Frust in Hemelingen wegen Schlichthäusern und Verkehr in Hannoverscher Straße / Beirat will kämpfen

Eigentümer will Abriss am Sacksdamm

Hemelingen. Die Schlichthäuser werden Hemelingen noch eine Zeit lang begleiten – das wurde in der öffentlichen Beiratssitzung im Bürgerhaus Hemelingen deutlich. Zum ersten Mal äußerte sich ein Vertreter des Immobilienunternehmens Vonovia, in dessen Besitz die Häuser sind, öffentlich vor den Mitgliedern des Beirats, Besuchern und Bewohnern der Häuser am Sacksdamm und in der Alten Landwehr in Sebaldsbrück.
15.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von CHRISTIAN HASEMANN
Eigentümer will Abriss am Sacksdamm

Ein verlassener Einkaufswagen steht vor den heruntergekommenen Schlichtbauten an der Alten Landwehr in Sebaldsbrück. Die letzten beiden Mieter werden jetzt ausziehen.

Petra Stubbe

Hemelingen. Die Schlichthäuser werden Hemelingen noch eine Zeit lang begleiten – das wurde in der öffentlichen Beiratssitzung im Bürgerhaus Hemelingen deutlich. Zum ersten Mal äußerte sich ein Vertreter des Immobilienunternehmens Vonovia, in dessen Besitz die Häuser sind, öffentlich vor den Mitgliedern des Beirats, Besuchern und Bewohnern der Häuser am Sacksdamm und in der Alten Landwehr in Sebaldsbrück.

Tim Tebbe, stellvertretender Regionalleiter der Vonovia, stand den Bewohnern und den Mitgliedern des Beirates Rede und Antwort – was durchaus von den Anwesenden honoriert wurde. Allerdings: So recht zufrieden mit seinen Antworten war eigentlich niemand. Der Regionalleiter war höflich, aber auch unverbindlich, wich Fragen eher aus als konkrete Antworten zu liefern. „Wir beschäftigen uns mit der Zukunft der drei Siedlungen in unserem Besitz und haben verschiedene Konzepte erarbeitet.“ So wolle die Vonovia die Reihersiedlung in Oslebshausen – gegen den Willen des dortigen Beirats – erhalten. „Am Sacksdamm und in der Holsteiner Straße haben wir Zustände vorgefunden, die eine Weitervermietung unmöglich machen.“ Eine sinnvolle Sanierung sei nicht möglich und deshalb der Abriss geplant. Man werde in den angesprochenen Straßen „relativ günstig neu bauen“ und geförderten Wohnraum schaffen.

Noch wohnen allerdings Mieter am Sacksdamm – diese müssten für einen Abriss erst einmal umziehen. Bertholt Reetz vom Bündnis Menschenrecht auf Wohnen fordert, dass die Siedlungen erhalten werden sollten. „Immer mehr Menschen werden wohnungslos, und Wohnraum wird immer knapper.“ Er glaubt nicht daran, dass die Vonovia Ersatz baut, den sich die Mieter leisten könnten.

„Wir haben alle Mieter zu Gesprächen eingeladen, um zu erfahren, was die Kriterien für sie sind“, entgegnete Tim Tebbe. Die Vonovia versuche, für jeden Mieter etwas Passendes zu finden. „Und die ersten Umsetzungen finden schon statt.“

Anwesende Bewohner bemängelten, dass die angebotenen Wohnungen zum Teil in deutlich schlechterem Zustand gewesen seien, als ihre bisherigen. Tim Tebbe räumte ein, dass auch Wohnungen angeboten worden seien, in denen noch was gemacht werden müsse und in denen „man etwas Vorstellungsvermögen mitbringen muss“.

Ralf Bohr (Grüne) brachte die Möglichkeit einer Nutzung der fast 60 leer stehenden Wohnungen in Sebaldsbrück ins Spiel. „Warum nicht eine Zwischennutzung? Wir haben Wohnungsnot in der Stadt, und sie schließen die Türen ab?“ Gerhard Scherer (CDU) probierte es mit einem Kompromissvorschlag: „Unser Ziel ist es, dass die Menschen an dieser Stelle wohnen bleiben können, man könnte erst einen Teil abreißen, umziehen und dann den nächsten Teil abreißen.“ Der Regionalleiter der Vonovia machte mit seiner Antwort deutlich, dass diese Ideen zur Zeit in den Überlegungen des Konzerns noch keine Rolle spielen. „Unsere Lösung ist es, dass wir einen Teil der Siedlungen verkaufen, das ist unser Kompromiss.“

Verkauft werden soll die Reihersiedlung in Oslebshausen. Zur Entscheidungsfindung, welche Siedlungen abgerissen werden und welche erhalten werden sollen, sagte er: „Wir mussten irgendwo anfangen und haben auf Basis vieler Faktoren eine Entscheidung getroffen.“ Welche Faktoren dies waren, verriet er allerdings nicht. Eine Zwischennutzung sehe die Vonovia als nicht sinnvoll an.

Die Summe seiner Aussagen interpretierten im Anschluss Beobachter und Beiratsmitglieder dahingehend, dass die Vonovia an ihrem Plan festhalten und weiter versuchen wird, die bisherigen Mieter zu einem Umzug zu bewegen. Entscheidend seien wohl ökonomische Gründe. Unter anderem die Lage und die gute Anbindung an den Nahverkehr und mit dem Sebaldsbrücker Bahnhof auch an den Regionalverkehr – wenn auch eingeschränkt – macht die Gegend attraktiv. Attraktiver als die Reihersiedlung in Oslebshausen.

Einstimmig beschloss der Beirat, dass die Baubehörde die Anwohner der Straßen Am Sacksdamm und der Alten Landwehr bei der Durchsetzung ihrer Bürger- und Mieterinteressen unterstützen soll. Außerdem wird eine Zwischennutzung und eine Bewohner- und Beiratsbeteiligung durch die Vonovia gefordert.

Ein weiterer Punkt, der beim Beirat und den Besuchern Unmut erregte, ist das zähe Ringen um die Einrichtung einer Tempo-30-Zone in der Hannoverschen Straße. Der Beirat hatte schon unter dem Amtsvorgänger von Ortsamtsleiter Jörn Hermening, Ullrich Höft, dort Tempo 30 gefordert – dies wurde von der zuständigen Behörde abgelehnt. Aus Sicht des Beirats ohne schlüssige Begründung. „Schon im Februar hatte der alte Ortsamtsleiter an die übergeordnete Stelle geschrieben, dass die Gründe nicht nachzuvollziehen sind“, machte Beiratssprecher Uwe Jahn (SPD) deutlich. „Und bisher ist keine Reaktion erfolgt.“ Man wolle nun Gespräche auf Staatsratsebene führen. Im Übrigen bemängelte Jahn den anscheinend zum Teil fehlenden Willen zur Zusammenarbeit in der Behörde. Er flüchtete sich in Galgenhumor: „Ich kann Ihnen aus der Beiratskonferenz berichten, dass wir alle gleich behandelt werden: gleich schlecht.“

Vertreter des Amtes für Straßen und Verkehr (ASV) hatten die Teilnahme an der Beiratssitzung abgelehnt. Ralf Bohr kündigte an, dass der Beirat gegebenenfalls Rechtsmittel gegen die Entscheidung der Behörde einlegen werde. „Wir bleiben dran, da können Sie sicher sein“, teilte er den Anwohnern mit. Eine gewisse Verdrossenheit und Resignation schwang bei der Aussage eines Anwohners mit: „Ich kann mich nur wundern über die Zähigkeit des Verfahrens, ich denke, wir wohnen in einem Rechtsstaat, wo Behörden transparent ihre Entscheidungen begründen.“

Mit drei Enthaltungen fasste der Beirat den Beschluss, dass per sofortiger Anordnung eine Tempo-30-Zone in der Hannoverschen Straße eingerichtet werden soll. Im Falle einer erneuten Ablehnung beantragt der Beirat Rechtsberatung durch das Justizressort.

„Eine sinnvolle Sanierung ist nicht möglich.“ Tim Tebbe von der Vonovia
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