Empathie-Projektes an Oberschule

Durch Babys Mitgefühl lernen

Fünftklässler der Gerhard-Rohlfs-Oberschule haben an einem Projekt zur Stärkung ihrer Empathie-Fähigkeit teilgenommen. Der Test verlief erfolgversprechend. Jetzt soll das Projekt an der Schule fortgeführt werden.
03.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von DORIS FRIEDRICHS
Durch Babys Mitgefühl lernen

Das Baby wirkt. Da würden selbst die größten Rabauken zu Lämmern, sagt Jacqueline Genssler.

ARMIN WEIGEL, dpa

„An unserer Schule wollen wir einen respektvollen und wertschätzenden Umgang aller Beteiligten gewährleisten“ lautet einer der Grundsätze des Leitbildes der Gerhard-Rohlfs-Oberschule. Was würde da besser passen, als das internationale Projekt „Roots of Empathy“ an die Schule zu holen? Dessen Ziel ist es, Schüler in ihrer Empathie-Fähigkeit zu stärken. Und das auf ungewöhnliche Weise: mit einer Mutter und ihrem Baby im Mittelpunkt.

Ein Jahr lang haben Fünftklässler der Gerhard-Rohlfs-Oberschule an dem Schulprogramm teilgenommen – wofür sie jüngst ein Zertifikat erhielten. „Wir wissen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, die das Projekt begleiten, dass es sehr viel bringt“, sagt Uwe Schmieta, Ganztagskoordinator der Schule. „Die Kinder sind viel aufmerksamer in der Stunde, und es gibt einzelne Situationen, da merken wir, dass sie hinterher ein verändertes Verhalten zeigen. Und auch ein anderes Verständnis.“

Auch Skeptiker überzeugt

Das erste Jahr sei ein Testjahr gewesen, ob das Programm, das in Bremen-Nord auch an der Oberschule an der Lehmhorster Straße zum Einsatz kommt, zur Schule passe. Schmieta musste nach eigenen Worten viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sich die Kollegen darauf einlassen. „Jetzt habe ich gehört, dass sich auch die Skeptiker davon haben überzeugen lassen.“ So soll das Programm auch im kommenden Schuljahr fortgeführt werden, wieder mit dem fünften Jahrgang und seinen insgesamt vier Klassen. Die Schüler kämen aus verschiedenen Grundschulen zusammen und da sei es wichtig, so früh wie möglich mit dem Programm zu starten, sagt Schmieta.

Im Fokus der jeweiligen Unterrichtsstunde steht eine Mutter mit ihrem Baby, das auf einer grünen Decke liegt, umringt von den Schülern. „Wenn die Decke ausgelegt wird, geht die Mutter erst einmal mit dem Baby herum und bleibt circa drei Sekunden vor jedem Kind stehen“, erzählt Jacqueline Genssler, lokale Koordinatorin des 1996 initiierten Projektes. „Es ist faszinierend zu sehen, wie das Baby der Hebel zu allem ist.“ Das Halten des Neugeborenen sei nicht von Anfang an erlaubt. Das würden die Kinder zunächst anhand einer Puppe lernen. Über das Baby entwickelten sich dann die Gefühle. Bei den Schülern soll das Programm nachweislich zu einer deutlichen Abnahme von Aggressionen und Mobbing geführt haben und gleichzeitig ihre sozial-emotionale Kompetenz sowie Empathie gesteigert haben.

"Empathie nicht erlernbar"

„Empathie kann nicht gelernt werden, sie wird empfangen. Das erreichen wir mit der Mutter mit ihrem Baby“, weiß Jacqueline Genssler. Da würden selbst die größten Rabauken zu Lämmern. Die Mütter seien mit großer Freude beteiligt, wenn sie sehen, wie sie und ihr Kind geliebt werden. „Die Schüler warten schon auf das Baby vor der Schule“, fährt Genssler fort. „Und sie überlegen, was es braucht, wenn es nicht gut drauf ist.“ Außerdem nähmen die Mütter auch viel für sich selbst mit aus den Schulbesuchen.

Am Ende des Projektes schreiben die Kinder nieder, was ihnen am meisten gefallen hat. So sei es für manche das Schönste, wenn das Baby gelächelt oder sich das erste Mal gedreht hat, berichtet Genssler. „Die Stunden sind dazu da zu reflektieren. Erst wenn man zu sich selbst findet, kann man Empathie für andere empfinden.“

Jetzt werden für das kommende Schuljahr wieder Mütter oder Eltern aus dem Stadtteil mit Säuglingen gesucht. Die Besuche sind etwa 30 Minuten lang und finden ab Oktober einmal im Monat statt. Die Babys sollten im Oktober zwischen zwei und vier Monate alt sein. Gesucht werden außerdem ehrenamtliche Mitarbeiter, die als Trainer für „Roots of Empathy“ tätig sein möchten und sich für zwei Jahre verpflichten können. Vor der Arbeit im Klassenzimmer erhalten die Trainer ein intensives dreitägiges Training. Das Programm wird durch den Trainer in 27 Unterrichtsstunden während des Schuljahres vermittelt. Die Trainer begleiten die Besuche der Mütter mit ihren Babys und bereiten darüber hinaus die Stunden vor und nach. Die aktuell jüngste Trainerin ist laut Genssler 24, die älteste über 70 Jahre. Jeder sei willkommen, sich zu bewerben, Erfahrung bei der Entwicklung von Kindern oder Kleinkindern, Elternschaft oder das Unterrichten von Kindern in einer Klasse seien aber von Vorteil.

Meike Wunram, eine der Trainerinnen im ersten Jahr, kann die Teilnahme nur empfehlen. Sie habe keine bestimmten Erwartungen an ihre Arbeit in der Klasse gehabt. Die allgemeine Resonanz und die Stimmung seien aber toll gewesen.

Weitere Informationen bei Jacqueline Genssler unter 0171-7 75 09 95 oder per Mail unter jgenssler@rootsofempathy.org.

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