Abriss oder Sanierung?

Drohender Komplettabriss der Schlichthäuser am Sacksdamm

Am Sacksdamm/Alte Landwehr droht der Komplettabriss der sogenannten Schlichthäuser. Die Eigentümerin plant den Neubau von 85 Wohnungen. Die Bewohner allerdings wollen bleiben und diskutierten mit den Ortspolitikern über alternative Lösungen.
06.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Hasemann
Drohender Komplettabriss der Schlichthäuser am Sacksdamm

Von außen beinah idyllisch, aber innen ohne Zentralheizung und manchmal auch ohne Warmwasser oder Bad: die Schlichthäuser am Sacksdamm in Sebaldsbrück.

Petra Stubbe

Am Sacksdamm/Alte Landwehr droht der Komplettabriss der sogenannten Schlichthäuser. Die Eigentümerin plant den Neubau von 85 Wohnungen. Die Bewohner allerdings wollen bleiben und diskutierten mit den Ortspolitikern über alternative Lösungen.

Die Sonne scheint, Katzen streichen um die Beine, ein Hund liegt im Schatten und Kinderstimmen dringen durch die kleinen Gärten. Auf Bänken unter einem Pavillonzelt sitzen Menschen und unterhalten sich – fast hat es den Anschein, als ob die Nachbarschaft am Sacksdamm den ersten warmen Maitag zum Grillen nutzt. Tatsächlich aber tagt der Projektausschuss Stadtteilentwicklung Hemelingen hier öffentlich. So friedlich das Szenario anmutet, so ernst ist das Thema: Es geht um nichts weniger als das Fortbestehen der Nachbarschaft Am Sacksdamm/Alte Landwehr.

Eigentümer der sanierungsbedürftigen Gebäude ist mittlerweile die Vonovia AG, ein Zusammenschluss der Deutschen Annington und der Gagfah, börsennotiert mit einem Volumen von 21 Milliarden Euro und Besitzer/Verwalter von 350 000 Wohnungen bundesweit. Allein in Bremen sind es 11 000 Wohnungen, darunter auch der Bestand der ehemaligen Bremischen Gesellschaft für Stadterneuerung und Wohnungsbau, kurz Bremische, zu der die Schlichthäuser am Sacksdamm gehören.

Simone Helber wohnt seit 16 Jahren am Sacksdamm.

Simone Helber wohnt seit 16 Jahren am Sacksdamm.

Foto: Petra Stubbe

Leerstand und Gerüchte

Während die Vonovia andere Gebäude sanieren lässt, tut sich am Sacksdamm bisher nichts. Vielmehr machen Gerüchte die Runde, dass das Gebiet neu bebaut werden soll. Ein Bewohner: „Uns wurde gesagt, dass hier alles bis Ende des Jahres abgerissen werden wird.“ Dazu passt, dass leer stehende Wohnungen nicht mehr weiter vermittelt werden. Am Sacksdamm herrscht deswegen großer Leerstand – und das bei einem ausgewiesenen Wohnungsmangel in Bremen. „Dabei gibt es immer wieder Interessenten, die wir an den Vermieter vermittelt haben, aber dort wurde ihnen gesagt, dass sie hier keine Wohnung bekommen können“, berichtet Anwohnerin Simone Helber.

Für die noch am Sacksdamm lebenden Bewohner ist die Sache klar: Sie wollen unbedingt dort bleiben und sprechen sich für eine einfache Sanierung aus – die Wohnungen besitzen derzeit keine Zentralheizungen, einige haben nicht mal ein Badezimmer oder Warmwasser. „Wir wollen keine goldenen Wasserhähne“, macht Simone Helber deutlich. Sie wohnt seit 16 Jahren mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern am Sacksdamm. Sie schätzt vor allem das Miteinander in der Nachbarschaft. Sie und ihr Mann sind überzeugt, sonst keine so große Wohnung zu finden, die für sie bezahlbar ist.

Mit einem Ofen beheizt Familie Helber ihre ganze Wohnung.

Mit einem Ofen beheizt Familie Helber ihre ganze Wohnung.

Foto: Petra Stubbe

In Walle hat die Vonovia die Bewohner der Schlichtwohnungen in der Holsteiner Straße zu Gesprächen eingeladen, um zu erörtern, wie bestehende Mietverträge aufgelöst werden können. Einladungen zu Gesprächen sind auch Am Sacksdamm eingegangen, berichten Anwohner, denen eine deutliche Verunsicherung anzumerken ist – zumal Ankündigungen aus der Vergangenheit keine Taten folgten. 2008 war es der ehemalige Bausenator Loske, der mit großem Gefolge Einzug hielt und auch Studierende der Hochschule für Architektur hatten 2012 Ideen entwickelt – geschehen ist allerdings nichts.

Auf Nachfrage bestätigt der Pressesprecher der Vonovia die Einladungen an die Bewohner und die Pläne zum Komplettabriss in Sebaldsbrück. Eine Sanierung sei nicht möglich und wirtschaftlich nicht sinnvoll. Geplant sei ein Neubau von Mehrfamilienhäusern mit circa 85 Wohneinheiten bis 2017/2018 nach dem Bremer Modell, das heißt, mit einem Anteil von 25 Prozent gefördertem Wohnraum. Man wolle mit den Mietern in einen offenen Dialog treten. Die Vonovia sehe sich nach geeigneten Kooperationspartnern um, wenn sie selbst „keinen adäquaten Wohnraum“ für die Mieter anbieten könne.

Allerdings: So lange die bisherigen Bewohner einen Mietvertrag besitzen, können die Häuser nicht abgerissen werden. Vertreter des Stadtteilausschusses und des Aktionsbündnisses Menschenrecht auf Wohnen raten den Mietern am Sacksdamm daher, sich einen Rechtsanwalt zu nehmen. Bertold Reetz von der Inneren Mission und Mitglied im Aktionsbündnis: „Ein Vertrag ist ein Vertrag, da kann man nicht einfach sagen, dass abgerissen wird. Wenn sie gewillt sind, hier wohnen zu bleiben, dann ist es sinnvoll, sich rechtlich beraten zu lassen.“ Er plädiert dafür, dass eine städtische Wohnungsbaugesellschaft die Häuser aufkauft und saniert, und kündigt an, dass die Innere Mission die Bewohner bei der Suche nach einem Anwalt unterstützen wird.

Behörde will Bebauungsplan

Außerdem gebe es kein existierendes Baurecht für das Gebiet, berichtet Dennis Lakemann, Stadtplaner beim Senator für Bau und Verkehr. „Wir tun uns schwer damit, dass die Vonovia Tabularasa machen will, ohne dass ein neuer Bebauungsplan existiert.“ Der Behörde sei daran gelegen, das Gebiet mit rechtlichen Bestimmungen zu versehen. Mit einem neuen Baurecht käme auch wieder das übliche Beteiligungsrecht der Beiräte und des Ortsamts ins Spiel, erklärt Ortsamtsleiter Jörn Hermening.

Bewohner, Ortspolitiker und Ortsamtsleiter Jörn Hermening (links) diskutieren über die Zukunft der Schlichthäuser.

Bewohner, Ortspolitiker und Ortsamtsleiter Jörn Hermening (links) diskutieren über die Zukunft der Schlichthäuser.

Foto: Petra Stubbe

Die Frage dreht sich letztlich auch darum, wie sinnvoll eine Sanierung der 1926 errichteten Häuser ist, an denen die Farbe abblättert und der Putz abbröckelt. Ralf Bohr (Grüne) gibt zu bedenken: „Es reicht nicht, hier neue Heizungen einzubauen, wenn es dann zum Fenster wieder rauszieht.“ Er regt an, mit der Vonovia, den Bewohnern und dem Beirat eine gemeinschaftliche Lösung zu erarbeiten. Gerhard-Wilhelm Scherer (CDU), selber Architekt, meint: „Man muss schauen, ob es sinnvoll ist, zu sanieren. Auf jeden Fall müssen Möglichkeiten erarbeitet werden, wie in einer Sanierungs- oder Neubauphase die Menschen hier wohnen bleiben können.“

Martin Bräuling, der seit 15 Jahren im Sacksdamm lebt, hat dort seinen Frieden gefunden und möchte bleiben. „Es gibt ja keine gleichwertigen Alternativen. Wenn ich von der Arbeit komme, kann ich die Seele baumeln lassen und komme zur Ruhe.“ Dies sei ihm woanders nicht möglich.

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