Bremer Zeugenbetreuer

Ehrenamtlicher Beistand für Kriminalitätsopfer

In Bremen kümmern sich Mitglieder des Weißen Rings um Menschen, die Verbrechen erlebt haben und dazu vor Gericht aussagen sollen. Drei Ehrenamtliche sprechen über ihre - oft nicht ganz so leichte - Aufgaben.
11.06.2019, 05:53
Lesedauer: 4 Min
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Ehrenamtlicher Beistand für Kriminalitätsopfer
Von Frauke Fischer
Ehrenamtlicher Beistand für Kriminalitätsopfer

Karl-Heinz Hinrichs, Elke Gerken und Wilfried Sieghold (von links) sind Zeugenbetreuer des Weißen Rings und kümmern sich ehrenamtlich um Verbrechensopfer, die bereit sind, vor Gericht auszusagen.

Frank Thomas Koch

Was Wilfried Sieghold, Elke Gerken, Karl-Heinz Hinrichs und ihre Kollegen leisten, klingt erst einmal weniger nach Ehrenamt, vielmehr nach einer großen und womöglich ausfüllenden Aufgabe, die nur beruflich von dafür ausgebildeten Menschen mit regelmäßiger Weiterbildung erledigt werden kann.

Als Mitglieder im Weißen Ring, dem gemeinnützigen und bundesweit einzig tätigen Opfer­hilfe­verein, kümmern sie sich um Menschen, die Verbrechen erlebt haben und dazu vor Gericht aussagen sollen. Mit ihrer Hilfe möchte das Gericht herausfinden, ob der oder die Täter verurteilt werden können.

Diese besonders wichtigen Zeugen, um die sich das Trio kümmert, sind Opfer von Körperverletzung, Raub oder ähnlichen Straftaten geworden. Deshalb treten sie vor Gericht auf. Meistens bietet aber nur ein Mitglied der Gruppe dem Kriminalitätsopfer im Gericht seinen Beistand an, somit können alle Verhandlungstage abgedeckt werden.

Wilfried Sieghold, Elke Gerken, Karl-Heinz Hinrichs und weitere ehrenamtliche Zeugenbetreuer bilden sich in der Akademie des Weißen Rings regelmäßig fort. Auch damit verbringen sie freiwillig ihre Zeit, bekommen dafür keinen Cent.

Sie sitzen in ihrem Büro im Gerichtsgebäude – im Zeugenbetreuungszimmer. Im Wechsel nehmen sie Telefonate an, sie dürfen aber auch als Begleiter die Verhandlungsräume betreten. Ihre Anwesenheit reiche oft schon aus, versichert das Trio, um den Opferzeugen mehr Sicherheit zu geben. Denn anders als Angehörige dürfen die ehrenamtlichen Berater des Opferhilfevereins Weißer Ring, wenn gewünscht, bei den Zeugen Platz nehmen.

Die ehrenamtlichen Zeugenbetreuer haben ein offenes Ohr, sind einfach da und wollen helfen, wo sie gebraucht werden. Oftmals reichen nach ihrer Darstellung schon ein Telefonat oder mehrere Gespräche aus. „Dann möchten die Zeugen erfahren, wie ein Gerichtszimmer aussieht, wie sie sich dort verhalten sollen. Was wird da von mir erwartet? Was soll ich Richter, Staatsanwälten oder dem Verteidiger des Täters oder der Täter sagen?“

Sie bieten sich als Zuhörerin oder Zuhörer an, damit Zeugen die Tat noch einmal jemandem erzählen und mit jemanden darüber sprechen können, der sich bei Gericht auskennt, aber dort keine Seite vertritt. Das Trio kommt, wie die anderen Ehrenamtlichen aus seiner Gruppe, auf diese Weise mit unterschiedlichen Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen zusammen und füllt eine besonders vertrauensvolle Rolle aus.

Vertrauensvolle Gespräche

„Wir erfahren von den Menschen eine Menge“, betont Karl-Heinz Hinrichs. „Wo können sie die schlimme Situation, das Aufeinandertreffen mit dem Täter, ihre akuten Ängste vor dem Prozess noch einmal schildern, oft liegt die Tat selbst ja schon Monate, sogar Jahre zurück.“ Die Zeugenbetreuerinnen und -betreuer kommen aus verschiedenen Berufsgruppen.

Die meisten von ihnen sind bereits in Rente oder Pension. Derzeit, so erzählt Wilfried Sieghold, gebe es nur einen Freiberufler unter ihnen. „Etliche kommen aus dem niedersächsischen Umland.“ Denn in Bremen bekäme man derzeit nicht genug Ehrenamtliche zusammen. Auch Wilfried Sieghold und Karl-Heinz Hinrichs wohnen nicht in der Stadt. Sie sind für das Bremer Land- und das Amtsgericht sowie dessen Zweigstelle in Blumenthal zuständig.

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Seit 20 Jahren gibt es das Zeugenbetreuungszimmer. „Eine bislang einzigartige Einrichtung in der Bundesrepublik“, betonen Wilfried Sieghold und Karl-Heinz Hinrichs. Und wer will, könnte ein bisschen Stolz hinter ihren Aussagen erahnen. Denn Wilfried Sieghold ist bereits seit 18 Jahren ehrenamtlich dabei, Karl-Heinz Hinrichs schloss sich ein Jahr darauf der Gruppe im Weißen Ring an.

In dieser langen Zeit haben sie vieles erlebt. Ein klassisches Beispiel sei der Fall einer Frau, der in den Wallanlagen die Handtasche gestohlen wurde. Natürlich waren damit auch Schlüssel und Handy weg. Sie sah den Täter noch und konnte als Opferzeugin später vor Gericht aussagen.

Karl-Heinz Hinrichs kann sich an etliche Verbrechensopfer erinnern. Seinem Empfinden nach hat die Zahl der Verbrechen, die Opferzeugen vor Gericht notwendig machen, in den vergangenen Jahren zugenommen. Die beiden Männer könnten weiter ins Detail gehen, aber ihre Verschwiegenheit endet nicht damit, wenn ein Fall vor Gericht als abgeschlossen gilt. Nur ein wenig Allgemeines verraten sie über ihren ehrenamtlichen Einsatz.

Darüber hinaus gibt es ja auch noch die professionellen Zeugenschützer, die Betroffenen in den Bundesländern beistehen. Die Ehrenamtlichen vom Weißen Ring nehmen deren Arbeit zur Kenntnis, empfinden sie keinesfalls als Konkurrenz. Die eigene Aufgabe werde damit auch nicht überflüssig, stellen sie fest.

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Gerade wenn das Erlebte lange zurückliege, erzählten die Opfer, dass das Erlebte, die Begegnung mit dem Täter, manchmal ein wenig von den ersten Schilderungen bei der Polizei abweiche, berichten die Zeugenbetreuerinnen und -betreuer. Das wisse das Gericht und lege es den Zeugen nicht negativ aus.

Das seelische Korsett sei oft schwer getroffen, sagen Wilfried Sieghold und Karl-Heinz Hinrichs. Die Zeugen litten sehr, beschreiben sie die Situation der Betroffenen. Darüber hin­aus vergingen auch mal eineinhalb Jahre, bis es mit dem Prozess vorangehe. „Auch das haben wir schon erlebt. Das tut vielen Menschen weh. Und es ist ein Grund für uns, unsere Arbeit fortzuführen.“

Weitere Informationen

Wer sich ehrenamtlich für den Weißen Ring engagieren möchte, kann sich an das Landesbüro Bremen unter der Telefonnummer 32 32 11 oder per E-Mail an lbbremen@weisser-ring.de wenden. Mehr Informationen gibt es online unter www.bremen.weisser-ring.de.

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