Buch-Release-Party

„Eigentlich müsste ich das alles mal aufschreiben“

Der Bremer Hartmut Frensel stellt seine Autobiografie mit dem Titel „Überkreuz und meistens quer“ vor. Eine vorläufige Lebensbilanz.
08.08.2017, 20:21
Lesedauer: 3 Min
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Von Timo Thalmann

Bremen. Keine trockene Buchvorstellung, schon gar keine Lesung, sondern eine „Buch-Release-Party“ erwarte einen hier, machte Moderator Lutz Herkenrath gleich zu Beginn deutlich. Es wurde dann aber doch eher eine Art Talkshow, mit der Hartmut Frensel den über 100 zumeist geladenen Gästen in der Ständigen Vertretung in der Böttcherstraße seine Autobiografie vorstellte. „Überkreuz und meistens quer“, hat der umtriebige 65-jährige Bremer seine vorläufige Lebensbilanz betitelt.

Auf 380 Seiten zeichnet der frühere Gewerkschafter und heutige Unternehmer seinen Weg von Dötlingen nach Bremen und auch durch einige Jahrzehnte Bremer Geschichte nach. Denn nach knapp 90 Minuten Plauderei wirkt Frensel ein wenig wie der Forrest Gump der Hansestadt, der sich mit klarer Haltung und einfacher Lebensphilosophie, aber ohne allzu großes Wollen am Ende an diversen zeitgeschichtlichen Knotenpunkten der Stadt wiederfindet. „Eigentlich müsste ich das alles mal aufschreiben“, habe er irgendwann mal zum Radio-Bremen-Journalist Harald-Gerd Brandt gesagt, der ihm sofort zustimmte. „Da habe ich ihn direkt als Helfer und Mitautor ins Boot geholt.“

Brandt hat dort nachrecherchiert, wo Frensels Erinnerungen nicht mehr alle Details zusammen bekamen und wohl vor allem dafür gesorgt, dass aus seinen Lebensgeschichten nicht nur eine lose Sammlung von ­Anekdoten wurden, sondern sie in bis dahin nur wenig beleuchtete Kapitel der Bremer Zeitgeschichte eingebunden wurden. Das Buch ist in dieser Hinsicht Biografie, Autobiografie und Bremensie zugleich.

„Vom Diskjockey und Rettungssanitäter zum DAG-Bezirksleiter in Bremen, vom Gewerkschafter zum Unternehmer, vom Sozialdemokraten zum Mitbegründer der Wählergemeinschaft Arbeit für Bremen (AFB)“, umreißt der Klappentext den äußeren Werdegang. Tatsächlich bietet jedes Stichwort Stoff für ganze Buchkapitel. Frensels Bremer Wirken begann demnach als kaufmännischer Lehrling in einem Plattenladen. Der Schritt zum Diskjockey in den Bremer Kultlokalen der 60er- und 70er-Jahre war von da aus nicht weit, zumal der Musikfan Frensel schon mit zwölf Jahren bei Radio Bremen vorsprach und im Radio singen wollte. Tatsächlich gehörte er später so nachhaltig zum Hinter-den-Kulissen-Team des legendären Beat-Clubs, dass Uschi Nerke, die langjährige Moderatorin der Musiksendung, jetzt zur Buch-Release Party anreiste.

Hauptberuflich erfand Frensel zur gleichen Zeit den Beruf des Rettungsassistenten. Den gab es nämlich in dieser Form noch nicht, als er Anfang der 70er-Jahre zunächst als Zivi, später dann hauptberuflich beim Roten Kreuz als Rettungssanitäter auf einer Wache am Osterdeich arbeitete. „Zu der Zeit gab es 13 Wochen Schulung, dann wurden wir auf die Menschheit losgelassen. Das war eigentlich ein skandalöser Zustand“, erinnert er sich. Also engagierte er sich für eine geregelte Berufsausbildung der Sanitäter und schlug mit einer Kampagne hohe Wellen von Bremen, über die Tagesthemen und die Politmagazine der ARD bis ins Kanzleramt. „Die haben mich eines Tages eingeladen oder herzitiert – wie man will.“ Dort traf der junge Kettenraucher Frensel auf den schon etwas älteren Kettenraucher Schmidt.

„Wir verstanden uns gleich ganz gut und Schmidt fragte nur, wie er helfen kann, damit dieser – wörtlich – Scheiß aufhört, den wir hier veranstalten würden.“ Schmidt versprach schließlich, eine gesetzlich geregelte Berufsausbildung auf den Weg zu bringen und Frensel im Gegenzug, nun die Füße still zu halten. “Hat dann noch mal drei Jahre gedauert, weil die ganzen Rettungsorganisationen die Ausbildung nicht bezahlen wollten, aber schließlich wurde das ein richtiger Beruf.“ Da allerdings war Frensel schon weiter gezogen und Bezirksleiter der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG) in Bremen, aus der später durch den Zusammenschluss mit der ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport. Verkehr) die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) entstand.

Als Gewerkschaftschef trug Frensel Ende der 80er-Jahre mit dem Kaffeeröster Eduscho – später von Tchibo übernommen – einen Arbeitskampf aus, „der nur mit den härtesten Bandagen geführt wurde“, wie es Mitautor Brandt formuliert. Dabei war Frensels Ziel nicht groß. „Wir wollten einen Tarifvertrag, ganz einfach“, sagt er. Doch Eduscho-Chef Rolf Schopf ging so rigoros gegen Beleg- und Gewerkschaft vor, dass am Ende die IG Metall der nicht zum DGB gehörenden DAG solidarisch beisprang und Eduscho-Kaffee medienwirksam aus den Kantinen von Daimler Benz entfernte.

Das nächste Kapitel mit Frensels Beteiligung ist die wohl erste bürgerliche Protestpartei der Bundesrepublik, die unter dem Namen „Arbeit für Bremen“ (AFB) 1995 mit 10,7 Prozent und zwölf Abgeordneten in die Bremer Bürgerschaft einzog. Die bis dahin regierende erste Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP in Deutschland war damit beendet, es folgte die Große Koalition unter Bürgermeister Henning Scherf. Frensel verblieb dabei allerdings die Rolle des Konkursverwalters. Er übernahm 1999 den Vorsitz der AFB, die dann an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und sich 2002 auflöste.

In dieser Hinsicht entpuppten sich am Ende Buch und zugehörige Release-Party als naturgemäß persönlich gefärbte Aufarbeitung bislang unerzählter Kapitel der Bremer Gewerkschafts- und Stadtgeschichte.

„Wir wollten einen Tarifvertrag, ganz einfach.“ Hartmut Frensel
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