Gastwirt wendet sich an Bremer Innenbehörde

Drogenhandel und Straßenpartys: Hilferuf aus dem Viertel

Aus Angst und großer Sorge hat sich ein Gastronom aus dem Viertel an die Innenbehörde und den Bürgermeister gewandt: Er beschwert sich über Junkies, Dealer und ausufernde Partys.
07.09.2020, 05:00
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Drogenhandel und Straßenpartys: Hilferuf aus dem Viertel
Von Pascal Faltermann

Drogenhandel, Straßenpartys, Autoposer – alles ohne Abstand und Regeln. Ein Zustand im Bremer Viertel, über den viel diskutiert, oft gestritten und mehrfach gesprochen wurde. Die Debatte über die Sicherheit im Viertel wird seit Jahren, seit Jahrzehnten geführt. Nun ruft der Gastronom Tam Jooshani um Hilfe. Mit einem Schreiben an Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und die Innenbehörde bittet der Wirt um Schutz und Sicherheit. Seit mehr als 20 Jahren betreibt er ein Café im Steintor mit 33 Angestellten. „In letzter Zeit hat sich im Steintor durch die Corona-Pandemie vieles verändert, sodass man sich nicht nur um seine Existenz, sondern auch um sein Leben Gedanken machen muss“, schreibt Jooshani. Sorge bereiten ihm der Drogenhandel, die Dealer und deren Kundschaft. „Wir können die Drogenkriminalität derzeit nicht so konsequent verfolgen, wie wir es uns wünschen würden“, sagt Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Innenressorts. Die Einsatzkräfte der Polizei seien stark ausgelastet und auch anders eingebunden.

Mit der Dunkelheit lege sich ein Schatten über den Stadtteil, sagt Jooshani, der aus Angst vor Repressalien den Namen seines Ladens nicht nennen will, der der Redaktion aber bekannt ist. Vor ein paar Tagen habe er zuletzt die Polizei gerufen, weil sich seine Gäste im Außenbereich nicht mehr wohl fühlten. „Es wird gefeiert, Drogen konsumiert, eng zusammen gestanden und durch das Verzehren von Speisen und Getränken der Müll direkt vor meiner Gastronomie entsorgt“, sagt der Gastwirt. Die Polizei habe ihm geantwortet, dass sie nichts tun könne, solange nichts passiere. An einem anderen Abend seien ihm Tische und Stühle geklaut worden – „das tut richtig weh in der derzeitigen Situation“. Durch die Corona-Krise hatte sein Café zwei Monate geschlossen, jetzt haben durch die Abstandsregeln weniger Gäste Platz.

Jooshani möchte gehört werden

Jooshani greift in seinem Schreiben und im Gespräch mit dem WESER-KURIER weder die Polizei noch die Behörde direkt an. Er wünscht sich vielmehr, dass seine Stimme gehört wird, dass die Ängste nachvollzogen werden können, dass sich in naher Zukunft etwas ändert, damit er sich wieder in Ruhe um sein Geschäft kümmern kann und sich „keine Sorgen um seine Familie machen brauche, ob sie sicher nach Hause komme“.

„Die Präsenz der Drogendealer ist hinlänglich bekannt, das Thema ist bei Politik und Polizei hinterlegt“, sagt Sparkassen-Sprecherin Nicola Oppermann. Für die Bank Vor dem Steintor habe das Unternehmen allerdings keine „signifikant erhöhten Fallzahlen“ an Beschwerden erhalten. In unregelmäßigen Abständen sei die Polizei in der Filiale vor Ort, um sich die aktuelle Situation anzusehen. „Nachhaltige Änderungen sind leider nicht von Dauer. Sowohl für unsere Kundinnen und Kunden als auch unsere Mitarbeitenden ist die Situation des Öfteren nur schwer zu ertragen“, sagt Oppermann. Hinzu komme in der kalten Jahreszeit, dass Menschen, die kein Zuhause haben, sich in den Foyers der Sparkassen aufwärmen und dort dann auch schlafen. Auch diese Situation sei bekannt, könne aber auch immer nur situativ und aktuell behandelt werden.

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Die Bremer Straßenbahn AG weiß um die Situation an der Haltestelle Sielwall. Allerdings sind bei dem kommunalen Verkehrsunternehmen in den beiden vergangenen Jahren keinerlei Beschwerden aufgelaufen, was die Sicherheit oder die Sauberkeit an der Station betrifft, sagt BSAG-Sprecher Andreas Holling. Das sei vielmehr am Dobben oder am Hauptbahnhof der Fall.

Waren es 2016 und 2017 die Antanzdiebstähle, die zunahmen, stritten im Jahr 2015 Anwohner, Gastwirte und Clubbetreiber über zu viel Lärm. In dieser Gemengelage ist der Drogenhandel immer ein Thema. „Wir erhalten diverse Schreiben von Betroffenen und Anwohnern“, sagt Innenressortsprecherin Gerdts-Schiffler. Der Brief von Herrn Jooshani werde sehr ernst genommen und bearbeitet, heißt es aus der Behörde. Gerade erst habe es wegen der zahlreichen Themen – Müll, Verkehr, Partyvolk und Lärm – ein Treffen mit Ortsamt, Politik, Gastronomen und Anwohnern gegeben.

Polizei verzeichnet keine Zunahme des Drogenhandels

„Im Bereich der Straße Vor dem Steintor, vom Kreuzungsbereich Am Dobben bis zum Ziegenmarkt findet insbesondere in den Abendstunden Betäubungsmittelhandel durch Straßenhändler statt“, sagt Polizeisprecher Bastian Demann. Eine Zunahme der Betäubungsmitteldelikte sei „aktuell jedoch nicht zu verzeichnen“.

Die genannten Probleme haben laut Polizei Einfluss auf die subjektive Sicherheit der Anwohner und Geschäftsleute. Schon mit Beginn der Corona-Pandemie habe es vermehrt Kontrollen, häufig mit dem Ordnungsamt im Stadtgebiet, sowie im Viertel gegeben. „Zusätzlich wurden verdeckte Maßnahmen durchgeführt, die jedoch für die Öffentlichkeit regelmäßig nicht wahrnehmbar sind“, sagt Sprecher Demann. Die Polizei werde die angesprochenen Maßnahmen weiterhin durchführen und lageangepasst intensivieren, um das Sicherheitsgefühl zu stärken.

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