwerem Gerät.

160 Meter lang

160 Meter lang ist die Drehbrücke, sie soll in zwei Teile zerlegt werden. Das größere Stück, direkt über dem Wasser, soll mit einem Spezialschiff zur ABC-Halbinsel im Hafen transportiert und dort abgewrackt werden. Das ist jetzt die Aufgabe. Dafür ist nicht viel Platz hier draußen im nördlichen Bereich des Überseehafens. Das macht die Herausforderung umso größer. Millimeterarbeit ist gefordert, filigranes Hantieren mit einem tonnenschweren Koloss.

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Geschätzte 900 Tonnen Stahl müssen auf engstem Raum bewegt werden. Das geht nur mit ganz besonderen Maschinen, und so sind die BHV Innovation, eine fast 100 Meter lange und 32 Meter breite Schwimmplattform, sowie zwei sogenannte SPMTs, Self-Propelled Modular Transporter, die eigentlichen Hauptdarsteller an diesem Vormittag. Den Schaulustigen, rund 40 bis 50 haben sich eingefunden, wird ein beeindruckendes Zusammenspiel von Mensch und Maschine geboten.

36 Räder auf der Schwimmplattform

Die beiden SPMTs kann man sich wie Tausendfüßler vorstellen, nur mit je 36 Rädern statt 1000 Füßen. Sie stehen auf dem Deck der Schwimmplattform, werden über Funk gesteuert und können hoch- und wieder runtergefahren werden. Die Räder können sich auf der Stelle drehen und ermöglichen so das Rangieren in alle Richtungen. „Ein kleines Wunderwerk der Technik“, sagt BLG-Mann Kolk.

Mehrere Firmen sind am Abriss der Brücke beteiligt, sie alle und die komplette Technik kommen aus Bremerhaven. Die BLG stellt die Tausendfüßler, das Unternehmen BVT die Schwimmplattform. „Man kennt sich“, sagt Kolk. Sonst transportieren die Maschinen Schiffsteile oder Komponenten von Windkraftanlagen.

„Hat super geklappt“

Jetzt tragen die Tausendfüßler die Stahlbrücke. Eine Drehung auf der Plattform noch, das ist der „kritische Moment“, den Kolk meint. Dann ist alles für den Abtransport in Position. Die Räder der Tausendfüßler bewegen sich, sieht gut aus, die Plattform liegt stabil im Hafenwasser. Kolk ist zufrieden. „Hat super geklappt.“ Danach geht alles ganz schnell. Die BHV Innovation macht sich mit ihrer historischen Fracht auf den Weg zur ABC-Halbinsel. Ein letzter Blick noch hinterher, dann ist sie im Hafenlabyrinth verschwunden.

Info

Zur Sache

So geht’s weiter

Der Drehkranz und der Rest der Brücke, der noch an Land steht, werden vor Ort abgewrackt. Der Altstahl wird verkauft. Die Preise sind gut im Moment. Das trifft sich, denn Abriss und Abtransport dürften eine hohe sechsstellige Summe kosten. Geklärt wird zurzeit, wann und wie die Brücke ersetzt werden soll. Vermutlich wird es eine provisorische Lösung geben, damit wenigstens LKW die Columbusinsel wieder auf kürzestem Weg anfahren können. Im Moment müssen sie einen kilometerlangen Umweg durch die Stadt nehmen und mehrmals durch den Zoll. Über die alte Drehbrücke führten auch zwei Gleise. Schienenverkehr wird in den nächsten Jahren aber nicht mehr möglich sein wird. Für die ansässigen Unternehmen ein Schlag.

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