Nils Pickert von der Organisation Pinkstinks sprach bei Belladonna über Sexismus in der Werbung

Echte Rennfahrer und süße Mäuschen

Ostertor. Das Thema hat den Nerv getroffen: „Sexismus ist nicht sexy: Frauenfeindliche Rollenbilder in der Werbung“ war der Titel des Vortrags von Nils Pickert. Der Mitarbeiter der Anti-Sexismus Organisation Pinkstinks (wörtlich auf deutsch: „Rosa stinkt“) sprach bei Belladonna in der Sonnenstraße über ein lange in den Hintergrund geratenes und nun wieder aktuelles Thema.
01.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christian Hasemann

Das Thema hat den Nerv getroffen: „Sexismus ist nicht sexy: Frauenfeindliche Rollenbilder in der Werbung“ war der Titel des Vortrags von Nils Pickert. Der Mitarbeiter der Anti-Sexismus Organisation Pinkstinks (wörtlich auf deutsch: „Rosa stinkt“) sprach bei Belladonna in der Sonnenstraße über ein lange in den Hintergrund geratenes und nun wieder aktuelles Thema. Auffallend viele junge Leute saßen im Publikum.

Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln haben Sexismus auf einen Schlag zurück in den gesellschaftlichen Diskurs geholt. Allerdings sollten die Geschehnisse nicht Gegenstand dieses Abends werden, wie Maren Bock, die Geschäftsführerin von Belladonna, betonte. „Wir haben die Veranstaltung im August geplant. Nun ist es sehr aktuell geworden, aber sexualisierte Gewalt und Sexismus gab es schon vor der Silvesternacht.“

Nils Pickert vertrat die Vorstandsvorsitzende von Pinkstinks Deutschland, Stevie Schmiedel, und führte die Zuhörerinnen und Zuhörer in einem sehr anschaulichen Vortrag durch die sexistischen Abgründe deutscher und internationaler Werbung. Bei einigen Bildern, die er zeigte, lachten manche ob der Absurdität des Gezeigten bitter auf, bei vielen Bildern aber blieb einem das Lachen im Hals stecken.

Dabei ging es nicht nur darum, dass der weibliche Körper zum Objekt wird, sondern auch – viel subtiler – um Rollenzuschreibungen und -limitierungen, wie es Nils Pickert ausdrückte. „Das geht schon in der Schwangerschaft los und beginnt direkt nach der Geburt zum Beispiel mit Schnullern.“ Ein Bild zeigte einen blauen und einen rosa Schnuller mit der Aufschrift „Drama-Queen“. Die Zuweisung von Eigenschaften setze sich im Kleinkindalter fort, sagte Pickert und veranschaulichte dies mit Spielzeugsets für Mädchen und Jungen: Schminkkoffer in Rosa für Mädchen, ein Laptop für den Jungen, Kindermöbel für „echte Rennfahrer“ und für „süße Mäuschen“. „,Echt‘ spielt eine zentrale Rolle in der Werbung und der Geschlechterdifferenzierung“, sagte Nils Pickert. „Es verspricht: Wenn du das kaufst, bist du ein echter Mann, ein echter Junge.“ Umso erschreckender: Keine Werbung an diesem Abend war älter als sechs Jahre.

„Die Welten der Mädchen und Jungen werden auf diese Weise in der Werbung getrennt“, sagte Nils Pickert. Den Frauen werde dabei weniger zugetraut und den Männern ein unrealistisches Männerbild vermittelt. Der schlichte Grund für die Trennung der Geschlechterwelten: „Es geht darum mehr zu verkaufen“, so Nils Pickert.

Dabei werden auch im 21. Jahrhundert alte Stereotype weiter transportiert. „Hier ein Bild einer großen Modekette.“ Darauf zu sehen: Ein Mädchen-T-Shirt mit der Aufschrift „In Mathe bin ich nur Deko“. Daran verdeutlichte Nils Pickert, welche Auswirkung solche Bilder und Zuschreibungen haben können. „Untersuchungen haben ergeben, dass Mädchen sich in ihren Matheleistungen nicht signifikant von Jungen unterscheiden.“ Sie schätzten sich aber schlechter ein. „Sie fühlen sich so, weil sie sich so fühlen sollen.“ Das T-Shirt sei von der Modekette nach Protesten unter anderem von Pinkstinks aus dem Sortiment genommen worden.

In seiner schlimmsten Form stellt sexistische Werbung fast gar keinen Bezug mehr zwischen Bild und Produkt her. „Frauen werden in solchen Bildern vollkommen entpersonalisiert und objektiviert und dienen letztlich nur noch als Halterung für das Produkt“, ságte Nils Pickert und verwies auf die Werbung eines Uhren- und Schmuckherstellers, die eine nackte Frau mit einer Uhr und ein wenig Schmuck zeigt.

„In letzter Konsequenz führt die Steigerung davon zu Gewalt“, sagte der Journalist, als es dann richtig geschmacklos und der Bogen zur Silvesternacht geschlagen wurde: eine Werbung, in der Polizisten zwei Frauen abtasten und in sexualisierte Posen zwingen, eine Werbung für einen Schuh, in der eine nackte Frau von Männern umringt auf den Boden liegt und dort festgehalten wird, und schließlich eine nackte, per Bildbearbeitung zerstückelte Frau, die an Fleischerhaken hängend als Werbung für ein Einzelhandelsgeschäft mit angeschlossener Metzgerei dient.

Pinkstinks kämpfe gegen solche Auswüchse in der Werbung, sagte Pickert. Gerade große Firmen mit einer gewissen Reputation ließen sich umstimmen. „Letztlich wünschen wir uns aber eine gesetzliche Regelung.“ Der Deutsche Werberat, der selbstregulierend dienen soll, habe sich nicht bewährt.

Mehr über Pinkstinks auf www.pinkstinks.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+