Bürgerpreis

„Ehrenamtlich engagierte Menschen sind Macher“

Mit insgesamt 10 000 Euro hat die Sparkasse Bremen am Montagabend sechs ehrenamtliche Projekte mit dem Bremer Bürgerpreis ausgezeichnet, der regionalen Variante des Deutschen Bürgerpreises.
23.10.2017, 22:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Frank Hethey
„Ehrenamtlich engagierte Menschen sind Macher“

Stellten ihre Projekte auf dem Podium vor, von links: Michael Vogel, Immo Wischhusen und Herman Roosloot.

Christina Kuhaupt

Vier Preise wurden in den Kategorien „Alltagshelden“ und „U 21“ verliehen, dazu erstmals zwei Sonderpreise im Bereich Kinder- und Jugendförderung. Die ausgezeichneten Projekte werden auf nationaler Ebene an der nächsten Runde teilnehmen. „Ehrenamtlich engagierte Menschen sind Macher“, erklärte Sparkassen-Vorstand Thomas Fürst im Finanzcentrum am Brill. „Sie regen an, sie packen an und sie finden Antworten auf gesellschaftliche Fragen.“

Ehrenamtliche seien überzeugt, dass man selbst die Zukunft eines Gemeinwesens mitgestalten könne und solle. Nach einer Erhebung von 2014 sind die Bremer und Bremerinnen als Ehrenamtliche besonders engagiert – 42,3 Prozent von ihnen helfen freiwillig, fast zwölf Prozentpunkte mehr als noch 2009. Seit 2003 wird der Deutsche Bürgerpreis verliehen, den Bremer Bürgerpreis als regionalen Wettbewerb gibt es seit 2006.

Das Motto in diesem Jahr lautete „Vorausschauend engagiert: real, digital, kommunal“. Mit 2300 Bewerbungen sowie Sach- und Geldpreisen in Höhe von rund 440.000 Euro ist der Deutsche Bürgerpreis laut Sparkasse der bundesweit größte und bedeutendste Ehrenamtspreis. In Bremen gingen insgesamt 21 Bewerbungen ein. Eine dreiköpfige Jury hatte die Qual der Wahl. Die Kategorie „Lebenswerk“ kam diesmal nicht zum Zuge.

Gelebte Inklusion

Um Kinder und Jugendliche mit Trisomie 21 („Down-Syndrom“) kümmert sich Gavin Kahle im Verein „21hoch3“. Sein Ziel: Er will Vorurteile abbauen und seinen Schützlingen zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen. „Die ticken manchmal anders“, sagt der 16-Jährige, „die sagen immer die Wahrheit.“

Deutscher Bürgerpreis 2017 - Sparkasse am Brill

Gavin Kahle

Foto: Christina Kuhaupt

Der Schüler aus Findorff kennt das Phänomen aus seiner eigenen Familie, sein zwei Jahre älterer Bruder ist betroffen. In die ehrenamtliche Arbeit ist Kahle quasi hineingewachsen, seine Mutter hat den Hilfsverein gegründet. Das freiwillige Engagement des Schülers war der Jury als „Beispiel für gelebte Inklusion“ eine mit 500 Euro dotierte Auszeichnung in der Kategorie „U 21“ wert.

Neue Perspektiven

Die Zeitschrift der Straße hat in der Kategorie „Alltagshelden“ mit 3500 Euro das höchste Preisgeld erhalten. Das Straßenmagazin wird von der Inneren Mission herausgegeben und von Obdachlosen verkauft. Hinter dem Projekt stehen Professor Michael Vogel von der Hochschule Bremerhaven und rund 1500 Mitstreiter, die das Projekt seit 2011 begleitet haben.

Deutscher Bürgerpreis 2017 - Sparkasse am Brill

Michael Vogel

Foto: Christina Kuhaupt

„Das Magazin ist ein Sozialprojekt für Wohnungslose und ein Lernprojekt für Studierende“, sagt der 50-Jährige. Das journalistisch anspruchsvolle Magazin will überraschende Perspektiven auf ausgewählte Straßen wie auch auf die wohnungslosen Verkäufer eröffnen. Das Vertriebsbüro in Bahnhofsnähe sieht Vogel auch als sozialen Treffpunkt.

Kurzer Weg für kleine Kinder

Einer der beiden mit je 750 Euro dotierten Sonderpreise zur Kinder- und Jugendförderung ging an die Kinderbibliothek im Viertel. Aktuell sind dort 15 bis 20 ehrenamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Darunter die pensionierte Grundschullehrerin Jutta Hecklau, die den Preis in Vertretung für Gründungsmitglied Christine Nass entgegennahm.

Die Kinderbibliothek entstand 1997 als Nachfolgeeinrichtung einer städtischen Bibliotheksfiliale. Der Ausleihbestand liegt bei rund 11.000 Medien. Genutzt wird die Einrichtung von etwa 500 Familien, Kindergärten und Schulklassen. „Für kleine Kinder wäre der Fußweg bis zur Stadtbibliothek am Wall zu weit“, sagt die ehrenamtliche Helferin Kirsten Viereck.

Eine Weserbucht als multifunktionaler Veranstaltungsort

Für sein Projekt „Die komplette Palette“ wurde der Rapper Immo Wischhusen in der Kategorie „Alltagshelden“ mit 3000 Euro bedacht. Dabei geht es um eine Bucht an der Weser in Hemelingen, die der 42-Jährige und rund 70 Freiwillige erstmals 2016 zu einem multifunktionalen Veranstaltungsort umgestalteten.

Deutscher Bürgerpreis 2017 - Sparkasse am Brill

Immo Wischhusen

Foto: Christina Kuhaupt

Aus alten Holzrahmen und Euro-Paletten wurde eine Bühne gezimmert, zusätzlich diente das idyllische Plätzchen als Badestrand, sogar Beete zur Selbstversorgung wurden angelegt. Tagsüber bot die Palette Platz für Workshops, abends gab es Konzerte, Theater und Lesungen. Getrübt wurde der Spaß nur durch den miserablen Sommer, dennoch ist für das kommende Jahr eine Neuauflage geplant.

Badeparadies für Kinder

Eigentlich war das Seebad Grambke 2014 schon so gut wie am Ende, doch Herman Roosloot und seine freiwilligen Helfer vom 1. FC Burg wollten nicht tatenlos zusehen, wie das beliebte Ausflugsziel verfiel. Eine Spendensammlung und Renovierungsarbeiten machten das scheinbar Unmögliche möglich: Das über 90 Jahre alte Freibad konnte 2016 wiedereröffnen.

Deutscher Bürgerpreis 2017 - Sparkasse am Brill

Hermann Roosloot

Foto: Christina Kuhaupt

„Besonders für kleine Kinder ist es gut geeignet“, sagt Mitstreiter Reimer Kanje, „das Gelände ist umzäunt, immer passt ein Bademeister auf.“ Das Engagement von Roosloot & Co. war der Jury ein Preis in der Kategorie „Alltagshelden“ wert. Das Preisgeld von 3000 Euro kommt gerade recht – der Steg muss erneuert werden.

Zusammen am Tisch

Für ein gesundes Frühstück in der Grundschule Stichnathstraße in Kattenturm sorgen seit fünf Jahren Pastor Ingo Bröckel und seine freiwilligen Helfer von der Paulusgemeinde. Dafür wurde dem 51-Jährigen einer der beiden Sonderpreise zur Kinder- und Jugendförderung in Höhe von 750 Euro zuerkannt.

Deutscher Bürgerpreis 2017 - Sparkasse am Brill

Ingo Bröckel

Foto: Christina Kuhaupt

Meist zwei Erwachsene frühstücken jeden Morgen mit bedürftigen Kindern zwischen sechs und 13 Jahren. „Gemeinsames Essen in der Familie kennen die nicht“, sagt Bröckel. Teils müssten die Kinder auch noch jüngere Geschwister zum Kindergarten bringen. In der Schule seien die Kinder dann unruhig, weil hungrig. „Da fehlt einigen Eltern die soziale Kompetenz.“

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