Unterstützung während der Coronakrise

Ehrenamtliche helfen Menschen aus der Risikogruppe beim Einkaufen

Bestimmte Personen sollten wegen der Coronavirus-Pandemie den Kontakt zu Menschen möglichst ganz meiden. Damit sie weiterhin versorgt sind, organisieren der WESER-KURIER und die Freiwilligen-Agentur Hilfe.
26.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ehrenamtliche helfen Menschen aus der Risikogruppe beim Einkaufen
Von Jean-Pierre Fellmer
Ehrenamtliche helfen Menschen aus der Risikogruppe beim Einkaufen

Die Leiterin des WK-Kulturressorts Iris Hetscher hat für eine ältere Dame aus der Risikogruppe eingekauft.

Jean-Pierre Fellmer

Iris Hetscher steht vor dem Regal mit den Küchenrollen. In ihrer Hand hält sie einen Einkaufszettel. Sie soll eine Packung Haushaltsrollen mitbringen. Aber welche Sorte? „Ich nehme mal die günstigere Variante“, sagt sie und greift zu.

Iris Hetscher ist die Leiterin des Kulturressorts beim WESER-KURIER. An diesem Mittwochmorgen kauft sie nicht für sich ein, sondern für eine ältere Dame und deren Mann. Die Redakteurin ist ehrenamtliche Einkaufshelferin im Rahmen einer gemeinsamen Aktion des WESER-KURIER und der Freiwilligen-Agentur Bremen für Menschen, die derzeit Unterstützung brauchen und niemanden in der Umgebung haben, der ihnen unkompliziert Wege abnehmen kann. Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sollten wegen der Corona-Virus-Pandemie den Kontakt zu anderen Menschen meiden, auch beim Einkaufen. „Als wir bei uns fragten, wer sich vorstellen kann, Bremern beim Einkauf zu helfen und ihnen andere Gänge abzunehmen, haben sich sehr schnell viele Kollegen gemeldet, aus der Redaktion, aber auch aus anderen Abteilungen des Verlags, deren Umfeld versorgt ist“, sagt Chefredakteurin Silke Hellwig.

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Mittwochmorgen, kurz vor 9 Uhr in der Vahr. Iris Hetscher steht vor einem Mehrfamilienhaus, hier wohnt das Ehepaar Broszeit. Sie zieht ein Paar Einweghandschuhe an und drückt auf die Klingel. In der ersten Etage wartet Renate Broszeit, sie steht schon in der Tür. Die ältere Dame trägt ihr schneeweißes Haar als moderne Kurzhaarfrisur sowie eine Brille. „Das letzte Mal war ich am Dienstag draußen, ich musste zum Arzt“, sagt sie. Ihr Mann habe sie gefahren und im Auto gewartet – normalerweise komme er mit in die Praxis. Dieses Mal sei er im Wagen geblieben, um das Risiko einer Infektion zu verringern.

„Ich kann Sie auch zum Arzt fahren“, bietet Iris Hetscher an, die beim Gespräch gebührend Abstand hält. Das sei nicht nötig, sagt Renate Broszeit. Bislang kämen sie und ihr Mann gut mit der Isolation gut zurecht. Sie lese und rätsele viel und verbringe auch Zeit auf dem Balkon. Renate Broszeit ist noch fit, hat bis vor Kurzem noch jeden Donnerstag Sport im Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord gemacht. 26 Jahre lang hat sie beim Gericht gearbeitet, in diesen Tagen telefoniere sie viel mit ihren alten Kollegen und Freunden. „Manche Telefonate muss ich sogar verlegen, weil so viele Leute anrufen.“

„Wer Hilfe beim Einkauf braucht, soll sich einfach melden“

Der Kontakt zu Iris Hetscher wurde dem Ehepaar Broszeit über Lena Blum vermittelt, Geschäftsführerin der Freiwilligen-Agentur. „Ich habe erst zwei Tage gewartet, bevor ich Sie angerufen haben“, sagt Broszeit zur ­WESER-KURIER-Redakteurin. Sie habe sich nicht aufdrängen wollen. „Wer Hilfe beim Einkauf braucht, soll sich einfach melden“, sagt Lena Blum. Auch wer noch fit oder es sonst nicht gewöhnt sei, Hilfe anzunehmen. „Das ist nicht egoistisch, sondern im Gegenteil: Wer sich selbst schützt, der entlastet auch unser Gesundheitssystem.“

Bisher konnte die Freiwilligen-Agentur laut Lena Blum schon 35 Tandempartner vermitteln, jeden Tag gebe es mehr Anfragen. Es sei wichtig, dass sich viele Helfer melden, damit auch jeder Stadtteil abgedeckt sei und die Ehrenamtlichen möglichst kurze Wege haben. Unternehmen wie Bauhof aus der Humboldtstraße hätten ihre Hilfe ebenfalls angeboten. „Es ist gut, wenn sich Unternehmen melden. Das bedeutet viele Helfer gleichzeitig und spart uns Aufwand“, sagt Blum.

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Nicht nur Unternehmen haben ihre Hilfe angeboten: 26 Bürgerschaftsabgeordnete hätten sich – Stand Mittwochnachmittag – bereit erklärt, zu helfen. Auch der Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff ist dabei. Er sagt: „Wir Bremerinnen und Bremer stehen zusammen! In diesen schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass wir als Solidargemeinschaft funktionieren. Wir helfen einander, wenn es drauf ankommt. Gerade jetzt. Deshalb mache ich mit bei der Aktion.“

Engagement der Menschen

Oft böten auch Menschen im Alter über 60 ihre Hilfe an, erzähle Lena Blum. „Das müssen wir aber leider ablehnen“, sagt die Geschäftsführerin. „Die Menschen gehören selbst zur Risikogruppe, auch wenn sie sich noch fit fühlen.“ Insgesamt sei sie vom Engagement der Menschen begeistert. Wer helfen möchte, kann sich montags bis freitags zwischen 10 und 13 Uhr unter der Rufnummer 0421 / 34 20 80 melden oder über www.freiwilligen-agentur-bremen.de.

Mittlerweile ist Iris Hetscher beim Kaufhaus Lestra in der Vahr angekommen. Es ist kurz nach 9 Uhr, und der Laden ist schon gut besucht. Hetscher schiebt den Einkaufswagen gezielt durch die Gänge, stoppt und schaut auf die Liste. Sie führt sie zum Obst und Gemüse. Sie soll Bananen kaufen, aber: Bio oder gewöhnliche? „Ich kenne die Gewohnheiten von Frau Broszeit nicht“, sagt die Kulturchefin. In vielen Punkten ist der Einkaufszettel von Broszeit jedoch ziemlich exakt formuliert: Das Honigregal bietet eine überwältigende Auswahl, der Einkaufszettel lässt hier aber keinen Spielraum für Interpretationen.

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„Es ist ein tolles Gefühl, zu helfen, und es macht wirklich Spaß“, sagt Nico Brunetti, Volontär beim Pressedienst Nord. Der 27-Jährige hat sich ebenfalls beim WESER-KURIER freiwillig für die Aktion gemeldet und ist für eine 78-jährige Frau in seinem Stadtteil Horn-Lehe einkaufen gegangen. Nico Brunetti kommuniziert mit ihr auch per Whatsapp. Er will weiterhin helfen, wenn seine Hilfe benötigt werde.

Iris Hetscher ist an der Kasse angelangt. Sie holt den kleinen, knallroten Geldbeutel raus, den Renate Broszeit ihr mitgegeben hat. Dann geht es zurück auf den Parkplatz. Hetscher muss noch kurz für das Ehepaar zur Apotheke und liefert dann die Einkäufe ab. Keine Stunde hat das gedauert – es war nicht der letzte Einkauf für die Broszeits. Iris Hetscher kehrt nach Hause zurück, ins Homeoffice. Ihr Arbeitstag beginnt, mit einer Buchkritik über einen Roman mit dem Titel „Palast der Miserablen“.

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